Manchmal ist der Fall so klar wie damals, als Mercedes einen gefälschten 300 SL in die Schrottpresse steckte. Das zuvor vom Zoll beschlagnahmte Plagiat war einfach zu erkennen: Die Karosserie bestand nicht aus Metall, sondern aus Fiberglas. Ihre Form aber ist markenrechtlich geschützt, weswegen die damalige Daimler AG den Nachbau im Jahr 2012 plattmachte und sich die Verschrottung offiziell attestieren ließ und den Vorgang offensiv bekannt machte.
Im aktuellen Verdachtsfall gegen den Ditzinger Oldtimer-Restaurator Kienle aber ist die Lage derzeit weniger durchsichtig. Das Unternehmen Mercedes-Benz, das im Classic Center in Fellbach auch auf eigene Rechnung Oldtimer wiederherstellt und verkauft, versagt sich jedwede Einlassung dazu. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu einem Ermittlungsverfahren gegen Dritte nicht äußern können“, so lautet der einzige Kommentar.
Kienle lässt seine Oldtimer bei Mercedes begutachten
Kienle selbst hat vor wenigen Monaten betont, dass er oft auf die Expertise des Classic Centers zurückgreife. Er schicke seine Oldtimer vor dem Verkauf zur Begutachtung nach Fellbach, wo das jeweilige Fahrzeug auf Herz und Karosserie gecheckt werde. Die Gutachter überprüften alles von der Fahrgestellnummer über den Lack bis zum Kennzeichen und schlüsselten die gesamte Geschichte des Autos auf. „Das ist das Beste, das es gibt“, sagte Klaus Kienle. „Kostet aber auch 20 000 Euro.“ Im aktuellen Verdachtsfall aber sei er nur Vermittler gewesen und habe kein Gutachten erstellen lassen.
Man kann nur mutmaßen, ob die wundersame Oldtimerverdopplung sonst früher aufgefallen wäre. Hätte der erste Besitzer des SL 300 Roadsters sein Auto in einer Mercedes-Werkstatt von fantasiegelb in rot umlackieren lassen, wäre dies im Classic Center aktenkundig. Sollte es später mit identischer Fahrzeugidentifikationsnummer wieder irgendwo im Mercedes-Werkstatt-Kosmos in Gelb vorgefahren sein, wäre dies eine der Unstimmigkeiten, die im Gutachten erwähnt würden. Aber wie gesagt: alles Theorie.
Sicher ist hingegen, dass sich das Geschäft mit legendär gewordenen Fahrzeugen in den vergangenen Jahren immer mehr zum Millionengeschäft entwickelt hat, wobei der von Andy Warhol porträtierte SL 300 zu den besonders begehrten Autos gehört. Fälschungen sind zwar kein Massenphänomen. Aber es werden immer wieder einmal Fälle bekannt, und der Insiderszene sind Mutmaßungen über Manipulationen nicht fremd, wie auf einschlägigen Internetseiten nachzulesen ist.
Original oder Fälschung – das ist oft eine Frage der Details
Wie man einen echten Oldtimer dabei von einem gefälschten oder zumindest unsauber renovierten unterscheidet, ist dabei oft eine Frage der Details. Wenn ein Vorkriegsfahrzeug mit einem Lack aus den 1980ern überzogen wird, gilt dies den Puritanern als Sakrileg. Alle Ersatzteile sollten aus dem ursprünglichen Material gefertigt sein.
Das Mercedes-Benz Classic Center nimmt dies für dort neu gefertigte Ersatzteile selbstverständlich in Anspruch. „Durch regelmäßige Neufertigungen exakt nach Herstellerspezifikationen bietet Mercedes-Benz Classic ein umfassendes Teilesortiment an“, hießt es auf der Website. Es gibt aber auch einen Sekundärmarkt, auf dem möglicherweise etwas legerer mit den Originalvorgaben umgegangen wird.
So oder so wird der schwäbische Autohersteller mit großem Interesse den Fortgang der aktuellen Ermittlungen verfolgen. Kienle gilt schließlich nicht nur als einer der bekanntesten Mercedes-Restauratoren, er ist auch gleichzeitig Kunde und Konkurrent auf dem globalen Marktplatz für Oldtimer mit Stern. Die ökonomische Bedeutung der Nische dürfte für Mercedes zwar überschaubar sein. Für das Markenimage aber spielen die Liebhaberautos keine geringe Rolle.