Walt Disney gerät mit US-Presse aneinander Micky Maus gerät in Rage

Auch die epischen Leinwandprügeleien in Superheldenfilmen wie „Thor: Tag der Entscheidung“ haben Disney zum mächtigsten Filmstudio Hollywoods gemacht. Foto: Marvel Studios

Der Medienkonzern Walt Disney grollt amerikanischen Journalisten. Ein läppischer Zank nebst Kinoaussperrung wirft große Fragen auf: Wie viel Einfluss auf Politik und Medien will der wachsende Konzern nehmen? Seinem Chef Bob Iger wird jedenfalls der Ehrgeiz nachgesagt, US-Präsident zu werden.

Hollywood - Auch Riesen kennen Beinbeschwerden. Walt Disney, seit Jahren die stärkste Kraft in Hollywood, hat gerade ein Zucken im Knie eingestehen müssen. Die Einnahmen im vierten Geschäftsquartal liegen ein wenig unter den Erwartungen, prompt hat die Aktie nachgegeben. Schuld am Rückgang trägt ein tiefgreifender Strukturwandel. Die Hinwendung zu Streaming-Diensten führt dazu, dass der DVD-Markt schrumpft und Kunden von Kabelsendern wie Disneys ESPN sich abwenden.

 

Bei den Großen der Branche weckt dieser Wandel Wachstumsbegierden, denn wer nicht alles unter einem Konzerndach habe, also Produktionsstudios für Inhalte, Streaming-Dienste zur Programmverbreitung sowie technische Dienstleister zum Signaltransport, so die herrschende Lageeinschätzung, werde kaum mithalten können auf dem Bewegtbildmarkt.

Eine ausdrückliche Strafmaßnahme

Wachsende Medienkonzerne aber sind nicht bloß eine Frage von Aktienkursen. Sie sind auch ein Problem von politischer Einflussnahme. Daran sind Amerikas Journalisten in den vergangenen Tagen schockartig erinnert worden, als Disney, zu dessen Programm Kassenknüller wie die Superheldenfilme aus dem Marvel-Universum und die „Star Wars“-Reihe gehören, gegenüber einem einzelnen Pressehaus die Muskeln spielen ließ.

Hollywoods Studios zeigen der Presse neue Filme regelmäßig vorab, damit die Kritiken rechtzeitig zum Kinostart erscheinen können. Aus diesen Pressevorführungen hatte Disney die Kritiker der Tageszeitung „Los Angeles Times“ ausgesperrt – ausdrücklich als Strafmaßnahme für unliebsame, aus Sicht von Disney „einseitige und unfaire“ Berichterstattung in anderen Teilen der Zeitung. Die „Los Angeles Times“ hatte in einer zweiteiligen Serie über Disneys Einfluss auf Stadtverwaltung und Gemeinderat von Anaheim berichtet, jener Ortschaft, auf deren Gemarkung Disneys besucherstarker Themenpark Disneyland liegt.

Was man im ersten Moment für eine läppische Trotzgeste halten könnte, ist von der amerikanischen Presse sofort als Testballon gedeutet worden, als erpresserischer Angriff auf ihre Freiheit. Kollegen andernorts solidarisierten sich mit den Ausgesperrten, die „New York Times“ und andere Medienhäuser kündigten an, Disneys Pressevorführungen zu boykottieren, solange die Kritiker der „Los Angeles Times“ dort nicht wieder zugelassen seien.

Unangenehme Konsequenzen

Noch unangenehmer für Disney allerdings erwies sich der Umstand, dass in den USA bald das Vorspiel zum Oscar-Spektakel 2018 beginnt, traditionell mit den Verkündigungen der Jahrespreise diverser lokaler Filmkritikergruppen. Die ersten dieser Fachjournalistenzirkel in Boston, New York, Los Angeles und sogar im kanadischen Toronto hatten angekündigt, als Konsequenz der Aussperrung Disney-Filme bei ihren diesjährigen Preisvergaben nicht zu berücksichtigen.

