Meike Bauer hätte nie gedacht, dass ihre Tochter mal versuchen würde, sich um den Schulsport zu drücken. Ausgerechnet Lena! Als Kleinkind sei sie „immer lieber gerannt als gegangen“. Später sei sie auf Bäume geklettert und viel Trampolin gesprungen. Sie war im Schwimmverein, seit zwei Jahren betreibt sie eine Ballsportart. Lena sei vielleicht keine Sportskanone, aber „ein bewegungsfreudiges Kind“, so die Mutter. Doch nun, mit 13 Jahren und mitten in der Pubertät, fühle sich ihre Tochter nicht nur unsicher in ihrem Körper, sondern glaube auch plötzlich, unsportlich zu sein. Für Letzteres macht Meike Bauer den Sportunterricht am Gymnasium mitverantwortlich.
„Statt dass die Kinder ihre Lust auf Bewegung behalten, wird sie ihnen abtrainiert“, lautet der Vorwurf der Stuttgarterin, die wie ihre Tochter eigentlich anders heißt. Auch aus gesellschaftlicher Perspektive findet sie das problematisch: Wer als Jugendlicher keinen Sport treibe, werde dies wahrscheinlich auch als Erwachsener nicht mehr tun. Und was sei eigentlich mit den Kindern, denen Sport eh schon schwerfalle oder die drei oder fünf Kilos zu viel auf den Rippen hätten?
Die Jungen schätzen die Lage anders ein als die Mädchen
Bei Lena hätten die Teilnoten im Turnen dazu geführt, dass sich ihre Selbstwahrnehmung geändert habe. Am schlimmsten sei für sie die als demütigend erlebte „Kür“ im Bodenturnen gewesen, auf die sie die Teilnote Vier minus erhielt. In der Woche drauf, als erneut Vorturnen anstand, bat Lena dann ihre Mutter um eine Entschuldigung.
Doch ist das nur eine wenig aussagekräftige Einzelerfahrung mit einer Sportlehrerin alter Schule, oder steckt mehr dahinter?
Rückmeldungen aus dem Stuttgarter Gesundheitsladen deuten auf Letzteres hin. Allein ist Lena mit ihren Erlebnissen zumindest nicht: „Von den Mädchen wird Sportunterricht vorwiegend als Pflichtfach erlebt“, berichtet die Geschäftsführerin des Gesundheitsladens Stuttgart, Dagmar Preiß.
Sie hat ihre Kolleginnen und Kollegen aus den Beratungsstellen Mädchengesundheitsladen und Jungen im Blick gebeten, jeweils ein Stimmungsbild in den Gruppen zum Sportunterricht einzuholen. Die Jungen – auch die übergewichtigen – gaben dabei mehrheitlich positive Rückmeldungen. Ihnen mache der Sportunterricht vor allem Spaß, gerade die Mannschaftsspiele. Bei den Mädchen sei das jedoch anders.
Manche Kinder können nur das, was im Sportunterricht gezeigt wird
„Der Sportunterricht ist wohl sehr leistungsorientiert angelegt“, hätten die Äußerungen ergeben. Doch diese Leistungsorientierung sei für die Mädchen „ein Motivationskiller“. Was die Mädchen ebenfalls bemängelt hätten: dass ihre Lehrkräfte nicht sensibel genug auf sie eingingen. Das führe dazu, dass sie sich im Sportunterricht oft unwohl fühlten. So wurde aus einer Schule berichtet, dass dort Jungen und Mädchen weiterhin zusammen Sportunterricht hätten – offenbar eine Privatschule, da an staatlichen Schulen in der Altersgruppe geschlechtergetrennt unterrichtet wird. Die Jungen bekämen es jedenfalls immer mit, wenn ein Mädchen seine Periode habe.
Der Sportunterricht sei für die befragten Mädchen „nicht der Ort, wo Bewegungsfreude gelebt werden kann“, fasst Dagmar Preiß zusammen. Die Sozialwissenschaftlerin und systemische Therapeutin findet das auch vor einem anderen Hintergrund problematisch: Schließlich gebe es Familien, die ihre Kinder sehr kontrollierten und ihnen nicht ermöglichten, in einen Sportverein zu gehen. „Sie können nur, was im Schulsport gelehrt wird – sie können nicht Rad fahren und nicht Tischtennis spielen“, erklärt Dagmar Preiß. Deshalb sei es wichtig, diese Mädchen gut in die Bewegung zu bringen.
An Grundschulen wird Sport nur selten von Fachlehrern unterrichtet
Dass das notwendig ist, zeigen auch Studien. Demnach bewegen sich Kinder und Jugendliche immer weniger und weisen im Vergleich zu früher häufiger motorische Defizite auf. Damit müssen Sportlehrerinnen und Sportlehrer also umgehen können. Beim Schulsport gehe es „vor allem darum, nicht nur diejenigen zu erreichen, die sich auch privat sportlich betätigen, sondern alle dafür zu gewinnen“, heißt es dazu passend beim Kultusministerium auf Anfrage. Die aktuellen Bildungspläne sind 2016 eingeführt worden – darin steht als Leitgedanke beim Fach Sport: „Erziehung zum Sport und Erziehung im und durch den Sport“. Und liest man weiter, merkt man: Eine reine Leistungsorientierung nur nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ ist eigentlich gar nicht mehr gefordert. Das betont auch Sibylle Krämer aus dem Vorstand des Deutschen Sportlehrerverbands Baden-Württemberg, der viele Fortbildungen über innovative Bewegungsangebote organisiert.
