Es scheint als fühlen sie sich mittlerweile wie zu Hause: Seelenruhig liegen die Wasserbüffel auf der Weide im Naturschutzgebiet Wiestal bei Kirchheim unter Teck – so als wären sie immer schon dagewesen. Nur der Kopf wird schwerfällig gehoben, um zu sehen, wer an diesem Nachmittag zu Besuch kommt. Gewaschen haben sie sich nicht für ihren Gast, vielleicht weil Dieter Ilg vom Naturschutzbund (Nabu) schon ein alter Bekannter für die Tiere ist: „Ich glaube, die erkennen meine Stimme schon, ich bin schon oft hier.“
Nach einem kurzen Blick senken die Tiere die feucht glänzende Schnauze wieder und die gemütliche Mittagsruhe wird fortgesetzt. Allzu erschöpft dürften die Vierbeiner mit dem dunkelbraunen Fell nicht sein, denn ihr Tagesprogramm ist überschaubar: fressen, suhlen, faulenzen. Doch was auf den ersten Blick nach Erholung aussieht, ist eigentlich Arbeit, denn die gehörnten Huftiere sind hauptberuflich Landschaftspfleger.
Mehr Dung, mehr Insekten
Seit Anfang Mai stehen sie auf einer 6,5 Hektar großen Fläche im Naturschutzgebiet. Eine Verbesserung der Artenvielfalt erhofft man sich von dem Projekt. „Mit ihren breiten Füßen hinterlassen sie Trittspuren, durch die tiefe Kuhlen entstehen“, erklärt Ilg, „dort finden Grasfrösche oder auch bedrohte Gelbbauchunken gute Laichplätze“. Auch Insekten können sich durch die Art der Beweidung besser fortpflanzen. Für erste Erfahrungswerte sei es aber zu früh. Doch es dauert nicht lange, bis die ersten Spuren eines kleinen Erfolges im halbhohen Gras erkennbar sind: „Hier sieht man ein ganzes Insektenhotel“, sagt Ilg, während er mit einem Stock einen Büffelfladen anhebt. Kleine Löcher sind im Dung erkennbar. Entstanden sind sie durch Insekten – pro Loch ein Insekt.
Der Begriff Landschaftspfleger mag in diesem Zusammenhang zunächst verwirrend sein, doch mit ihren Ausscheidungen tragen die Büffel zu mehr Biodiversität bei. „Ein Büffel produziert etwa eine Tonne Dung im Monat. Mehr als hundert Kilogramm Insekten und ihre Larven können in einem Jahr in der Ausscheidung der Büffel leben“, sagt Ilg, der mit den Tieren in den vergangenen Monaten schon einiges erlebt hat.
Erst kürzlich habe eines der Tiere ihm einen großen Schrecken eingejagt: Als er an einem Samstagmorgen die Straße entlangfuhr, sah er plötzlich einen Büffel am Straßenrand stehen. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, erinnert sich das Nabu-Vorstandsmitglied. Zusammen mit dem Besitzer der Tiere konnte er die Ausreißerin wieder einfangen. Doch ganz freiwillig war die Büffel-Kuh – es gibt keinen offiziellen Namen für einen weiblichen Büffel – nicht ausgerissen: „Aufgrund der Spuren vermuten wir, dass das Ausbrechen eher ein kleiner Unfall bei der Fortpflanzung war. Der Zaun ist nicht so hoch und bei dem Bespringen des anderen Büffels muss das Tier wohl abgestürzt und außerhalb der Weide gelandet sein“, sagt Ilg. Ansonsten gab es aber noch keine besonderen Vorfälle.
Kein Büffelmozzarella
Auch ein von manchen Anwohnern erwarteter Wasserbüffel-Tourismus sei nicht entstanden, nur manchmal passiere es, dass Autofahrer etwas langsamer führen, um die Tiere zu beobachten und andere Verkehrsteilnehmer sich dadurch gestört fühlten, berichtet der Tierliebhaber. Die Tiere selbst höre man selten und wenn, dann sei das nicht mit einem Rind zu vergleichen: „Das ist mehr ein Grunzen, eine Mischung aus Schwein und Hirsch, aber die melden sich selten und sind eher ruhig.“
Bald schon dürfte auf der Weide ein klein wenig mehr Aufregung herrschen: Die Büffel bekommen Mitte August Nachwuchs. Auch das Jungtier soll auf der Weide bleiben. Wie alle seine Artgenossen wird auch er oder sie den Namen Michel bekommen. So nennt Rainer Frey, der Besitzer der Büffel, nämlich alle seine Tiere. Die Ähnlichkeit zu Kühen ist zwar groß, aber gemolken werden die Tiere nicht. Gehen würde das zwar, aber für den Landwirt würde es sich nicht lohnen, da die Büffel viel weniger Milch geben als Kühe und der Prozess sehr aufwendig sei, sagt Ilg.
Also begrenzt sich die Arbeit der gehörnten Huftiere ausschließlich auf das Fressen und Liegen – und Baden. Doch anders als der Name Wasserbüffel vermuten mag, fühlen sich die Vierbeiner auch an Land sehr wohl. „Anfang Juli, als es so heiß war, waren die Büffel fast nur im Wasser“, sagt Ilg. Bei den derzeitigen Temperaturen verzichten die Büffel lieber auf ein längeres Bad an ihrer Wasserstelle, wo sie schon einige Spuren hinterlassen haben. Das Wasserfass, welches man ihnen auf die Weide gestellt hat, haben sie noch gar nicht angerührt, erzählt er.
Die Büffel scheinen Selbstversorger zu sein – auch was ihre Nahrung angeht, denn zugefüttert werden sie nicht. Der auf der Weide wachsende Schilf hat sich als Lieblingsessen entpuppt. Von der Pflanze lassen die Büffel aber gerade noch so viel stehen, dass wieder etwas nachwachsen kann. „Der Landwirt, der nach dem Wohl der Tiere schaut, meint, sie hätten während ihrer Zeit im Wiestal schon zugenommen“, erzählt Ilg.
Generell seien die Vierbeiner mit den schwarzen Samtaugen aber ziemlich pflegeleicht. Einen Tierarzt brauchen sie so gut wie nie, denn die Tiere sind widerstandsfähig und werden so gut wie nie krank. Im Herbst kommen sie zum Überwintern in ihren Stall. Wenn noch genug Futter da ist, dürfen sie im nächsten Frühjahr wieder kommen.
Wasserbüffel als tierische Helfer für mehr Artenvielfalt
Besitzer
Die sechs Büffel stammen von Landwirt Reiner Frey aus Salach aus dem Filstal. Im Auftrag des Nabu lässt er schon seit Jahren einige seiner Tiere auf feuchten Wiesen im Kreis Göppingen grasen. Die ersten drei Tiere kaufte er 2007 in Rumänien. Seitdem züchtet er die Tiere, denn der letzte wild vorkommende Europäische Wasserbüffel ist schon lange ausgestorben.
Kosten
Die Beweidung wird mit Mitteln der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg finanziert. Die Nabu-Gruppe Teck steuert zur Finanzierung einen Eigenanteil bei. Sie trägt außerdem die laufenden Kosten für die Beweidung.
Umgebung
Obwohl das Regierungspräsidium das Gebiet zwischen Kirchheim-Jesingen und Ohmden 1992 unter Naturschutz stellte, nahm der Artenreichtum ab und die Vegetation entwickelte sich schnell. Damit die Wasserbüffel dort leben können, wurde das Areal von Schlamm und Sedimenten befreit.