An der Waldorfschule in Winterbach ist nach turbulenten Monaten Ruhe eingekehrt. Foto: Gottfried Stoppel/Archiv
Eine Waldorfschule im Rems-Murr-Kreis kündigt einen Lehrer, weil sie mit seiner Unterrichtsführung nicht mehr einverstanden ist. Bis vor Kurzem noch erschien so etwas unvorstellbar. Die Schule hat offenbar dazu gelernt.
Der Satz, der es in sich hat, kommt ganz unspektakulär daher. Er lautet: Die WaldorfschuleEngelberg in Winterbach hat einem Lehrer gekündigt.
Obwohl der Lehrer fachlich anerkannt war und sein Unterricht als sehr gut galt. Trotzdem sagt Felix Maier, der Geschäftsführer der Schule: „Wir wollten ihn nicht weiterbeschäftigen.“ Um die Bedeutung des Vorgangs zu ermessen, ist auch wichtig zu wissen: Auf dem Engelberg hat es in den vergangenen zwei Jahren massive Proteste von Eltern gegen eine Lehrerin gegeben. Dabei konnte der Eindruck entstehen, dass Waldorf-Lehrkräfte unfehlbar seien und Kritik an ihnen ein Sakrileg. Dass die Schule nun reagiert hat, wie sie reagiert hat, ist auch ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Felix Maier sagt deshalb auch: „Wir haben dazugelernt.“
Und das, so viel dürfte damit klar sein, macht die Information über die Kündigung eines Lehrers nicht nur für die Waldorfschule auf dem Engelberg relevant.
Die Geschichte beginnt Ende des vergangenen Jahres. Einige Eltern beklagen den Ton des Fachlehrers gegenüber ihren Kindern. Die Schule spricht mit ihm. Die Kollegen wissen um seine bisweilen ruppig anmutende Art – aber auch um seinen sehr guten, allgemein geschätzten Unterricht. Die Schule regt ein Coaching an und setzt schließlich, Anfang dieses Jahres, erfahrene Kollegen zur Beobachtung in den Unterricht des Lehrers. Die Hospitation bestätigt die Vorwürfe. Selbst unter Beobachtung agiert der Lehrer auf eine Weise, die den Pädagogen missfällt.
Verbale Übergriffe
Felix Maier betont, dass es nicht um körperliche Übergriffe gehe. Der Ton sei es gewesen, der nicht akzeptabel gewesen sei. Die verbale Ansprache der Schüler habe als demütigend und beleidigend empfunden werden können, Details oder Beispiele nennt er keine. Der Lehrer wird erneut ins Gebet genommen. Doch Maiers Angaben zufolge sieht der Lehrer nicht ein, dass er an seinem Stil etwas ändern sollte. Die Schule stellt ihn zunächst frei, schließlich kündigt sie ihm.
Eigentlich, sollte man meinen, ist das nichts Besonderes. Wenn ein Arbeitgeber mit einem Arbeitnehmer nicht mehr zufrieden ist, kann er ihm kündigen. Für eine Waldorfschule, eine Privatschule, an der Lehrer eine ganz besondere Stellung haben, erscheint ein solches Ende des Arbeitsverhältnisses jedoch ungewöhnlich. Vor allem, wenn es wie in diesem Fall, weniger um Verfehlungen der allerschlimmsten Art geht, sondern um einen als teilweise unangemessen empfundenen Ton.
Vor 20 oder 30 Jahren sei es normal gewesen, so zu reden, wie der nunmehr ehemalige Kollege bisweilen mit seinen Schülern, sagt Felix Maier. Doch heute wolle man das so nicht mehr akzeptieren. „Wir sind wacher geworden“, sagt Felix Maier, der damit auch auf das anspielt, was seine Schule zuletzt in die Schlagzeilen gebracht hatte.
Im ersten Fall hatten Eltern ein Mobbing gegenüber ihrem Sohn beklagt – und sich von der Klassenlehrerin dabei so alleine gelassen gefühlt, dass sie sich nicht anders zu helfen wussten, als Anzeige zu erstatten. „Wir haben uns wahnsinnig machtlos gefühlt“, sagte der Vater damals, der sich von der Schule und ihren Gremien in keiner Weise ernst genommen fühlte, sondern als Querulant, der den Frieden auf dem Engelberg störte. Dazu schien auch das Ende dieser Geschichte zu passen: Der Sohn verließ letztlich zwar die Winterbacher Waldorfschule – allerdings weil Felix Maier den Schulvertrag mit den Eltern gekündigt hatte.
Im zweiten Fall waren gleich mehrere Eltern so unzufrieden mit derselben Lehrerin, dass sie ihre Kinder selbst und freiwillig von der Engelbergschule abmeldeten. Unüberbrückbar waren die Differenzen über ihren Unterrichtsstil und die Art ihrer Kommunikation. Die Situation eskalierte, und am Ende verließen insgesamt sechs Kinder der fraglichen Klasse die Schule, die von den Eltern mit Vorwürfen überschüttet wurde. Sie fielen auch noch in eine Zeit, in der Waldorfschulen besonders kritisch beäugt wurden. Jan Böhmermann widmete ihnen sogar ein ganzes „ZDF Magazin Royale“.
