Gesamtmetallchef Stefan Wolf Wie das Bildungsniveau wieder steigen kann

Gesamtmetallchef Stefan Wolf im Gespräch mit DHBW-Präsidentin Martina Klärle. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Gesamtmetallchef Stefan Wolf und die Präsidentin der Dualen Hochschule in Baden-Württemberg, Martina Klärle, haben einen Vorschlag, wie das Bildungsniveau hierzulande wieder steigen könnte. Vor allem, sagt Klärle, brauche es ein klares Ziel.

Was braucht es, um bei der Bildung wieder vorne mitzuspielen? Gesamtmetallchef Stefan Wolf und die Präsidentin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg sind sich im Interview einig: Weniger ist mehr.

 

Herr Wolf, welche Erfahrung machen Ihre Unternehmen mit den Deutsch- und Mathedefiziten der Schulabgänger – haben Sie die schlechten Pisa-Ergebnisse erwartet?

Wolf: Das ist ein durchgängiges Problem, das sich von Jahr zu Jahr vergrößert. Wir haben bei Elring-Klinger, wo ich 26 Jahre war, jedes Jahr 40 Auszubildende eingestellt bei 600 bis 800 Bewerbungen. Dieses Jahr wurden nur 36 Stellen besetzt, und zwar nicht mangels Masse, sondern mangels Klasse.

Frau Klärle, was trifft Ihre Erfahrung mit den Erstsemestern eher: dass heute 39 Prozent der Abiturienten im Land im Abi eine Eins vor dem Komma haben, oder dass nur noch zehn Prozent der Neuntklässler an Gymnasien Spitzenleser sind?

Klärle: Die Notenspanne, die früher zwischen eins und fünf lag, ist heute zwischen eins und drei. Wahr ist, dass die Schüler nicht besser geworden sind. In den Schulen wird heute weniger Wert auf die Grundlagen in Mathematik, Physik und Deutsch gelegt, während interdisziplinäres Arbeiten wichtiger geworden ist. Wir müssen einen Spagat zwischen diesen Polen hinbekommen. Aber das Wichtigste ist, dass die Grundlagen aus dem Effeff sitzen. Man muss den goldenen Dreisatz überall anwenden können – egal, ob an der Supermarktkasse oder im Labor. Das wurde in den letzten zwanzig Jahren vernachlässigt.

Die hohe Qualifikation der Beschäftigten galt traditionell als Standortvorteil in Deutschland. Ist das perdu?

Wolf: Natürlich gibt es nach wie vor gute, motivierte junge Leute. Aber viele sind auch orientierungslos. Das ist das Hauptproblem. Es ist blamabel, dass bundesweit jedes Jahr 50 000 Jugendliche ohne Abschluss von der Schule gehen, und dass zwei bis drei Millionen Menschen zwischen 20 und 30 keine Berufsausbildung haben. Hinzu kommen jährlich etwa 150 000 Ausbildungs- und 100 000 Studienabbrüche bei Bachelorstudiengängen.

Ist das die Schuld der Schulen?

Wolf: Es ist ein Problem, dass das Niveau gesunken ist. Das hängt auch mit den Zuwandererkindern zusammen. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse können sie dem Unterricht nicht folgen, und Lehrer, die denen helfen, können nicht auch gleichzeitig alle anderen unterrichten. Aber auch die Motivation hat sich verändert: Viele junge Leute sind in extremem Wohlstand aufgewachsen, sie streben nicht mehr so nach Leistung und Erfolg wie ihre Eltern. Dieses Problem wird sich mit der gerade erstarkenden Erbengenerationen wohl noch verstärken. Der Sättigungsfaktor bei uns ist enorm.

Wie bricht man das auf?

Klärle: Unsere Art von Hochschule ist eine Antwort darauf: Bei uns wechseln sich drei Monate Praxis im Betrieb und drei Monate Studium bis zum Bachelor ab. Das verändert das Leistungsverhalten, weil die Studierenden von Anfang an merken, dass im Betrieb funktioniert, was sie an der Hochschule gelernt haben und umgekehrt. Wenn es uns gelingen würde, Bildung und Praxis an den Schulen ebenso zu verzahnen, würden wir rauskommen aus den ewigen Debatten, welche Themen die Schulen behandeln sollen und was verzichtbar ist.

