Esslinger Zollberg Ein Waldheim voller Geheimnisse
Es hat Geschichte. Doch alle seine Geheimnisse gibt das Waldheim auf dem Esslinger Zollberg nicht preis. Wer es 1933 in Brand steckte, wurde nie geklärt.
Es hat Geschichte. Doch alle seine Geheimnisse gibt das Waldheim auf dem Esslinger Zollberg nicht preis. Wer es 1933 in Brand steckte, wurde nie geklärt.
Rollläden sind heruntergelassen. Ein Fenster wurde zugemauert. An der Eingangstür stehen Pylone, ein Bauzaun und andere Absperrungen. Ein Gitter verhindert den Eintritt, und ein Schild verkündet, dass die Gaststätte wegen Renovierungsarbeiten vorübergehend geschlossen sei. Von den Plätzen und Sportanlagen nebenan sind Gelächter, Anfeuerungsrufe und Enttäuschungsseufzer zu hören – doch die Waldheim-Gaststätte auf dem Esslinger Zollberg ist an diesem Morgen in einen Dornröschenschlaf verfallen und träumt wohl von anderen Zeiten. Von damals, als das Waldheim noch vor Leben pulsierte.
Raus aus der engen Wohnung, rein in die freie Natur – das Waldheim sollte sozial schwachen Familien einen Ausgleich zum harten Alltag bieten. Es war als Treffpunkt für Erholung, Begegnung, Geselligkeit und Freizeitgestaltung gedacht. Ein Ausflugsziel ohne Verzehrzwang wurde angestrebt, das aber auch gleichzeitig die Möglichkeit zu preiswertem Essen und Trinken bot. Der 1898 gegründete Arbeiter-Turnverein Esslingen wollte diese Pläne in die Tat umsetzen. Nach Recherchen des Esslinger Stadtarchivs im eigenen Fundus erwarb der Verein 1908 das Grundstück auf dem Zollberg, und am 4. Februar 1912 wurde der Verein Waldheim von Stadtrat Otto Friesch und anderen Mitgliedern des Arbeiter-Turnvereins in der Gaststätte „Friedrichsau“ gegründet.
Sie machten sich ans Werk. Ein Blockhaus wurde errichtet, der Sportplatz vergrößert, Erweiterungen von Areal und Gebäude durchgeführt. 1922 erlebte die erste „Kinderkolonie“ hier vergnügliche Stunden, und ab 1924 verbrachten Ferienkinder der Arbeiterwohlfahrt Teile ihrer schulfreien Zeit im Waldheim. Ein Baufonds fiel zwar der Inflation zum Opfer, doch die Betreiber ließen sich nicht entmutigen. Es folgten der Bau eines Wirtschaftsgebäudes und der Kauf angrenzender Grundstücke. Sogar einen Rehpark gab es. Selbstbewusst warben die Verantwortlichen mit einer „schönen Erholungsstätte“, einem Waldheim-Haus-Raum für 300 Personen, „einer neuzeitlich eingerichteten Küche“ sowie „Weinen und prima Eßlinger Bieren“.
Doch der Höhenflug wurde jäh gestoppt. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht, und auch die Waldheim-Bewegung geriet in ihr Visier. Durchsuchungen und die Besetzung des Waldheims durch die SA waren wohlkalkulierte Schikanen. Bereits im April 1933 wurde der Arbeiterturnverein aufgehoben und das Waldheim endgültig beschlagnahmt. Nach einem Brand, dessen Ursache und Urheber nie ganz geklärt werden konnten, wird ein NS-Freizeitheim an Stelle des abgebrannten Gebäudes errichtet.
Nach dem Ende der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg lief das Leben zögerlich wieder an. Die US-Amerikaner nutzten die Räumlichkeiten als Casino, doch im Juli 1948 wurde das Gelände laut Esslinger Stadtarchiv im Rahmen der Wiedergutmachung zurückgegeben. Der Arbeiterturnverein benannte sich 1957 in TSG Waldheim Esslingen um und fusionierte 1980 mit dem Waldheim-Verein.
Die TSG nutzt die Sportanlagen weiterhin für sportliche Zwecke. Anfang 2021 hatte das Ehepaar, das die Gaststätte seit 1981 gepachtet hatte, seine Tätigkeit aufgegeben. Die Waldheim-Gaststätte wurde geschlossen.