Er habe in einer kleinen Gruppe auf dem Gehweg gestanden, als ganz in der Nähe, nur etwa zwei Meter entfernt eine Ratte auftauchte. „Ich wollte sie vertreiben, normalerweise laufen die ja schnell wieder weg, also habe ich mit dem Fuß auf den Boden gestampft“, erzählt der junge Mann. Doch da habe die Ratte Gas gegeben, sei auf ihn zu gerannt und habe ihn ins Bein gebissen. „Es ging alles sehr schnell, ich hatte leichte Schuhe an, es hat schon wehgetan“, sagt sich der Stuttgarter. Er habe nach dem Tier getreten, dieses lag dann benommen da. Als der Nager sich wieder aufrappeln wollte, habe man das Tier mit einem Spaten zur Strecke gebracht. „Ich bin in die Notaufnahme im Marienhospital. Der dortige Arzt sagte mir, dass ich nun schon der Zweite binnen sehr kurzer Zeit sei, den er wegen eines Rattenbisses behandeln müsse.“
Wie viele Ratten gibt es in der Stadt?
Den Stuttgarter hat das aufhorchen lassen. Gibt es in der Stadt ein Rattenproblem? Die Stadtverwaltung schreibt dazu in einer aktuellen Infobroschüre: „Seit Menschen in Siedlungen zusammenwohnen, sehen sie sich mit Ratten als Nachbarn konfrontiert.“ Um einen Überblick zu bekommen, wie viele der ungeliebten Nager in der Stadt leben, sind Bürger dazu aufgerufen, Rattensichtungen zu melden. Stand 4. September seien beim Amt für öffentliche Ordnung 123 schriftliche Hinweise eingegangen, erklärt die Pressestelle der Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung. Zum Vergleich: im Jahr 2022 waren es insgesamt 158, und im Jahr 2021 insgesamt 148 Beschwerden. Ein deutlicher Anstieg ist also nicht erkennbar. Telefonische Meldungen sind in der Statistik nicht erfasst.
„Allgemein bleibt festzuhalten, dass Beschwerden aus dem gesamten Stadtgebiet eingehen. In der Regel halten Ratten sich jedoch vermehrt dort auf, wo sie ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden“, ergänzt die Pressestelle in ihrer Stellungnahme. Schwerpunkte gebe es also dort, wo es unter anderem viele Schnellrestaurants und Imbissbuden, Stehcafés und Bäckereien gebe. „Insgesamt entstehen die Probleme dort, wo Bürger und Gäste Essensreste übrig lassen oder nicht sachgerecht entsorgen“, moniert die Verwaltung.
Die vergifteten Ratten verenden schmerzlos
Zuständig für die Rattenbekämpfung ist das Ordnungsamt. Es koordiniert seine Maßnahmen mit dem Eigenbetrieb Stadtentwässerung Stuttgart (SES) und dem Garten-, Friedhofs- und Forstamt. Um einen Rattenbefall festzustellen, legt der SES zunächst ungiftige Lockköder im Kanalsystem aus, wo sich die Nager besonders gern aufhalten. Sind tatsächlich Ratten an die Lockköder gegangen, werden diese durch Giftköder ersetzt. Das Gift beeinflusst die Blutgerinnung so, dass die Ratten einige Tage später schmerzlos verenden. „Besonders viele Köderboxen sind in Bad Cannstatt, Stuttgart Mitte und Degerloch ausgelegt“, informiert die Pressestelle. Für die Nager-Bekämpfung über der Erde ist das Gartenamt zuständig. Auf städtischen Grundstücken, zum Beispiel in Parks, wird Rattengift ausgelegt – „unerreichbar für andere Tiere oder gar Kinder“, betont die Stadtverwaltung. Darüber hinaus werden Büsche und bodendeckende Pflanzen so zurückgeschnitten, dass Ratten sich dort nicht verstecken können.
Damit sich Ratten in der Stadt nicht ausbreiten, sei die Unterstützung seitens der Bürgerinnen und Bürger notwendig. Die Pressestelle der Stadt schreibt dazu: „Auch nicht sachgerechte Mülltrennung ist ein Problem, insbesondere wenn bei den Gelben Säcken, Essens- und Nahrungsreste vorzufinden sind, zieht dies vermehrt Ungeziefer an.“
Wer tatsächlich von einer Ratte gebissen wird, sollte für die Wundreinigung und die Wunddesinfektion zum Hausarzt gehen, rät das Gesundheitsamt. Zudem sollte man prüfen, ob die Tetanusimpfung noch aktuell ist und sie gegebenenfalls auffrischen lassen. Der Biss sollte auch im weiteren Verlauf beobachtet werden, falls gegebenenfalls trotz Behandlung eine Entzündung entsteht.
Was jeder einzelne tun kann
Krankheiten
Ratten sind Allesfresser. Auf Nahrungssuche durchstreifen sie Abwasserkanäle, Abfalltonnen, Komposthaufen und Ställe. Dort nehmen sie eventuell vorhandene Keime wie Salmonellen, Leptospiren, Hantaviren und Toxoplasmen auf und übertragen sie durch ihre Ausscheidungen oder Bisse auf den Menschen. Auch können Flöhe oder Zecken von der Ratte auf den Menschen oder dessen Haus- und Nutztiere wechseln und so die Krankheitserreger weitergeben.
Vermeidung
Wer Ratten in seiner Umgebung vermeiden möchte, sollte vor allem ihr Nahrungsangebot reduzieren. Das bedeutet, keine Essensreste in der Toilette herunterspülen. Denn das könnte die Nager über die Kanalisation ins eigene Haus locken. Auch auf dem Kompost haben Essensreste nichts zu suchen, am besten entsorgt man sie über die Biotonne, die anschließend – wie alle Abfallbehälter – sorgfältig verschlossen werden sollte. Gelbe Säcke sollten erst kurz vor der Abholung auf die Straße gestellt werden.
Bekämpfung
Wer Ratten auf seinem Privatgrundstück hat, muss selbst den Schädlingsbekämpfer rufen. Bei einer Mietwohnung ist der Vermieter zuständig.