Wolf: Ich bin ein großer Fan der Dualen Hochschule. Wir brauchen eine frühe Orientierung an der Praxis.

Ist der Wunsch nach früheren Bezügen zur Unternehmenswelt in der Schule nicht ein Widerspruch zu dem Anspruch, dass die Grundlagen Vorrang haben müssen?

Wolf: Man kann viele Dinge aus den Lehrplänen entsorgen. Dass am Gymnasium noch Französisch als Pflichtfach unterrichtet wird, ist aus meiner Sicht fragwürdig. Frankreich ist zwar unser Nachbar, aber mit der Sprache kommt man auf der Welt nicht weit. Das ist bei Spanisch anders.

Damit ersetzen Sie eine Fremdsprache durch die andere. Der Lehrplan ist immer noch voll.

Klärle: Es würde Zeit sparen, wenn die Schule mehr nutzt, wie wahnsinnig gut die Kinder heute Englisch können. Man könnte weniger Englisch als Fach unterrichten, aber die Sprache in anderen Fächern anwenden. Bilinguale Angebote wären gut. Wieso nicht den Sportunterricht auf Englisch machen? Das würde mehr Zeit für die Grundlagen schaffen.

Wolf: Es würde die Lehrpläne entlasten, wenn die Schüler frühere Wahlmöglichkeiten hätten. Jemand, der eine starke Sprachbegabung hat, muss das akzentuieren. Den muss man nicht durch Physik und Chemie durchplagen. Die ganzen Fächer um die Grundlagen herum sind überfrachtet.

Welche Fächer meinen Sie?

Wolf: Geschichte ist wichtig für die Allgemeinbildung. Ich glaube, dass man den Lehrstoff insgesamt reduzieren sollte. Nicht verhandelbar sind für mich nur Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte.

Was muss die Politik tun?

Wolf: Wir müssen die frühe Bildung in den Blick nehmen. Wenn man Noten in der Grundschule abschafft, damit Kinder nicht frustriert werden, ist das eine katastrophale Entwicklung. Auch die Abschaffung der Schulempfehlung durch die Grundschulen unter anderem in Baden-Württemberg war ein Riesenfehler. Kinder sind unterschiedlich, und manche sind besser auf einer Real- oder Hauptschule aufgehoben. Ich halte die Abwertung der Hauptschule für ein Riesenproblem. Außerdem brauchen wir bundeseinheitliche Mindestbildungsstandards, die laufend gemessen werden, damit rechtzeitig unterstützt werden kann.

Klärle: Meine Forderung an die Politik ist, für die Schulen ein klares Ziel zu definieren: Wir wollen unter die Top 3 bei Pisa. Das Zeug dazu haben wir. Zugleich würde ich den Schulen mehr Beinfreiheit geben und weniger vorschreiben, was im Detail zu lernen ist. Aus meiner Sicht fehlt es nicht an Ressourcen, denn wir haben so viele Lehrer wie noch nie. Die darf die Politik aber nicht mit Bürokratie drangsalieren, sondern muss sie ihre Berufung leben lassen.

In Baden-Württemberg zeichnet sich die Rückkehr zum G9 ab.

Wolf: Das Problem mit G8 war, dass man die Lehrpläne nicht entlastet hat. Das war einfach zu viel. Ich finde aber ein G9 persönlich auch nicht schlimm, wenn es dabei hilft, das Bildungsniveau wieder anzuheben.

Mit Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschule neben dem Gymnasium ist das Schulsystem in Baden-Württemberg so stark aufgefächert wie kaum ein anderes in Deutschland. Ist das noch zeitgemäß?

Klärle: Gut ist, ist dass das System durchlässig ist. Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich alle Schüler zusammen lernen lassen, bis sich in der sechsten oder siebten Klasse zeigt, wohin die Reise geht. Dadurch dass das Gymnasium zur neuen Volksschule geworden ist, sind die anderen Schularten oftmals nur noch Auffangbecken. Das wird dem Auftrag von Schule aber nicht gerecht. Das Problem sind nicht die Schüler, sondern das System. Dieser Weckruf ist angekommen.

Wie schnell muss die Reform kommen?

Klärle: Entscheidend ist, dass man den Beschluss über G8 oder G9 rasch fällt und eine klare Zielvorgabe macht: Top 3 bei Pisa – das geht auch schon 2027.

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