Wandern in Baden-Württemberg Der Trend geht zu App und Premium

Den Weg Nr. 6 bei Markgröningen – im Bild das Leudelsbachtal – betreut Rainer Czerny ganz persönlich. Foto: /privat

Wandern ist im Trend – deshalb waren wir zum Auftakt unserer Sommerserie mit Rainer Czerny im Leudelsbachtal unterwegs. Er ist seit 60 Jahren im Albverein aktiv und erzählt, wie sich das Wandern verändert hat in all der Zeit.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Markgröningen - An diesem Tag hat Rainer Czerny ganz schön zu tun: Auf der knapp acht Kilometer langen Wanderung durch den Rotenackerwald bei Bissingen, entlang der Enz und zurück durch das idyllisch gelegene Leudelsbachtal bei Markgröningen kommt Czernys Baumschnittschere immer wieder zum Einsatz, weil Brombeerranken die Wanderschilder zugewuchert haben. Bei einem Zeichen hat sich der Kleber gelöst, und es ist kurz davor, zu Boden zu fallen. Und an einer weiteren Stelle wurden Bäume übers Wochenende ganz gefällt – zumindest hat der Herr der Kettensäge die Wanderschilder ordentlich und sichtbar auf einem Baumstumpf hinterlassen.

 

Rainer Czerny ist sogenannter Gauwegmeister im Schwäbischen Albverein, zuständig für das Gebiet von Kornwestheim bis Güglingen mit 500 Kilometer Wanderwegen. Vor Ort kümmern sich Mitglieder um die Schilder, Czerny ist eher der Oberwegwart – aber diesen Weg Nr. 6 bei Markgröningen betreut er ganz persönlich. Zweimal im Jahr wäre eine Begehung Pflicht, aber der 76-Jährige läuft ihn fast jede Woche einmal ab. Hier ist sein Revier, hier fühlt er sich zu Hause.

In der Volkstanzgruppe nahm man Tuchfühlung auf

Am Enzblick bleiben wir erstmals länger stehen, und Rainer Czerny überblickt nicht nur die Landschaft vor ihm, die bis weit hinein in den Stromberg reicht, sondern er überblickt auch seine sechs Jahrzehnte währende Mitgliedschaft im Albverein. So viel verändert hat sich seither – da reichen acht Kilometer fast nicht zum Erzählen aus.

Damals, als er 1961 als junger Spund in den Albverein eintrat, gab es in dem kleinen Dorf im Hohenlohischen fast keine anderen Freizeitmöglichkeiten. Kaum jemand hatte ein Mofa, um rauszukommen, und im Dorf selbst war kaum etwas geboten. So zogen am Sonntag oft mehrere Dutzend Menschen gemeinsam los; man hatte Kniebundhosen und rote Strümpfe an, die Honoratioren wanderten noch in Anzug mit Krawatte, und wer den Wimpel mit dem Zeichen der Ortsgruppe vorantragen durfte, war stolz wie Harry. Zudem, merkt Czerny etwas verschämt an, „hat man in der Volkstanzgruppe Tuchfühlung mit den Mädchen aufnehmen können“. Und der Albverein organisierte den ersten Austausch mit Frankreich – wandernd hinaus in die Welt.

Nur wenige Menschen wandern noch gemeinsam im Verein

Das ist fast alles vorbei. Heute können junge Menschen aus einem so riesigen Freizeitangebot auswählen und sind so mobil, dass kaum noch jemand den Albverein zu brauchen glaubt. Bei einer Umfrage der Ostfalia-Hochschule in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wanderinstitut gaben selbst in der Altersgruppe ab 50 Jahren nur noch elf Prozent an, dass sie im Verein wandern; bei den 30 bis 49 Jahre alten Befragten waren es nur noch 2,8 Prozent. In der überwältigenden Mehrheit wandert man heute mit Partner, Familie oder Freunden.

Unten an der Enz, wo der Leudelsbach mündet, steht eine kleine Hütte, wo man am Wochenende eine Rote Wurst kaufen kann – es ist ein schönes Fleckchen Erde, und früher haben hier die Kinder aus Bissingen gerne im Fluss gebadet. Es sei nicht so, sagt Czerny, dass der Albverein ein Auslaufmodell sei: Die Familienangebote würden gut angenommen, viele Menschen, etwa nach einer Scheidung, suchen bei den Ü-40-Wanderungen einen neuen Freundeskreis, und als der Verein jetzt das Modell ehrenamtlicher Wegpaten entwickelt hat, weil die Wegwarte in den Ortsgruppen immer weniger werden, meldeten sich allein für Czernys Gebiet 65 interessierte Personen. „Aber man muss immer aktiv bleiben, sonst schlafen solche Dinge wieder ein“, sagt Czerny, der auch einer von drei Vorsitzenden der Ortsgruppe Markgröningen ist.

