Für den Mann kommt jede Hilfe zu spät. Trotz eines Großeinsatzes von Wasserschutzpolizei, Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und Feuerwehr mitsamt Anforderung eines Rettungshubschraubers stirbt der 64-Jährige am vergangenen Donnerstag im Bodensee. Er ist zuvor bei heißem Wetter im Strandbad Nußdorf schwimmen gegangen und dabei nach Auskunft von Zeugen im Wasser einfach untergegangen. Die Retter finden ihn in einer Tiefe von mehreren Metern und holen ihn ans Ufer, doch die Wiederbelebung hat keinen Erfolg mehr. Was genau passiert ist, steht laut Polizei noch nicht fest.
Was sich aber abzeichnet: Der größte See Deutschlands scheint in diesem Jahr ein gefährliches Pflaster zu sein. „Es ist einiges los“, sagt Ralf Gerber. Der Leiter der Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg beobachtet, dass an den drei Stationen Konstanz, Überlingen und Friedrichshafen Hochbetrieb herrscht. „Es gibt viele Bade-, aber auch Bootsunfälle. An Rhein und Neckar ist das nicht so ausgeprägt“, so Gerber. Dort seien aber auch „weniger Freizeitkapitäne“ unterwegs als auf dem viel besuchten Bodensee. Der entwickelt sich in heißen Sommerwochen immer mehr zum Problembereich.
Der Trend spiegelt sich auch in der bisherigen Statistik wieder. Der 64-Jährige am vergangenen Donnerstag ist bereits das siebte Todesopfer in diesem Jahr im baden-württembergischen Bereich des Bodensees gewesen. Im gesamten vergangenen Jahr sind es hier vier gewesen, genauso wie im Jahr zuvor. Die Zahlen aus den bayerischen, österreichischen und schweizerischen Abschnitten sind noch nicht enthalten. Auf dem gesamten Gewässer hatte es im vergangenen Jahr elf Tote gegeben.
Der 64-Jährige ist bereits das zweite Todesopfer binnen weniger Tage. Erst am vergangenen Montag hatte es einen weiteren tödlichen Badeunfall gegeben. In der sogenannten Schmugglerbucht bei Konstanz hatte ein Zeuge eine leblos im Wasser treibende Frau entdeckt. Auch dort erfolgten sofortige Reanimationsmaßnahmen. Die 81-Jährige wurde noch mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht, starb dort aber.
Außergewöhnlicher Unfall mit Passagierschiff
Die Einsatzkräfte verzeichnen auch außergewöhnlich viele Boots- und sonstige Unfälle. 147 sind es im Bereich der Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg bisher gewesen, rund doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. Damals hatte man im gesamten Bodensee nur 133 Unfälle gezählt. Ein Grund für den Anstieg war auch eine Sturmlage im Juli, als ein heftiges Unwetter über den Bodensee hinweg zog. „Dadurch wurden einige Sportboot beschädigt, die an ihrem Liegeplatz oder vor Anker lagen. Diese Unfälle werden auch eingerechnet“, sagt eine Polizeisprecherin.
Darüber hinaus findet sich alles vom gekenterten Tretboot mit sechs geretteten Personen oder in Seenot geratenen Surfern bis hin zu einem laut Ralf Gerber „außergewöhnlichen Unfall mit einem Schweizer Fährschiff“, bei dem die Ermittlungen noch laufen. Vor Langenargen waren dabei am 30. Juli ein Motorboot und das Fahrgastschiff MS Sankt Gallen zusammengestoßen. Verletzte gab es dabei glücklicherweise nicht, der Sachschaden betrug 15 000 Euro.
Am 19. August kollidierten bei Birnau ein Segelboot mit zweiköpfiger Besatzung und ein ebenfalls mit zwei Passagieren besetzter Trimaran, also ein dreirumpfiges Segelboot. Offenbar waren die Vorfahrtsregeln missachtet worden. Alle Beteiligten kamen mit dem Schrecken davon, der Schaden betrug aber 40 000 Euro.
Viele Gründe machen den Bodensee zum gefährlichen Gewässer
Die Ursachen für die vielen Zwischenfälle sind zahlreich. Heißes Wetter mit entsprechendem Andrang ist eine davon. Aber wohl auch, dass die Leute nach den Corona-Maßnahmen sehr zahlreich unterwegs sind und ausgiebig sämtliche Angebote nutzen. „Wir haben bei den Badeunfällen wie jedes Jahr medizinische Geschichten und gesundheitliche Probleme, aber auch unvernünftige Menschen, die sich selbst überschätzen oder überhitzt ins Wasser springen“, sagt Ralf Gerber.
Bei den Booten komme noch dazu, dass der Bodensee groß und breit sei, das verleite die Leute dazu, kreuz und quer zu fahren. „Auch witterungsbedingte Notlagen kommen vor. Der Bodensee ist ein gefährliches Gewässer. Von Flaute zu Sturm kann es sehr schnell gehen. Da sind manche hoffnungslos überfordert“, weiß der Chef der Wasserschutzpolizei.
Tatsächlich scheinen viele Menschen das Gewässer zu unterschätzen. Eine ruhige Badewanne ist der See bei weitem nicht immer – und das gilt auch für viele andere Binnengewässer in Deutschland. Bundesweit gesehen ertrinken nur die wenigsten Menschen im Meer. Der weitaus größte Teil der Todesfälle ereignet sich in Seen und Flüssen. Und leider auch im Bodensee.