Wanderbaumallee in Stuttgart Nicht jeder mag die Bäume in der Reinsburgstraße

Pure Zerstörungswut oder gezielter Vandalismus?  Beschädigte Sitzgelegenheiten in der Reinsburgstraße Foto: Nachbarschaft Reinsburgstraße 5 Bilder
Pure Zerstörungswut oder gezielter Vandalismus? Beschädigte Sitzgelegenheiten in der Reinsburgstraße Foto: Nachbarschaft Reinsburgstraße

In der viel befahrenen Reinsburgstraße macht die Wanderbaumallee Halt. Das kommt nicht bei allen gut an. Immer wieder werden Elemente umgeworfen. Nachbarn haben eine Vermutung.

Digital Unit: Lena Hummel (len)
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Stuttgart - Es ist Dienstagmorgen. Dirk Lenz geht zum Fenster seiner Wohnung im Stuttgarter Westen. Er schaut auf die Straße und sieht, was er nicht sehen will. Mehrere Sitzgelegenheiten, die zur Stuttgarter Wanderbaumallee gehören und seit Anfang Juli in der Reinsburgstraße haltmachen, stehen auf dem Kopf. Schon zwei weitere Male ist so etwas vorgekommen.

Dabei kümmern sich einige Anwohner zwischen der Kunstgalerie Oberwelt und dem Feinkostgeschäft Glora Gusto liebevoll um die Pflanzen, gießen, sammeln Müll auf. Gemeinsam sind sie auf die Initiative Wanderbaumallee Stuttgart zugegangen, um die Bäume in die Nachbarschaft zu holen. Es ist ein Nachbarschaftsprojekt, das zusammenschweißt, das bestätigt auch Peter Haury von der Kunstgalerie Oberwelt. Die Aktion des Unbekannten bezeichnet er als „Akt der Zerstörung und der Gewalt“.

Klare Botschaft auf nebenan.de

Dirk Lenz ist nicht wütend, aber frustriert – weil sich das Aufstellen der Bäume am Straßenrand und auf Parkplätzen nicht etwa gegen Autofahrer richte, sondern eine lebendige Nachbarschaft fördern solle. Wer hinter der Aktion steckt, weiß niemand. Auf www.nebenan.de, einer Internetplattform zur Nachbarschaftspflege, hat Lenz klare Worte für den Zerstörer: „Ich möchte hoffen, dass es nur nächtliche Rabauken mit viel Alkohol sind, dass hier nicht Nachbarn den Impuls verspüren, das Recht in die eigene Hand zu nehmen und hier für ihre vier oder fünf verdammten Parkplätze zu kämpfen.“

Auch Peter Haury glaubt „wegen der Wiederholung und der Brutalität nicht, dass es nur ein Kinderscherz war“. Auch er hält es für möglich, dass frustrierte Autofahrer hinter der Aktion stecken. Obwohl sich das Projekt schon in der dritten Saison befindet, hat Mitinitiatorin Annika Wixler so etwas noch nicht erlebt. „Es handelt sich hier ganz klar um Vandalismus, den wir auch polizeilich gemeldet haben und zur Anzeige bringen werden“, sagt sie. Sie spricht von einer mutmaßlich „bewussten Gegenaktion“ eines Einzelnen, die zwar „feige“ sei, der man aber trotzdem nicht zu viel Gewicht geben wolle.

Bezirksbeirat West fördert Projekt

Schließlich steht nicht nur der Großteil der Nachbarschaft hinter dem Projekt, sondern auch der Bezirksbeirat West. 16 Ja­stimmen und nur eine Neinstimme hat das Vorhaben bei der Abstimmung Ende März erhalten. Mit 4000 Euro fördert der Bezirksbeirat die Wanderbaumallee – und das nicht zum ersten Mal. Auch Bezirksvorsteher Bernhard Mellert spricht von Vandalismus. Wenn man mit der Allee nicht einverstanden sei, könne man eine Mail an den Bezirksvorsteher schreiben, mit den Menschen vor Ort reden oder Zettel schreiben.

Mellert findet die Wanderbaumallee „klasse“. Schließlich biete sie die Möglichkeit zu sehen, wie eine Straße aussähe, wenn dort Bäume stünden. Sie schaffe einen Aufenthaltsort im öffentlichen Raum, und sie komme nur dann in die eigene Nachbarschaft, wenn man das Projekt vor Ort auch aktiv unterstütze.

Homeoffice unter den Bäumen

Für die Initiative ist jedenfalls klar: Sollte eine Person aus der Nachbarschaft für die Zerstörung verantwortlich sein, verdeutliche das nur noch mehr, dass es Orte brauche, um mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Verstärkt überwachen wollen Annika Wixler und ihr Team die Baumallee auch nach den wiederholten Zerstörungen nicht. „Man muss sich immer auf Proteste einstellen, wenn man ein Projekt in der Öffentlichkeit auf die Beine stellt“, sagt sie. „Außerdem ist die Baumallee ja auch eine Protestaktion unsererseits.“ Nicht jeder müsse die gut finden, aber sich dann zumindest anders engagieren, um etwas zu verändern.

Lenz jedenfalls will noch bis 7. August – so lange bleiben die Bäume in der Reinsburgstraße – so viel Zeit wie möglich bei den Bäumen verbringen, dort Homeoffice machen, Kaffee trinken – um zu zeigen, „dass das ein Ort ist, an dem man sich treffen kann“.




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