Walter Sittler gastiert in Fellbach „Stuttgart möchte ja gerne Weltstadt sein, ist es aber nicht“

Walter Sittler als Erich Kästner in „Ein Mann im Schnee“ – am 20. und 21. Dezember in der Schwabenlandhalle Fellbach Foto: Oliver Killig (cf)

Der renommierte Schauspieler Walter Sittler, der vor kurzem seinen 71. Geburtstag feierte, spricht kurz vor seinen beiden Kästner-Abenden in Fellbach über seine Theater- und Fernsehkarriere, über Stuttgart 21, seine Versäumnisse bei Pippi Langstrumpf – und dass er 2005 fast Stuttgarter Tatort-Kommissar geworden wäre.

Er gilt als Publikumsliebling und genießt bei den Frauen große Sympathien. Nach etlichen Auftritten im Rems-Murr-Kreis ist Walter Sittler einer der profiliertesten Schauspieler Deutschlands, der nun wieder an zwei Abenden in Fellbach zu sehen ist. Beim Gespräch in einem Café unweit seiner Wohnung im Stuttgarter Lehenviertel äußert er sich über Schiller und Kästner, über TV-Tatorte, „Der Kommissar am Meer“ mit Inger Nilsson und sein Engagement gegen Stuttgart 21.

 

Herr Sittler, helfen Sie uns mal auf die Sprünge: Was ist eigentlich ein Billetdoux?

Billetdoux, so wird im Französischen ein kleiner Liebesbrief, ein Liebesgruß genannt. Wie kommen Sie denn darauf?

Weil Sie das Wort doch bestimmt bei ihrem ersten Auftritt in Fellbach aussprechen mussten, als Haussekretär Wurm in Schillers „Kabale und Liebe“. Das war, ich habe im Archiv geschaut, am 12. November 1991.

Ich kann mich an diese Theatertournee noch erinnern. Aber das Billetdoux haben wir damals rausgestrichen – wie auch sonst manche Passagen bei Schiller. Sonst wird’s ja uferlos.

In unserer Kritik haben wir damals geschrieben: „Der schlanke, hochgewachsene Walter Sittler – in den letzten Jahren in vielen Rollen am Stuttgarter Staatstheater zu sehen – präsentierte seinen hinterlistigen Haussekretär Wurm als einen schweigsamen Zeitgenossen, der nachdenklich die Fäden zieht und dem man die Bösartigkeit kaum ansieht.“

Das war unsere Intention, er sollte tatsächlich kein Bösewicht sein, den man aus 100 Metern Entfernung erkennt. Menschen, die unangenehme Dinge tun, sind ja nicht so leicht zu erkennen. Wenn das so wäre, wäre das Leben viel leichter, ist aber nicht so. Und die verkleiden sich manchmal mit einer bürgerlichen Selbstverständlichkeit und behaupten Sachen, die so falsch sind, dass es schon schmerzt.

An diese Fellbacher Aufführung erinnere ich mich auch deswegen noch, weil Sie mit der Schauspielertruppe anschließend draußen vor der Schwabenlandhalle in Eiseskälte frierend auf den Abholbus zum Hotel warten mussten. Da dachte ich: Tourneetheater ist auch kein Honigschlecken.

Tourneetheater ist schon hart, wenn man davon leben muss. Der Grund, warum ich das gemacht habe: Wir Theatermacher, die von Mannheim nach Stuttgart kamen, wurden nicht besonders freundlich aufgenommen. Weil: Stuttgart möchte ja gerne Weltstadt sein, ist es aber nicht. Stuttgart ist eine ganz wunderbare Landeshauptstadt. Wenn das die Großkopferten endlich begreifen würden, dann hätten wir viele Probleme nicht, sondern eine wunderbare, schöne Landeshauptstadt – und nicht durch Gebäude, bei denen man sagt: Wir müssen die Welt beeindrucken. Ich war deshalb damals ganz froh, dass ich drei Monate von Stuttgart weg konnte. 90 Vorstellungen in 92 Tagen, das ist schon ‘ne Nummer. Aber ich kann das, ich habe ein relativ großes Reservoir an Disziplin. Woher, weiß ich auch nicht. Und es hat mir damals sehr gut getan. Man lernt viel über das Theater außerhalb der etablierten Staatstheater oder Nationaltheater, man kommt in Orte, wo man denkt, um Himmels willen, wie soll das werden auf dieser völlig untauglichen Bühne – und dann wird das eine ganz tolle Vorstellung und die Leute sind begeistert.