Guter Sportunterricht sei nicht allein vom Leistungsergebnis geleitet, sondern vermittele viele soziale Kompetenzen, sagt Sibylle Krämer, die selbst am Zabergäu-Gymnasium Brackenheim Sport unterrichtet und Fachberaterin der Schulaufsicht ist. Sie nennt unter anderem Teamfähigkeit, Frustrationstoleranz, den Umgang mit Sieg und Niederlage. Allerdings erfordere die Umsetzung des Bildungsplans „qualifizierte Lehrkräfte“. Da passen Anspruch und Realität offenbar oft nicht zusammen. Sport, kritisiert Krämer, werde häufig fachfremd unterrichtet, das gelte vor allem für die Grundschulen.
Es mangele an Bewegungszeit
„Es lohnt sich, Dinge auszuprobieren“, ermuntert sie Kolleginnen und Kollegen, sich auf das Neue, was Einzug gehalten habe, einzulassen. „Sport ist nicht nur Turnen“, betont die Expertin. Es gebe ein unheimlich breites Bewegungsrepertoire, aus dem man schöpfen könne. Im Bildungsplan finde sich zum Beispiel das „Fahren, Rollen und Gleiten“: Man könne sogar Scooter in den Unterricht holen. Hüpfen zur Musik mache Spaß, genauso das spielerisch-kämpferische gegenseitige Wegschieben von der Weichbodenmatte. Wichtig findet es Sibylle Krämer, Erfolgserlebnisse bei den Kindern zu schaffen. Die Notengebung gehöre zwar dazu, aber diese dürfe nicht nur leistungsbezogen sein. „Es ist wichtig, die Teamfähigkeit einzubeziehen.“ Und auch in Bezug auf die Leistung gebe es Spielräume: Im Hochsprung könne man zum Beispiel eine Techniknote vergeben, statt die Sprunghöhe zu bewerten.
Die Klassen seien unheimlich heterogen, sagt auch Krämer. „Das Leistungsniveau ist zurückgegangen, aber das heißt nicht, dass die Kinder keine Freude an der Bewegung haben“, betont die Verbandsvertreterin. Es mangele aber an Bewegungszeit.
„Eltern schreiben ihren Kindern Entschuldigungen für alles“
Gerade in der Grundschule wäre deshalb eine tägliche Bewegungsstunde wichtig. Und auch in den oberen Klassenstufen wünscht sich der Verband drei Schulstunden als Pflicht statt nur zwei Stunden, wie es ab Klasse 9 vorgesehen ist. Denn ab Klasse 8 gehe es los, „dass wir sie verlieren“, so Krämer. Dann verließen viele den Sportverein. Entsprechend wichtig sei der Schulsport – doch dieser werde „immer als Erstes gestrichen“, bedauert die Pädagogin. Zwar wüssten alle, dass Sport „schlau macht“. Doch auch Eltern, berichtet Krämer, sei der Matheunterricht wichtiger als der Sport. Dazu passt ein anderes Phänomen, das sie schildert: „Eltern schreiben ihren Kindern Entschuldigungen für alles.“ Einen wirklichen Gefallen täten sie ihnen damit nicht.
Auch Meike Bauer hat ihrer Tochter dieses eine Mal die Entschuldigung geschrieben. Sie hofft, dass die 13-Jährige bald wieder Lust auf Sport bekommt. Im zweiten Halbjahr gehe es in die Schwimmhalle.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem eigenen Sportunterricht oder dem Ihrer Kinder? Was halten Sie von Noten im Sport? Schreiben Sie uns eine E-Mail an familie@stzn.de.
Kinder bewegen sich zu wenig – Erwachsene aber auch
Studie
I Dass sich Kinder und Jugendliche immer weniger bewegen, hat gerade erst wieder eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergeben. Die körperliche Aktivität sei mit Beginn der Pandemie dramatisch gesunken, heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Am deutlichsten zeigte sich der Rückgang bei den Acht- bis Zwölfjährigen. „Sport und Bewegung wie Spielen im Freien, Schwimmen oder Turnen sollten wieder fester Bestandteil im Tagesablauf von Kindern und Jugendlichen werden“, fordert die Studienleiterin Helena Ludwig-Walz vom Bundesinstitut, die schwere gesundheitliche Folgeschäden befürchtet.
Studie
II Bei den Erwachsenen sieht es nicht besser aus. Laut einer im Februar 2023 vorgestellten gemeinsamen Studie von OECD und Weltgesundheitsorganisation (WHO), bewegt sich ein Drittel der Bevölkerung der Europäischen Union nicht genügend. Dies führt zu Millionen Fällen von nicht übertragbaren Erkrankungen, die die Gesundheit der Menschen schädigen und Volkswirtschaften belasten. In der Europabarometer-Umfrage gaben 45 Prozent an, überhaupt keinen Sport zu treiben, 38 Prozent machen es immerhin einmal die Woche. vv