Stuttgart - Tapete fürs Wohnzimmer, Holzlatten für Hochbeete, Kräuter für den Balkon, Wandfarbe für die Küche: Fragt man die Kunden in der Bauhaus-Filiale in Stuttgart-Möhringen wird schnell klar, dass in der Corona-Krise viele die Zeit zum Schrauben, Hämmern, Malern, Basteln und Gärtnern nutzen. Ob bei Obi, Toom, Hagebau, Hornbach oder Bauhaus: Der Run auf die Baumärkte führte zu Gedränge in den Gängen und seit Einführung von Zugangsbeschränkungen und weiteren Sicherheitsmaßnahmen zu langen Schlangen. Die Menschen reihen sich ein und warten geduldig, bis sie von den Türstehern eingelassen werden.
Eine Aufgabe, die den Tag strukturiert
Doch woher kam und kommt der Drang zum Heimwerken? „Man braucht in diesen Wochen der erzwungenen Häuslichkeit eine Aufgabe, die einen Tagesablauf strukturieren kann“, sagt Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. „Heimwerken ist eine besonders naheliegende, nützliche und sinnvolle Tätigkeit mit dem Ziel, sich zu Hause heimischer zu fühlen – es wirkt wie eine Beschäftigungstherapie.“
Da die meisten momentan mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen, falle ihnen zudem eher auf, dass etwas beschädigt ist, nicht mehr gefällt oder entsorgt werden muss: „Da nutzt man die Zeit, um zu reparieren, zu entrümpeln und zu verschönern“, so Walschburger. Der Bedarf sei hoch, bestätigt Florian Preuß, Pressesprecher bei Hornbach. Die Baumärkte retteten so manchen über die Isolation hinweg, ist er sich sicher.
Rückzug in die Privatsphäre
„Zunächst wurden Stromgeneratoren, Gas, Schutzkleidung, Brennholz, Tierfutter gekauft – da stand die Bevorratung für gegebenenfalls härtere Zeiten im Mittelpunkt“, erklärt Preuß. Dann seien Produkte wie Tapeten, Wandfarbe und Bodenbeläge „deutlich stärker als sonst“ über die Theke gegangen. Inzwischen sei vor allem Garten- und Freizeitbedarf gefragt: Pflanzen, Erde, Dünger, Spielgeräte wie Schaukeln und Sandkästen sowie Pools und Poolzubehör – was auch die Toom-Sprecherin Daniela Rissinger bestätigt. Daran erkenne man, dass sich die Menschen ihr Zuhause schön machten.
„Seit acht Jahren geht der Trend zum sogenannten Cocooning, also zum Rückzug in die Privatsphäre“, sagt Preuß. In Corona-Zeiten gelte das in besonderem Maße. Doch profitieren die Baumärkte davon? Gehören sie zu den Krisengewinnern? „Nein“, stellt der Pressesprecher klar. In Baden-Württemberg und einigen weiteren Bundesländern durften die Märkte zwar auch während des Lockdowns öffnen. „Vielerorts mussten wir aber ganz schließen, auch im Ausland“, sagt Preuß. Normalerweise seien der April und Mai die umsatzstärksten Monate. Aktuell sei die Umsatzentwicklung jedoch noch nicht absehbar.
Kein Bummel im Markt
Bei der Konkurrenz sieht es ähnlich aus. „Unsere Umsätze sind geringer“, sagt Frank Roth, Pressesprecher bei Hagebau. Was unter anderem an der Einlassbegrenzung liege. Zudem seinen die Menschen stärker auf Sicherheit bedacht. Dass Kunden sich im Markt Inspiration holen oder gar bummeln, kommt derzeit kaum vor: „Die Menschen kaufen gezielt ein“, erklärt Preuß. Peter Wüst, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Heimwerken, Bauen und Garten, fasst es so zusammen: „Familienausflüge in die Baumärkte wurden unterbunden. Zudem verzichteten die Unternehmen nahezu flächendeckend auf Werbemaßnahmen, um Kundenansammlungen zu verhindern.“
Auch wenn ein wirklicher Ansturm somit ausblieb: Einen Boom verzeichnen fast alle Märkte im Online-Handel. „Der ist explodiert“, so Preuß, was auch sein Kollege Roth bestätigt. Das Geschäft habe sich verlagert: Es seien weniger Kunden im Markt, dafür würden mehr am Computer bestellen und liefern lassen oder die Ware selbst abholen. Wie sich die Lage weiter entwickle, könne keiner sagen, meint Roth: „Doch wenn etwa der Urlaub flachfällt, wird weiterer Bedarf entstehen.“
Sehnsucht nach heimeligem Nest
Nach Ansicht des Psychologen Walschburger gibt es einen weiteren Grund, sich das Zuhause in Corona-Zeiten gemütlich zu machen: „Wird die Außenwelt als schwierig, als bedrohlich wahrgenommen, steigt die Sehnsucht nach einem vertrauten, heimeligen Nest.“ In der Lust am Hämmern, Sägen und Schrauben liegt für ihn auch ein Stück Selbstverwirklichung und ein Streben nach Anerkennung: „„Vor allem Männer können so ihren Beitrag fürs Häusliche leisten – und Lob ernten.“ In einer zunehmend virtuellen Umwelt, in der die sinnliche Wahrnehmung und Bearbeitung konkreter Gegenstände eher verloren gehe, befriedige schließlich das Heimwerken auch das Bedürfnis, eigenhändig etwas Konkretes zu schaffen.