Mitte der 90er Jahre ging’s dann mit dem Fernsehen los, mit „Girl Friends – Freundschaft mit Herz“ mit Mariele Millowitsch, einer Serie, die in einem schwedischen Hotelkonzern in Hamburg spielte.

Wir haben bis Dezember 1994 gedreht, die Ausstrahlung war Ende 1995. Das war ein Riesenerfolg. Dann kam Nikola – noch ein Riesenerfolg. Es gab viele weitere Filme. Dann kam der Kommissar in Gotland, ein Erfolg – ich habe wahnsinnig Glück gehabt. Viel Arbeit, gebe ich zu, viel Disziplin, aber auch viel Glück. Wenn sie so einen Erfolg haben mit so viel Millionen Zuschauern, dann werden die Produzenten aufmerksam – nach dem Motto: Wenn wir den haben, dann kriegen wir Zuschauer.

Noch mal zu einem Ihrer Auftritte in Fellbach. 2012 gab es wegen der Demos gegen Stuttgart 21 und Ihres Engagements zu dem Thema einen Leserbrief an unsere Zeitung. Da hieß es: „Wenn der mittelmäßige Schauspieler Walter Sittler demnächst in der Schwabenlandhalle spielt, sollten die Befürworter auch den Saal stürmen und ihn niederbrüllen.“

Das war während der Hochzeit des Widerstands von Stuttgart 21. Auch die Veranstalter in Fellbach hatten solche Drohbriefe erhalten. Wir haben darüber diskutiert, was wir machen sollen. Ich habe gesagt: ,Wir machen gar nichts’. Die Leute, die so etwas anonym schreiben, das sind Feiglinge, die kommen auch nicht, da brauchen Sie keine Angst haben. Hatten sie aber. Und als es dann los ging, standen links und rechts von der Bühne zwei Sicherheitsleute mit dem Rücken zu mir und guckten unablässig ins Publikum. In der Pause habe ich gesagt: Nehmt die Leute weg, die brauchen wir nicht. Wenn irgendetwas ist, das krieg ich schon hin. Denn es ist doch so: Die meisten der Zuschauer wollen das Stück sehen und haben auch überhaupt nichts mit dem Bahnhof zu tun. Doch damals hat sogar im Bundestag ein FDP-Abgeordneter gesagt: ,Wo kommen wir denn da hin, wenn drittklassige Schauspieler sagen, was wir tun sollen?’ Das war auf mich gemünzt.

Wühlt Sie Stuttgart 21 immer noch auf?

Nö. Ich verfolge es natürlich, damit ich weiß, was los ist. Und erinnere mich daran, in welchem Ausmaß der Bevölkerung absichtlich die Unwahrheit gesagt wurde und zwar schon von Anfang an. Sie hatten keine Argumente, sie wussten, dass wir recht haben, und mussten uns niedermachen. Damals hatten wir die Kontrollmechanismen noch nicht, auch heute noch nicht, aber wir haben jetzt etwas mehr Manschetten. Aber der Bahnhof wird irgendwann mal fertig, und es werden Züge fahren und ich werde auch da abfahren, da bin ich hemmungslos.

Manche unserer Leser haben Sie bestimmt auch auf der Treppe im Nachbarkreis in Schwäbisch Hall gesehen – in „Nathan der Weise“. Sind die 1000 Stufen eine Herausforderung?

