Krimikolumne

Warren Ellis: „Gun Machine“ Mehr Polizeifunk als Touristenführer

Warren Ellis ist bekannt geworden als Autor hervorragender Comics, als Teil jener Brit Invasion im Amerika der Superhelden, deren schlauere Köpfe neben mehr oder weniger revisionistischen Varianten der Marvel- und DC-Mythen auch bizarre eigene Geschichten vorlegten, die allenfalls tangential zum Superheldenkosmos stehen, aber auf jeden Fall dessen Bizarrheit teilen.

Als Einstieg in Ellens Comicwelt könnte sich für Krimileser die Serie „Transmetropolitan“ empfehlen, die von einem Gonzo-Journalisten einer miesen Zukunft erzählt. Die wäre schon deshalb erste Wahl, weil ihre innere Verbindung zu Gonzo-Gründer Hunter S. Thompson auch die Brücke zu Ellis‘ erstem, unbedingt lesenswertem Krimi „Gott schütze Amerika“ im Original „Crooked Little Vein“, bildet.

Die richtige Slang-Stimmgabel

„Gott schütze Amerika“ (Heyne) ist eine dreckige kleine Tour de Force in einem Drehzahlbereich jenseits der Garantiebestimmungen. Ellis liefert ein letztlich doch Sinn ergebendes Zerrbild Amerikas, so wie auch Thompson in seinen LSD-reichsten Momenten nie an der Wirklichkeit vorbeischreiben konnte, obwohl die Oberfläche seiner Texte anders aussah als jene handelsüblicher Reportagen.

„Gun Machine“ ist anders als „Gott schütze Amerika“, obwohl sich auch die Szenerien dieses Romans nicht unbedingt zum New-York-Erstbesucher-Leitfaden „Fünf Dinge, die Sie garantiert sehen werden, kaum dass sie aus dem Taxi gestiegen sind“ zusammensetzen. Der Ton ist ernster und ruhiger, das Fantastische der Geschichte wird von der realistischen Brummigkeit und Knurrigkeit der Dialoge geerdet. Im Original erinnern manche Phrasen an die TV-Serie „The Wire“, gewiss keine schlechte Slang-Stimmgabel.Auch die deutsche Übersetzung von Ulrich Thiele bewahrt einiges vom zerknautschten Charakter einer vom ständigen Zusammenprall von Wunsch und Wirklichkeit geformten Sprache der Prätentionsvernichtung.

Das Harmlose wird weggekürzt

So wirkt die Story selbst bald nicht mehr wie ein Versuch satirischer Übersteigerung. Nein, „Gun Machine“ nimmt den gleichen Charakter an wie der Polizeifunk, den der Cop Tallow beim Autofahren in einem eigenartigen Prozess der Schreckensgewöhnung einschaltet: all die Horror- und Irrsinnsmeldungen aus der Stadt sind wahr, lediglich das Harmlose oder Positive ist aus diesem Nachrichtenstrom ausgeblendet.

Der Serienkillerroman „Gun Machine“ ist nahe verwandt mit jener Art New-York- Krimi, die sich Hoffnungen auf einen deutschen Markt machen durfte, bevor eben die Serienkiller- und Pathologenkonfektion und deren schwedische Ikea-Nachbauvarianten diese Hoffnungen beseitigte – mit den Büchern von Jerome Charyn, Larry Beinhart und Jerry Oster.

Man möchte Ellis mehr Glück als diesen Autoren wünschen. Aber aktuell läuft zunächst einmal die Nachricht ein, dass er sich mit seinem US-Verlag Mulholland Books überworfen hat. Das passt dann zu seinem Cop John Tallow, der weiß, dass ihn bei seiner Ermittlung zwei Dinge in große Schwierigkeiten bringen werden, der Erfolg und der Misserfolg.

Warren Ellis: „Gun Machine“. Roman. Deutsch von Ulrich Thiele. Heyne Taschenbuch, München. 384 Seiten, 8,99 Euro. Auch als E-Book, 7,99 Euro.