Was ist aus dem Kommunismus geworden? Das Gespenst lebt noch

Propaganda mit rotem Anstrich: Mit Lenin wurde der Kommunismus von einer Utopie zur Realität. Das haben Millionen mit dem Leben bezahlt. Foto: Archiv

Mit der Oktoberrevolution in Russland hat der Kommunismus vor 100 Jahren die Macht erobert und danach einen Großteil der Welt. Wo er herrscht, hat er statt der Ungleichheit die Freiheit beseitigt. Aus einer schönen Idee wurde Tyrannei. Was ist davon geblieben?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Moskau - Auf die Tagesordnung ist der bewaffnete Aufstand, die Eroberung der Macht, der Sturz der Regierung zu setzen“, schrieb Wladimir Iljitsch Uljanow Mitte September 1917 an die Spitzenkräfte seiner Partei in Moskau und Petrograd. Unter Genossen nannte der Mann sich „Lenin“. Dessen revolutionäre Ungeduld sollte in den folgenden Wochen für die Zukunft seines Landes, ja, der ganzen Welt, eine ebenso zentrale wie fatale Rolle spielen. Lenin drängte zum Umsturz: „Es wäre naiv, eine formelle Mehrheit abzuwarten. Keine Revolution wartet darauf.“

 

Die Bolschewiki, wie Lenins Gesinnungsfreunde hießen, haben nicht mehr lange gewartet. In der Nacht zum 7. November 1917 leisteten sie den Appellen ihres Vordenkers Folge, der dazu riet, „den Aufstand als eine Kunst zu betrachten“, und übernahmen die Macht in Russlands Metropolen. Weil dort noch der julianische Kalender galt, der unserer Zeit 13 Tage hinterher hinkt, ging dieses Ereignis als Oktoberrevolution in die Weltgeschichte ein.

Der Umsturz der Bolschewiki beendete das kurze demokratische Intermezzo im größten Land der Erde. Acht Monate zuvor hatte der Zar inmitten der Wirren des Ersten Weltkriegs abgedankt. Liberale Intellektuelle sowie rebellische Arbeiter und Soldaten übernahmen in einer Art Doppelherrschaft das Regiment. Weil die Provisorische Regierung den Krieg jedoch unbeirrt fortsetzte, Agrarreformen vertagte, für Hunger und Hyperinflation haftbar gemacht wurde, hatte sie ihren Kredit beim Volk rasch verspielt. „Demagogie siegte über zögerliche Realpolitik“, resümiert der Historiker Manfred Hildermeier. Die Bolschewiki, zu Beginn des Jahres 1917 noch eine radikale Minderheit, gewannen rasch an Einfluss in den Arbeiter- und Soldatenräten. Sie gaben dem aufgestauten Unmut, der Unzufriedenheit und dem Hass der Unterschichten eine Stimme.

Wendepunkt in der Weltgeschichte

Was in jenem Herbst vor 100 Jahren geschah, ist bis heute umstritten. Ein Staatsstreich? Ein Putsch? Eine Verschwörung? „Bei Lichte besehen bedurfte es der von Lenin zitierten ,Kunst des Aufstandes‘ gar nicht, um dem wankenden Regime den Todesstoß zu versetzen“, urteilt Hildermeier. Die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“, von der in sowjetischen Geschichtsbüchern die Rede ist, erweist sich bei näherem Hinsehen als Aufstand einer entschlossenen Minderheit: „nicht mehr und nicht weniger als die Befehlsübernahme über das Militär seitens der Sowjets“ – der Räte, in denen Lenins Leute inzwischen das Sagen hatten, so schreibt der Historiker Georg von Rauch. Höchstens 30 000 Menschen waren an dem Umsturz aktiv beteiligt, etwa fünf Prozent der an der Heimatfront versammelten Soldaten und Arbeiter. Der legendäre „Sturm auf den Winterpalast“, wo die Regierung ihren Sitz hatte, wirkte eher wie unausweichliche Routine.

