Wechsel in der Leichtathletik Malaika Mihambo zieht es zu Carl Lewis

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Die deutsche Weitspringerin möchte sich im Trainingscamp des ehemaligen Superstars weiterentwickeln und schlägt deshalb bald ihre Zelte in Texas auf. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ist davon eher nicht begeistert.

Unter deutscher Flagge: Malaika Mihambo startet weiter für den DLV, sucht aber neue Wege für sich. Foto: dpa/Oliver Weiken
Unter deutscher Flagge: Malaika Mihambo startet weiter für den DLV, sucht aber neue Wege für sich. Foto: dpa/Oliver Weiken

Stuttgart - Als Malaika Mihambo in Baden-Baden auf dem roten Teppich den Fotografen ein Küsschen zuwarf, wähnten sie sich vermutlich wie im falschen Film. Plötzlich war in der badischen Provinz ein Hauch von Hollywood spürbar geworden – solch einen atemberaubenden Auftritt legte sie bei der Sportlerwahl 2019 hin. Etwas später wurde die Weitsprung-Weltmeisterin, die ein Beobachter der Szene optisch als „Whitney Houston der Leichtathletik“ bezeichnete, dann zur Sportlerin des Jahres gekürt. Dafür bedankte sich die glamourhafte Erscheinung aufgeweckt, aber auch mit einer derart sympathischen Zurückhaltung, dass das Publikum vollends hin und weg war.

Weg ist jetzt auch Malaika Mihambo, so richtig – sie zieht es zwar nicht nach Hollywood, dafür aber trotzdem in die USA. Dort will die gebürtige Heidelbergerin weiterkommen, und weil sie es ernst meint, vertraut sie sich dort in einem texanischen Trainingscamp dem Jahrhundert-Leichtathleten Carl Lewis an. Unter seiner Obhut und unter den wachen Augen ihres neuen Trainers Leroy Burrell, der über die 100 Meter wie Lewis einst auch einen Weltrekord aufstellte, will Mihambo sich den Feinschliff holen, im August geht es los. Ihren Abschied aus Deutschland kündigte sie jetzt vor Pfingsten überraschend in einem Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ an. „Ich möchte mich als Athlet und Mensch weiterentwickeln“, sagte Mihambo: „Ich kann sehr viel von ihnen lernen, da sie den gleichen Weg gegangen sind.“

Schlag ins Gesicht

Sich für die USA und die einstigen Topstars zu entscheiden, es wirkt für die deutsche Leichtathletik wie ein Schlag ins Gesicht. Als seien Mihambo die Trainingsbedingungen und das Niveau der hiesigen Betreuer nicht mehr gut genug, so fühlt sich das für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) jetzt an – auch wenn es keiner so direkt formuliert. In einer vom DLV verschickten Mitteilung wurde dennoch die Enttäuschung spürbar, zumal es vor Mihambo bereits die DLV-Athletinnen Konstanze Klosterhalfen und Gina Lückenkemper ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zog. „Wenn Athleten eine neue Herausforderung suchen, um sich weiterzuentwickeln, können wir sie nicht aufhalten“, wird Verbandspräsident Jürgen Kessing zitiert. Er wünschte Mihambo noch alles Gute, verwies aber darauf, dass Titelgewinne „mit unserem Fördersystem absolut erreichbar sind“. Und die Chefbundestrainerin Annett Stein meinte noch, dass man über exzellente DLV-Trainer verfüge, die bewiesen hätten, „dass sie Weltklasse entwickeln können“.

Auch dass sich der Verband von der Nachricht kalt erwischt fühlte, lässt darauf schließen, dass im DLV-Lager die Anzahl der Beleidigten über Pfingsten eher zu- als abgenommen hat. Erst am Freitag soll Mihambo den zuständigen Bundestrainer über ihre Pläne grob informiert haben. Am Samstag dann, als das Interview nur noch gedruckt werden musste, stellte sie den Verband per E-Mail vor vollendete Tatsachen.

Verstimmter Vervand

Zurück bleibt jetzt ein verstimmter DLV. Und zurück bleibt eine nach vorne blickende Athletin, der die Welt bei der LG Kurpfalz offenbar zu klein geworden ist. Die Pessimisten der sensiblen Leichtathletik-Szene glauben nun, Mihambo betrete in den USA vermintes Gebiet – so war ja auch Klosterhalfen unter Beobachtung geraten nach ihrem Wechsel ins Oregon Project des damaligen Cheftrainers Alberto Salazar. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada sperrte Salazar und den Mediziner Jeffrey Brown für vier Jahre, weil sie mit verbotenen Substanzen hantierten. Unvergessen ist auch eine möglicherweise nicht unerhebliche Dopingvergangenheit von Carl Lewis. 1988 war der neunmalige Olympiasieger und achtfache Weltmeister krachend positiv getestet worden – doch das Ergebnis wurde elegant unter den Tisch gekehrt.

Von Carl Lewis ist Malaika Mihambo derweil restlos überzeugt – sie freut sich auf ihn und auf die USA. „Er ist der Athlet des Jahrhunderts. Er interessiert sich für Politik, spielt Klavier und hat sich vegan ernährt. Er hat gesungen, geschauspielert und hatte ein eigenes Mode-Label. Das sind Menschen, die nicht den 08/15-Weg gehen“, sagt die deutsche Weitspringerin, die selbst Klavier spielt und zurzeit sogar ihre eigene Sonate komponiert – also wenn das nicht jeder Hinsicht passt?

Drechsler versteht den Wechsel

Ihr Weg in eine neue Welt der Inspiration wird von der ehemaligen Weltklasse-Weitspringerin Heike Drechsler derweil unterstützt. „Vielleicht muss sich auch der DLV etwas mehr anstrengen, um Athleten wie Malaika zu halten“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin mit durchaus provozierendem Unterton. Drechsler hat übrigens positive Erfahrungen gemacht mit amerikanischen Kolleginnen. So trainierte sie in Jena oft mit der einstigen Hallen-Weltmeisterin Dawn Burrell – das ist die Schwester von Mihambos neuem Trainer Leroy Burrell.

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