Nein, das sind nur 85. Das Merkwürdige für mich war: Wenn man unten steht, denkt man: Oh nee, das geht überhaupt nicht. Und wenn man von oben runterguckt, denkt man: ,Oh Gott.’ Und dann fängst du an zu probieren, und dann wird die Treppe in der eigenen Wahrnehmung immer flacher. Einmal waren es zwei Stuntleute, die hatten so alte Gewehre dabei und haben sich verhakt und sind runtergerollt, aber es ist nichts passiert. Und eine Kollegin ist hängen geblieben an einer Stufe und hat sich den Fuß ein bisschen verknackst, aber sie konnte weiterspielen.

Mit Ihren Kästner-Programmen sind Sie ja schon länger unterwegs.

Wir haben 2006 mit dem „Kleinen Jungen“ angefangen. Ich kannte Kästner bis dahin nur so ein bisschen. Als die Anfrage kam, war ich mir sicher: Das funktioniert nicht. Da geht einer auf der Bühne hin und her und sechs Leute spielen Musik. Wen interessiert das? Aber ich habe mich total geirrt, das war ein Riesenerfolg von Anfang an. Kästner gehört zu den Autoren, je öfter Sie den Text benutzen, desto besser und reicher wird er. Er ist nicht wahnsinnig kompliziert, er ist kein Hölderlin, aber da ist genauso viel drin. Nur, er verpackt es nicht in so komplizierten Sätzen. Die Sprache ist sehr reich und er ist sehr klar in seiner Haltung. Er ist nicht larmoyant, will auch kein Mitleid, sondern er will beschreiben, was er sieht. Und dann musst du selber entscheiden. Und das ist genau das, was mir gefällt. Er geht in die Tiefe und deckt die Stellen auf, wo es holpert, wo gelogen, wo gemogelt wird – und das alles mit der Narrenmütze auf. Mit allen drei Kästner-Programmen hatten wir insgesamt schon über 500 Vorstellungen.

Hatten Sie denn eigentlich schon mal einen Gastauftritt in der Soko Stuttgart?

Nein, bisher gab’s keine Anfrage.

Das gibt’s doch gar nicht. Warum?

Das kann ich Ihnen sagen. Eine schwäbische Eigenschaft ist: Das, was man hat, ist okay, aber das, was draußen ist, ist besser. Wir haben ein Dokumentarfilmprojekt „199 Helden“. Das ist weltweit unterwegs. Meinen Sie, wir würden in Baden-Württemberg eine Firma kriegen, die uns unterstützt? Der einzige, der das tut, ist der Klett-Verlag. Eine sehr große Stiftung hat 2016 gesagt: Nehmen Sie Ihren Namen raus, dann überlegen wir es uns vielleicht. Oder wenn man aus Kattowitz wäre, dann vielleicht. Aber aus dem Lehenviertel – nee.

Hätte Sie nicht auch mal ein Tatort-Kommissar gereizt?

Als es darum ging, einen Nachfolger für den Bienzle - Gott hab ihn selig – zu finden, haben sie vom SWR bei mir angerufen, so 2005 oder 2006: ,Würden Sie denn der Stuttgarter Tatort-Kommissar werden wollen?’ Klar, warum nicht. Sie dürfen es aber niemanden sagen, hieß es. Dann kam ein halbes Jahr nichts. Dann wieder ein klandestiner Anruf: ,Nee, wir haben uns jetzt anders entschieden, wir machen es jünger.’ Konnte ich verstehen. Ich war ja auch schon über 50. Alles klar, kein Problem. Wieder ein halbes Jahr später, wieder ein Anruf: ,Wann kommen Sie denn?’ Ich: ,Was?’ – , Ja, Sie sollen doch der Tatort-Kommissar werden.’ – ,Aber jetzt kann ich nicht’, habe ich gesagt. ,Ich habe einer kleinen Firma in Frankfurt meine Mitwirkung versprochen.’ – ,Sie können doch nicht Tatort absagen’, hieß es dann. Doch, kann ich und habe ich auch gemacht. Und ich bin heilfroh, dass ich’s gemacht habe. 2011 oder 2012, da hätten die mich rausschmeißen müssen wegen Stuttgart 21. Was das für ein Skandal geworden wäre. Aber gut, ich konnte damals auch gut absagen, weil ich genug zu tun hatte. Es war ja nicht so, dass ich auf der Straße saß und händeringend eine Rolle gesucht hätte. Wenn ich nichts gehabt hätte, hätte ich es wahrscheinlich gemacht.