Tourismusverbände stellen immer mehr eigene Schilder auf

Daneben haben die Wandervereine überall in Deutschland ihre Monopolstellung verloren. Die grauen Schilder des Albvereins wiesen früher allen Wanderern die Richtung – jetzt mischen immer mehr Städte, Landkreise und Tourismusverbände mit, die, wenn auch in Absprache mit den Vereinen, eigene Rundwege entwickeln, Schilder aufstellen und als Premiumwege zertifizieren lassen. Das führt zu einer noch stärkeren Individualisierung, weil man fast ohne jede Vorbereitung loswandern kann. Viele Städte bewerben ihre Wege als „unverirrbar“.

Tatsächlich wird so die Expertise der Wandervereine immer weniger benötigt. Hinzu kommt ja, dass heute jeder ein Smartphone besitzt und immer stärker Wanderportale im Internet nutzt, die Abertausende von Touren vorschlagen. Die bekanntesten sind Komoot, Outdooractive und Bergfex. Laut einer Umfrage des Wandermagazins „Bergzeit“ verwendet selbst bei den mehr als 65-Jährigen jeder Zweite schon eine solche App. Karte oder Buchwanderführer werden in der Tendenz immer unwichtiger, auch wenn Ute Dilg, die Sprecherin des Albvereins, während der Coronazeit eine wahre Renaissance beim Verkauf von Wanderkarten vermelden kann.

Bei geführten Wanderungen erfährt man unterwegs sehr viel

Rainer Czerny sieht den Trend zum Internet skeptisch. Erstens seien Tourenvorschläge auf digitalen Plattformen oft falsch, weil jede und jeder solche Wanderungen einstellen kann – beim Albverein ist jeder Tipp mehrfach geprüft. Und zweitens sehe man am Wegesrand nichts, wenn man sich nicht auskenne – bei einer geführten Wanderung des Albvereins erfahre man dagegen viel Wissenswertes über Natur, Geologie und kulturelle Sehenswürdigkeiten.

Nun sind wir auf dem Rückweg durchs tief eingeschnittene Leudelsbachtal, munter plätschert der Bach direkt am Wegesrand. Auf der Sonnenseite des Tals war früher Wein angebaut worden, aber die Hänge sind fast schwindelerregend steil und wurden irgendwann aufgegeben. In mühsamer Handarbeit werden aber derzeit die Steinterrassen neu angelegt.

Gebraucht werden die Wandervereine auf jeden Fall

Eine zündende Idee, wie man den Rückgang der Mitgliederzahlen in den Wandervereinen aufhält, hat auch Rainer Czerny nicht. „Aber wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Arbeit am Laufen zu halten“, sagt er. Vielleicht ist es schlicht der Lauf der Zeit, dass zwar nicht das Wandern, aber das organisierte Wandern langsam verschwindet. Aber gebraucht wird der Albverein noch immer sehr: Wer sonst würde die Wanderheime und Wandertürme betreiben, die jeder schätzt; wer würde den Kampf gegen Brombeerhecken und Kettensägen führen; und wer würde schauen, dass auch künftig jedem Wanderer der rechte Weg gewiesen wird?

Jeder zweite Deutsche wandert

Wanderlust
Laut einer Befragung des Allensbach-Instituts für Demoskopie wandern 40 Millionen Deutsche zumindest ab und zu. Das entspricht rund 50 Prozent der Bevölkerung.

Wanderalter
Das Durchschnittsalter der Wanderer liegt bei 50 Jahren – sprich, immerhin jeder zweite Wanderer ist jünger als 50. Interessant ist auch, dass 46 Prozent einen Hochschulabschluss und weitere 26 Prozent Abitur haben. Wandern scheint also eher eine Freizeitbetätigung für besser gebildete Menschen zu sein. Diese Werte ergab eine Umfrage der Ostfalia-Hochschule und des Deutschen Wanderinstituts.

Wanderstrecke
Bei einer Tagestour nehmen sich laut der letztgenannten Studie 60 Prozent eine Strecke von maximal 15 Kilometern vor. Immerhin vier von zehn Wanderern trauen sich also längere Touren zu. Mit Abstand am beliebtesten sind Wanderungen im Mittelgebirge; 60 Prozent kreuzten diese Landschaftsform an. Nur gut ein Viertel bevorzugt die Alpen.

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