Was tun bei Stalking? Stalker – auf der Jagd nach Liebe

Von Alena Hecker 

Unerwünschte Anrufe, Liebesschwüre per Mail oder scheinbar zufällige Treffen im Lieblingscafé – statistisch gesehen wird etwa jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einmal gestalkt, das heißt beobachtet, belästigt oder gar bedroht.

Statistisch gesehen wird etwa jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einmal gestalkt Foto: Mr Korn Flakes/ Adobe Stock
Statistisch gesehen wird etwa jeder Zehnte im Laufe seines Lebens einmal gestalkt Foto: Mr Korn Flakes/ Adobe Stock

Stuttgart - Sein Fall beschäftigt Medien und Gerichte: Seit 17 Jahren muss Michael Hammerschmidt, katholischer Pfarrer im sauerländischen Meschede, ungebetene Liebesschwüre, Geschenke, Telefonanrufe und obszöne Tanzvorführungen im eigenen Garten ertragen. Die mittlerweile 75 Jahre alte Dame, die ihn täglich belästigt, gilt als krank und ist damit schuldunfähig.

Dass ein Mensch dafür bestraft werden kann, wenn er permanent die Nähe einer anderen Person sucht, sie bedrängt und auf verschiedenste Art und Weise Kontakt mit ihr aufzunehmen versucht, wurde 2007 erstmals gesetzlich festgelegt. Laut Paragraf 238 des Strafgesetzbuches sind bis zu drei Jahre Gefängnis möglich für jemanden, der „einer anderen Person in einer Weise unbefugt nachstellt, die geeignet ist, deren Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen.“ Im vergangenen Jahr wurde das Gesetz noch einmal angepasst, um die strafrechtliche Verfolgung zu vereinfachen.

In etwa der Hälfte der Fälle bestand vorher eine Paarbeziehung

„Grundsätzlich ist es seitdem für die Staatsanwaltschaft in bestimmten Fällen leichter, Anklage zu erheben“, sagt Wolf Ortiz-Müller, Psychologe und Leiter der Berliner Beratungsstelle Stop-Stalking. Doch schon wieder ein schärferes Gesetz sei nicht unbedingt das, was Betroffene brauchten: „Viele haben eher Schwierigkeiten, damit zur Polizei zu gehen. Die sagen: Ich will gar nicht, dass er bestraft wird, der muss nur aufhören.“

Stalking, so der Fachbegriff, kommt aus der englischen Jägersprache und bedeutet so viel wie heranpirschen, auflauern. 80 Prozent der Stalker sind männlich, mehr als 80 Prozent der Betroffenen weiblich. In etwa der Hälfte der Fälle bestand vorher eine Paarbeziehung. Darum leiden auch viele anfangs mit, wenn sie sehen, wie der Mensch, den sie einmal geliebt haben, sich um sie bemüht. Manchmal fühlen sie sich selber schuldig, weil sie sich ihm gegenüber vielleicht schäbig verhalten haben. Dass es sich womöglich um Stalking handeln könnte, wird ihnen erst mit der Zeit bewusst.

„Stalking ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess“, sagt Tobias Langenbach von der Hilfsorganisation Weißer Ring. „Die Übergänge zwischen unerwünschter Kontaktaufnahme, Belästigung und Bedrohung können fließend sein.“ Für das Opfer, das in eine ganz massive Drucksituation gerate, habe Stalking erhebliche seelische und körperliche Auswirkungen.

Die Opfer sind noch Jahre später in ständiger Alarmbereitschaft

Viele Menschen haben auch noch Jahre später mit den Folgen der permanenten Nachstellung zu kämpfen. „Sie sind in ständiger Alarmbereitschaft und leiden unter einem Gefühl von Kontrollverlust“, beobachtet Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. „Wir wissen auch, dass die Depressions- und vielleicht auch Suizidrate bei Stalkingopfern etwas höher liegt.“

Wer wie Michael Hammerschmidt aus Meschede in der Öffentlichkeit auftritt, kann sich zudem nicht so einfach schützen. Eine Geheimnummer kam für den Pfarrer ebenso wenig in Frage wie der völlige Rückzug ins Private. Seine Dienstnummer ist öffentlich bekannt und am Sonntag steht er vor der Gemeinde auf der Kanzel und meidet den Blick in Richtung seiner Stalkerin. Auch nach außen offene Organisationen wie Krankenhäuser oder Universitäten erleichtern es Stalkern, ihren Opfern nachzustellen.

Die TU Darmstadt hat eine Anlaufstelle für Studierende und Mitarbeitende eingerichtet

Als erste ihrer Art hat die Technische Universität Darmstadt vor zehn Jahren eine Anlaufstelle für Studierende und Mitarbeitende eingerichtet, an die sich Hilfesuchende wenden können, wenn sie sich in irgendeiner Form bedroht fühlen. Ausschlaggebend dafür war der Fall eines Studenten, der begonnen hatte, seine Professoren per E-Mail zu belästigen.

„Wir haben lange versucht, freundlich mit ihm zu reden“, erzählt Mada Mevissen, eine der Ansprechpartnerinnen im Bedrohungsmanagement. Erst als der Student ein Massaker androhte, schaltete die Universität die Polizei ein. „Da haben wir gemerkt, wir müssen ein Konzept ausarbeiten, um auf solche Fälle besser vorbereitet zu sein.“

Seitdem setzen sich Mitarbeitende aus verschiedenen Bereichen alle sechs Wochen zusammen, um aktuelle Fälle zu diskutieren. Es gibt einen internen Notruf, der rund um die Uhr besetzt ist sowie Schulungen für Menschen, die etwa im Vorzimmer des Präsidiums, an der Pforte oder in der Bibliothek arbeiten. „Es ist wichtig, dass Leute, die sehr stark mit manchmal sehr merkwürdigen Menschen zu tun haben, wissen, wie sie mit der jeweiligen Situation umgehen können“, so Mevissen. Etwa 100 Stalking-Fälle, so ihre Schätzung, habe das Bedrohungsmanagement an der Uni in den vergangenen zehn Jahren behandelt.

Experte hält mehr Hilfsangebote für Stalking-Opfer für geboten

Der Psychologe Wolf Ortiz-Müller findet es unerlässlich, weitere Hilfsangebote für Stalking-Opfer zu schaffen. „Die Zahl der Betroffenen, die nach einer polizeilichen Anzeige in Berlin erreicht werden, liegt bei deutlich unter zehn Prozent, in anderen Ländern, etwa Nordirland oder auch Holland, bei deutlich über 50, manchmal sogar 70 Prozent.“

Er fordert, der Polizei zu erlauben, Daten der Opfer mit deren Einverständnis weiterzugeben, damit Hilfseinrichtungen von sich aus an die Menschen herantreten können. „Ein Gesetz ist zwar notwendig und gut. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass man den Menschen sagt, wir hören zu und wir sind für ihre Sorgen, Nöte und Ängste da. Das ist viel zu wenig ausgebaut im Bundesgebiet.“

Pfarrer Hammerschmidt hat einen Kreis von guten Freunden, die ihm helfen, den anhaltenden Terror der liebestollen 75-Jährigen zu überstehen. Nach dem jüngsten Urteil hat er jegliche Hoffnung aufgegeben, dass die Justiz ihm helfen könnte. Der 64-Jährige weiß: Beenden kann das Stalking nur noch der Tod – seiner oder ihrer.