Ein großer Erfolg im Fernsehen war „Der Kommissar und das Meer“

Das war eine tolle Zeit mit vielen wunderbaren Kollegen: Schweden, Dänen, Norweger und Isländer. Das ZDF hat es dann nach 29 Folgen abgesetzt, weil es ihnen zu teuer geworden sei, wie es hieß. Ich weiß nur, als es entscheiden wurde, hat die Programmebene gesagt: ,Was macht ihr da? Das ist doch immer erfolgreich. Das können wir senden, wann wir wollen. Seid ihr wahnsinnig?’ Aber da hatten die Chefs schon Nein gesagt, da gab’s kein Zurück.

Schade fand ich, dass damit Inger Nilsson nicht mehr zu sehen ist, ein Idol meiner Kindheit. Erging es Ihnen genauso?

Nein, ein Idol war sie für mich nicht. Als „Pippi Langstrumpf“ lief, hatten wir keinen Fernseher, und als wir einen hatten, da war ich zu alt. Später, als Eltern, haben wir natürlich mit unseren Kindern Astrid Lindgren gelesen.

Jetzt sind Sie der Rentner-Kommissar, der am Bodensee nach Mördern forscht. Da können sie ermitteln, bis sie 90 sind.

Nein, nein, irgendwann ist es vorbei. Wir haben so viele gute, junge Leute, da sollen die ran. Die dritte Folge haben wir dieses Jahr gemacht. Und dann vielleicht noch zwei, dann sind wir fertig, dann hören wir auf.

Da erinnern wir uns zurück in die Schorndorfer Barbara-Künkelin-Halle im Jahr 2007. Da parlieren Gastgeber Alfred Biolek und Sie über die Fernsehpräsenz. Beide sind sich einig: Man sollte aufhören, wenn die Zuschauer es noch bedauern. Und?

Noch würden es hoffentlich viele bedauern. Und ich hoffe, ich merke, wenn’s soweit ist.

Erfolgsschauspieler aus Stuttgart

Herkunft
Walter Sittler wird am 5. Dezember 1952 in Chicago geboren. Seine Familie zieht 1958 nach Deutschland. Er absolviert sein Studium an der renommierten Otto- Falckenberg-Schule für Schauspiel in München. Von 1981 bis 1988 ist er am Nationaltheater Mannheim, anschließend bis 1995 am Staatstheater Stuttgart beschäftigt.

Erfolge
Mit den Produktionen „Nikola“, „Girl Friends“, „Der Kommissar und das Meer“ erreicht er ein Millionenpublikum. Sittler ist seit 1985 verheiratet mit der Dokumentarfilm-Regisseurin Sigrid Klausmann. Sie haben drei erwachsene Kinder. Das Paar lebt im Stuttgarter Lehenviertel.

Gastspiele
Der von den Sextanten musikalisch umrahmte Abend „Ein Mann im Schnee – Weihnachten mit Erich Kästner“ beginnt am Mittwoch und Donnerstag, 20. und 21. Dezember, um 20 Uhr in der Schwabenlandhalle Fellbach. Es gibt noch Karten auch an der Abendkasse. Im Stuttgarter Renitenztheater gestaltet Sittler gemeinsam mit dem Orchester der Kulturen am Samstag, 6. Januar 2024, um 19 Uhr „Das andere Neujahrskonzert“. Am Freitag, 8. März 2024, gibt es im Bürgerzentrum Waiblingen eine Konzertlesung nach Michael Endes Roman „Momo“ mit Sittler und dem Perkussionisten Stefan Weinzierl.

Weitere Themen