Waldkalkung auf dem Schurwald 500 Hektar unter einer Kalkschicht

Im Schnitt kommen vier Tonnen Dolomitkalk auf jeden Hektar. Foto: Tom Weller

Wie schon im vergangenen Jahr bekommen 500 Hektar Staatswald im Forstbezirk Schurwald eine Kalkdusche. Das soll den Bäumen Nährstoffe geben und den Boden weniger sauer machen.

Böblingen: Julia Theermann (the)

Schurwald - Wenn der Laie sich beispielsweise die Buchen auf den 1400 Hektar Staatswald im Forstbezirk Schurwald anschaut, er würde nicht bemerken, dass es ihnen nicht gut geht: grüne Blätter, zahlreiche Bucheckern. Doch der Schein trügt, verrät Revierleiter Joachim Schweizer von ForstBW. Die Buchen verpulvern ihre letzte Energie, um noch möglichst viele Nachkommen auszusäen. Auch die vielen grünen Blätter täuschen, denn sie sind nur sehr klein – unter anderem, weil der Baum seine ganze Kraft in die Früchte steckt und nicht in das Laub, das die Energie für die nächste Saison speichert. Ein Grund, dass viele Bäume aktuell leiden, ist die Trockenheit der vergangenen Jahre. Aber auch Stickstoffeinlagerungen, die aus Emissionen der Industrie der 1970er- und 1980er-Jahre stammen, machen die grünen Riesen zu schaffen. „Die Stickstoffeinträge haben damals zwar zu einem rasanten Waldwachstum geführt, aber das war wie ein Strohfeuer: es fehlt die Basis“, erklärt Schweizer. Jetzt gehe den Bäumen die Luft aus.

 

17 Kalkhaufen liegen im Wald

Helfen soll ihnen eine kräftige Dosis Dolomitkalk, den ein Hubschrauber seit Mittwoch auf einem Drittel des Baumbestands im Forstbezirk verteilt. Der Kalk hebt den pH-Wert des Bodens und Magnesium im Boden anreichern. Bereits im vergangenen Jahr waren 500 Hektar gekalkt worden. Im kommenden Jahr findet die Kalkung erneut statt. Vier Tonnen Kalk bringt der Helikopter im Schnitt pro Hektar aus einem Kübel aus, der an 20 Meter langen Stahlseilen hängt. Etwa alle zwei Minuten belädt ein Radlader den Kübel, nachdem der Hubschrauber ihn im Schwebflug auf den Boden gesetzt hat. Dann geht es wieder los.

Für den Piloten eine Herausforderung, denn aufgrund des langen Seils müssen die Bäume, die um die Ladestelle herumstehen, alle kürzer als 20 Meter sein. 17 solcher Ladestellen haben Lastwagen noch am Dienstag im Wald aufgeschüttet. Alle ein bis zwei Tage ist ein weiterer großer Kalkhaufen verbraucht. „Es ist ideal, wenn er seitlich heranfliegen kann“, sagt Schweizer. Im Revier gebe es aber wenige Freiflächen, wo das möglich sei.

EU fördert Waldkalkung

Der Pilot hat zudem ein straffes Zeitfenster. Jede Minute, die er fliegt, kostet seine Auftraggeber 30 Euro. Seit 2016 fördert die EU solche Waldkalkungen. Das Förderprogramm ist erst einmal auf zehn Jahre ausgelegt. Rund drei Wochen lang ist der Helikopter auf dem Schurwald im Einsatz.

Begonnen hat er am Mittwoch an der Goldbodenkreuzung und wird zunächst das Tal zwischen Baltmannsweiler und Thomashardt kalken – bis an die Grenze von Reichenbach. Als nächstes wird zwischen Thomashardt und Büchenbronn gekalkt. In dieser Zeit sind sämtliche Zugänge zum Wald gesperrt. Radfahrer, Holzfuhrwerke und Imker würden diese Einschränkungen wohl am ehesten bemerken, sagt Jürgen Sistermans-Wehmeyer, der bei ForstBW für den Geschäftsbereich Waldnaturschutz, Öffentlichkeitsarbeit, Waldpädagogik und Zertifizierung zuständig ist. „Wir kontrollieren die Sperrungen regelmäßig“, sagt er.

Wirkung erst nach Jahren

Zwar sei der Kalk für Mensch und Tier absolut unschädlich – es handelt sich um das gleiche Material, das auch auf den Schotterwegen im Wald zu finden ist – aber während der Hubschrauber über den Baumwipfeln unterwegs ist, kann nicht ausgeschlossen werden, dass unvollständig gemahlene Steine oder Packen von komprimiertem Kalk aus dem Kübel fallen. „Das kann lebensgefährlich werden“, sagt Sistermans-Wehmeyer.

Der Kalk aus dem Kübel stürzt aber nicht sofort in einem Schwall auf den Waldboden. Vielmehr fängt er sich an den Blättern und Nadeln. So kann er nach und nach zu Boden rieseln. „Das ist auch gut, denn dann kommt nicht sofort die gesamte Dosis auf dem Waldboden an und wird eventuell vom Oberflächenwasser weggespült“, erklärt Schweizer. Es dauere nämlich eine Weile, bis der Boden „merkt“, dass ihm Nährstoffe zugeführt wurden. Und auch bis der Kalk in die wirkungsvolle Tiefe von 50 Zentimetern getragen wurde – zum Beispiel von Mikroorganismen – vergeht einige Zeit.

Langer Atem

Doch wo wird gekalkt und wo nicht? „Natürlich gehen wir bei der Kalkung nicht nach dem Gießkannenprinzip vor“, erläutert Schweizer. Rund ein Jahr, bevor die nächste Kalkung beginnt, werden Bodenproben genommen und von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg analysiert. Anhand der Ergebnisse können die zu kalkenden Flächen geplant werden. Einige Flächen stellen sich dabei als bereits gut versorgt heraus. Und es gibt auch Ausschlussflächen – zum Beispiel an Straßen oder direkt am Ortsrand.

Erst nach zehn Jahren kann eine Bodenprobe zeigen, was die Waldkalkung gebracht hat. In der Forstwirtschaft hat man aber einen langen Atem. „Wenn wir etwas anstoßen, dann hat das einen 200-Jahre-Zeithorizont“, sagt Sistermans-Wehmeyer. In den aktuellen veränderlichen Zeiten werde solche Langzeitforschung aber zum gesellschaftlichen Auftrag werden müssen, sagt er. Schließlich geben es ohne Bäume viele Gegenstände des täglichen Lebens – zum Beispiel Klopapier – nicht.

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