Dennoch war es ein Wendepunkt der Weltgeschichte: „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“, so der Titel eines Romans von John Reed, einem Amerikaner, der miterlebt hat, wie der Kommunismus an die Macht kam. Das dauerte erheblich länger als zehn Tage. Die Bolschewiki, die sich prompt Kommunistische Partei Russlands nannten, konnten sich erst nach Ende des Bürgerkriegs 1921 als Sieger fühlen.

Ihr „Kommunismus“ hatte mit dem, was sich Karl Marx erträumt hatte, nur wenig gemein. Marx gilt als Urvater dieser Utopie. 1848 hatte er gemeinsam mit Friedrich Engels ein „Manifest der Kommunistischen Partei“ verfasst („Ein Gespenst geht um in Europa“), die es damals so gar nicht gab. Der Traum von einer Welt, in der es zugehen sollte wie in einem Schlaraffenland („Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“), ist schon viel älter. Er hat seine Ursprünge auf der Insel Utopia, die Thomas Morus 1516 beschrieb, und im „Sonnenstaat“, den sich der Dominikaner Tommaso Campanella 1602 ausgedacht hat. Erfinder des Wortes Kommunismus war der französische Frühsozialist Etienne Cabet. Ins Deutsche übersetzt hat es Wilhelm Weitling, ein Zeitgenosse von Marx. Was der darunter verstand, hat er in einem Aufsatz 1844 ausformuliert: Kommunismus sei die „Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung, vollendeter Humanismus, das aufgelöste Rätsel der Geschichte“.

Im Namen der Utopie begangene Verbrechen

Wie die Geschichte zeigt, blieb von Humanismus wenig übrig. „Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein“, dichtete der bekennende Kommunist Bertolt Brecht. Lenin und seine Genossen traten auf wie „Advokaten hemmungsloser Gewalt“, so der Historiker Hildermeier: „Die Bolschewiki zerrissen die dünne Schicht der Zivilisation, die sich in nur einem Jahrhundert über das alte Russland gelegt hatte, sie vernichteten das europäische Russland und ersetzten es durch eine barbarische und maßlose Gewaltherrschaft.“

Die im Namen dieser Utopie begangenen Verbrechen hat der Franzose Stéphane Courtois in seinem „Schwarzbuch des Kommunismus“ aufgelistet. Er war früher selbst Maoist. Der Kommunismus habe Politik durch Terror ersetzt. „Über einzelne Massaker hinaus machten die kommunistischen Diktaturen zur Festigung ihrer Herrschaft das Massenverbrechen regelrecht zum Regierungssystem.“ Insgesamt lastet er den roten Machthabern hundert Millionen Tote an: Opfer von Hinrichtungen, Deportationen, Bürgerkriegen, Hungersnöten durch Misswirtschaft.

Schon manchem Augenzeugen der russischen Oktoberrevolution schwante nichts Gutes. „Ein Regime des Blutvergießens, der Konzentrationslager und der Geiselnahmen begann seine stupende Karriere“, notierte der Schriftsteller Wladimir Nabokow, als die Machtergreifung der Bolschewiken ihren Lauf nahm.

Mit der Oktoberrevolution begann ein globaler Siegeszug

Wie konnte der Kommunismus dennoch die halbe Welt erobern und sich ein Jahrhundert lang an der Macht halten? Er wurde zum wichtigsten politischen Phänomen des 20. Jahrhunderts, hat den Faschismus, seinen vermeintlichen Widerpart, dessen Aufstieg er in Wirklichkeit begünstigt hat, lange überdauert. Der Kommunismus hat den Terror vorgelebt, an den die Nazis anknüpfen konnten. Die beiden feindlichen Geschwister waren sich ähnlich als Feinde von Demokratie und Freiheit. Mit der Oktoberrevolution begann ein globaler Siegeszug. Der Mythos vom Kampf gegen politische und soziale Ungleichheit sicherte den Kommunisten fortwährend Zulauf, Gehorsam und geschichtsblinde Gefolgschaft. Besondere Attraktivität entfaltete diese Emanzipationsbewegung im Zeichen der roten Fahne bei unterjochten Völkern, in rückständigen Weltgegenden, auf der Schattenseite eines von imperialen Mächten beherrschten Globus.