Solch eine anschwellende Boykottwelle hätte erheblichen Solidaritätsdruck auf die Vereinigung der Auslandspresse in Hollywood ausgeübt. Und dieses Häuflein vergibt die für Disney durchaus wichtigen, weil in ihrer Bedeutung als Oscar-Anheizer in den letzten Jahren massiv aufgewerteten Golden Globes. Nach ein paar Tagen ruderte das Studio also reumütig zurück und verkündete, die Kritiker der „Los Angeles Times“ erhielten wieder Zutritt zu den Pressevorführungen.

Gekoppelt war das aber nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit einem ominösen, eher triumphierenden Hinweis auf geglückte Einflussnahme. Man habe „ertragreiche Gespräche mit der neuen Führung“ des Zeitungshauses gehabt, hieß es. Dort ist im August Ross Levinsohn auf den Chefsessel gekommen, der zuvor unter anderem für den Rupert Murdoch gehörenden Medienkonzern Fox gearbeitet hat.

Ausgerechnet im Konzern eines Demokraten

Disneys Muskelspiel dürfte gerade die mit Hollywood gut vertrauten Journalisten besonders kalt erwischt haben, denn dem derzeitigen Disney-Chef Bob Iger, der das Studio seit seinem Amtsantritt 2005 zur jetzigen Spitzenposition geführt hat, werden Ambitionen auf das höchste politische Amt im Land nachgesagt. Er soll in Hollywoods liberaler Filmgemeinde bereits wegen ideeller und finanzieller Unterstützung für einen Anlauf aufs Weiße Haus 2020 vorgefühlt haben – wohlgemerkt als Kandidat der Demokraten. In politischen Fragen lässt der Chef eines traditionell konservativen Studios schon jetzt kaum eine Gelegenheit aus, sich öffentlich gegen Donald Trump zu stellen.

Hinzu kommt, dass Igers Ehefrau Willow Bay nicht nur selbst Journalistin ist, sondern Rektorin der Journalistenschule an der University of Southern California. Von einem Konzern unter Igers Führung hätte man also als Letztes einen Angriff auf die Pressefreiheit erwartet.

Disney will noch größer werden

Womit die Affäre um den Zutritt zu Filmvorführungen doch eine ernste Frage aufwirft: Wie wird sich ein wachsender Medienriese künftig politisch verhalten? Nach Branchengerüchten steht Disney vor dem größten Zukauf seiner Geschichte und wird das rivalisierende Studio 20th Century Fox sowie andere Teile von Murdochs Konzern kaufen, die Kabelsender FX und National Geographic Channel etwa und 39 Prozent am weltweit auf dem Streaming-Markt engagierten Sender Sky. Damit stünden eine umfangreichere Programmbibliothek und ein größeres potenzielles Kundennetzwerk für Disneys nächstes Zukunftsprojekt zur Verfügung. Das Haus der Micky Maus will einen eigenen Streaming-Dienst in direkter Konkurrenz zu Netflix und Amazon aufbauen. Völlig uneins ist sich die Gerüchteküche über die Frage, ob der stramm rechte Nachrichtensender Fox News Teil des Geschäfts sein könnte. Fox News ist ein Sturmgeschütz der Ultrakonservativen, ein Sender, der lange vor Donald Trumps Präsidentschaft mit groben Verzerrungen und aus der Luft gegriffenen Behauptungen eine ideologische Filterblase par excellence geschaffen hat. Optimisten kommentieren, der auf einen guten Ruf in allen Kreisen der Bevölkerung angewiesene Unterhaltungskonzern Disney könne es sich gar nicht leisten, mit den extrem polarisierenden Fox News verbandelt zu sein.

Einige Pessimisten sehen das anders. Disney könne gar nicht anders als so viel wie möglich zuzukaufen und auch auf die Übergabe von Fox News zu drängen. Es bleibe dann abzuwarten, welche Politisierung des Gesamtkonzerns durch das Verschlucken des konservativen Agitationssenders entstünde. Offiziell heißt es immerhin, Fox News sei kein Teil eines Verkaufspakets. Aber bei den derzeitigen Bewegungen auf dem US-Medienmarkt haben offizielle Verlautbarungen schon öfter ein rasches Verfallsdatum bewiesen.

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