Kontroverse Debatten über Rudolf Steiners Weltbild
Da waren die Coronaskeptiker, von denen es unter den Anthroposophen besonders viele zu geben schien – in der Folge gab es kontroverse Debatten über das Weltbild Rudolf Steiners. Und da waren natürlich die Fälle von Missbrauch oder zumindest Misshandlungen an Waldorfschulen quer durch die Republik, die viel Beachtung fanden – und in deren Mittelpunkt jeweils Lehrer mit einem immensen Ansehen standen. Mittendrin der Engelberg, wo Felix Maier die Vorwürfe gegen die Lehrerin als unbegründet zurückwies und die Ursache für die Unruhe in unterschiedlichen Vorstellungen zwischen Eltern und Schule sah.
Es ist nicht so, dass Felix Maier nun gerne über den Fall des gekündigten Lehrers spricht. Am liebsten würde er gar nicht darüber sprechen, sondern einfach seine Schule führen, an der nun wieder Ruhe eingekehrt ist. Zumal vor Gericht, wo der Fall gelandet war, vereinbart wurde, dass alle Parteien darüber Stillschweigen bewahren werden.
Ganz hinter verschlossenen Türen ließ sich das Geschehen allerdings nicht halten, Informationen sickerten nach außen. Deshalb spricht der Geschäftsführer – im Beisein zweier Lehrer der „Kollegialen Leitung“ – eben doch das Nötigste. Und, wenn schon, auch das Wichtigste. Dazu gehört ebenjener Satz: „Wir sind wacher geworden.“
Felix Maier, der Geschäftsführer der Schule Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel
Auf dem Engelberg hat sich in den vergangenen Monaten einiges geändert. Ein Konzept zur Gewaltprävention wurde erarbeitet, eine Schulsozialarbeiterin gehört seit Neuestem zum Kollegium, und das Konfliktmanagement ist verbessert worden. Wer sich über etwas beschweren möchte, erfährt nun dank Broschüre und Homepage detailliert, an wen er sich wenden kann. Und – falls es zu keiner Klärung kommt – welche Möglichkeiten es dann gibt. Was vor allem ja bedeutet, dass man offener ist für Beschwerden. Elternklagen über einen „demütigenden und beleidigenden“ Ton wäre vor zwei Jahren womöglich noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit geschenkt worden.
Neue Offenheit und Transparenz
„Wären wir damals schon gestanden, wo wir heute stehen, hätten wir anders reagiert“, sagt Felix Maier. Er meint die Offenheit und Transparenz, mit der die Schule bei aufkeimenden Problemen nun handle. So braue sich im Idealfall erst gar nichts zusammen. „Auch zum Schutz von Kollegen.“
Was an der Schule los war, kann man ahnen, wenn man die Kommentare im Internet liest und von den Unterschriften und Briefen weiß, die Eltern gegen die Lehrerin gesammelt und verfasst haben.
Man kann die Neuerungen in Winterbach ungewöhnlich finden oder besser: für selbstverständlich halten. Zumindest im Vergleich mit staatlichen Schulen, wo es seit je klare Strukturen gibt. Im Falle einer Eskalation zwischen Eltern und Lehrkräften schaltet sich die Schulaufsicht ein. An einer Privatschule, wie die Waldorfschule eine ist, hat die Behörde aber wenig zu melden. Das meiste müssen Eltern mit der Schule ausmachen. Der Waldorf-kritische Blogger Oliver Rautenberg sieht in dieser selbstverwalteten Struktur die Gefahr, „dass vieles unter den Teppich gekehrt wird“.
Andererseits kann man in den Neuerungen auch ein Zeichen sehen dafür, dass sich tatsächlich etwas ändert. Nele Auschra, die Sprecherin des Bundes der Freien Waldorfschulen, zumindest betont bei vielen Gelegenheiten, dass man sich der Kritik stelle und Schulen, Ausbildung sowie Pädagogik durchleuchte. Ein Konzept zur Gewaltprävention zum Beispiel ist inzwischen Pflicht an den Schulen.
Als die Waldorfschule in Winterbach den Lehrer freigestellt hat, hat sie die Eltern der betroffenen Kinder kurz und knapp informiert. Man sei mit seiner Unterrichtsführung nicht zufrieden, schrieb sie in der Begründung. Das war im Frühjahr. Als der Fall abgeschlossen war, gab es für den Lehrer eine kleine Abschiedsfeier, die „harmonisch“ verlief. Das war im Oktober. Dass sich der Fall so lange zog, lag daran, dass der Mann gegen seine Kündigung geklagt hatte. Das Verfahren endete schließlich mit einem Vergleich. Zu dem gehört, dass der Lehrer eine Abfindung bekommt.
Über deren Höhe macht Felix Maier keine Angaben. Auch das gehört zu dem Vergleich, dem die Schule vor allem aus einem Grund zugestimmt hat: Sie wollte vermeiden, dass das Arbeitsgericht in einem Urteil womöglich zu dem Schluss kommt, dass die Schule den Lehrer weiter beschäftigen muss.