Der schöne Traum von universaler Gerechtigkeit verkam zur Rechtfertigungsvehikel zeitweise erfolgreicher Modernisierungsdiktaturen. Nach dem Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht wurde diese zum Hegemon, Vorbild, Rohstoff- und Waffenlieferant eines eigenen Universums von Vasallenstaaten. Kommunisten beherrschten gegen Ende des Kalten Krieges knapp ein Drittel der Weltbevölkerung.

Der Kollaps begann mit dem Zerfall der Sowjetunion

In fast jedem Land gab es eine Kommunistische Partei. Selbst in Staaten mit ausgeprägt demokratischen und liberalen Traditionen wurde der Kommunismus zum „Opium für Intellektuelle“, wie der französische Philosoph Raymond Aron das Faszinosum von Gleichheitsfantasien, internationalistischen Idealen und einem antibürgerlichen Revoluzzertum beschrieb.

„Eure Rolle ist ausgespielt“, hatte Lenins Genosse Leo Trotzki Kritikern einst zugerufen. „Schert euch hin, wo ihr von nun an hingehört: auf den Kehrrichthaufen der Geschichte.“ Dort ist inzwischen allerdings der Kommunismus gelandet. Der Kollaps begann mit dem Zerfall der Sowjetunion, dem wirtschaftlichen Ruin vieler von Kommunisten beherrschter Staaten. Von dem glorreichen Mythos sind einbalsamierte Mumien geblieben: der tote Mao in seinem Mausoleum am Platz des himmlischen Friedens, Lenins Leichnam als Pilgerstätte vor der Kremlmauer, Ho Chi Minh in einem Schneewittchensarg, an dem Vietnamtouristen vorbei defilieren. In China sind zwar offiziell noch Kommunisten an der Macht, Präsident Xi gebärdet sich wie Maos Wiedergänger – doch sie haben Gefallen am Kapitalismus gefunden. Die Volksrepublik China sei „unter der Regie einer autokratisch weiterherrschenden Kommunistischen Partei zu einem mächtigen Motor der beschleunigten kapitalistischen Globalisierung“ geworden, schreibt der Historiker Gerd Koenen, früher Mitglied einer K-Gruppe, in seinem Nachruf auf den Kommunismus.

Mit der globalen Finanzkrise kame alle Fragen wieder auf

Ungeachtet der Tendenz zur Unmenschmlich, die im Gencode dieser Ideologie verwurzelt scheint, ist der Traum von der „Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, Individuum und Gattung“ (Marx) nicht völlig ausgeträumt. „Es ist unglaublich, dass nichts von dem, was man geschichtlich für überholt hielt, wirklich verschwunden ist“, so der französische Philosoph Jean Baudrillard, „alles ist da, bereit zur Wiederauferstehung.“ Mit der globalen Finanzkrise wurden alle Fragen, die der Kommunismus gestellt, aber nicht beantwortet hat, wieder aufgewirbelt. Marxens „Kommunistisches Manifest“ zählt zu den Bestsellern bei Amazon – der Firma, die für den Triumph des Kapitalismus auf dem Terrain des Buchhandels steht. Der Kommunismus erlebt ein Revival als romantische Idee, absurde Provokation. Zu den Zombies dieser messianischen Idee zählt der Slowene Slavoj Zizek, ein Popstar des Philosophie. Er nennt sich Marxist, will aber „dem Teufel geben, was dem Teufel gehört“. Der Kapitalismus sei nun mal das effizienteste Wirtschaftssystem, das bisher erfunden wurde. Ohne Kapitalismus sei der Kommunismus zur Stagnation verdammt. Von dem fixen Glauben an eine Vorherbestimmtheit der Geschichte und dem Dogma von der Diktatur des Proletariats haben sich die Enkel der Neokommunisten verabschiedet. Doch Zizek predigt: „Der Kommunismus ist ewig, da ihm die Möglichkeit innewohnt, jederzeit neu erfunden zu werden.“

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