Wechsel in der Stuttgarter Hospitalkirche Eine wichtige Stimme in der Stadt

Eberhard Schwarz in „seiner“ Hospitalkirche – im Hintergrund die berühmte Kreuzigungsgruppe des Bildhauers Hans Seyfer von 1501. Sie war im Zweiten Weltkrieg ins Wagenburgtunnel ausgelagert worden und so der Zerstörung entgangen. Foto: Sellner

Die Belebung der Innenstadt hängt wesentlich von Menschen ab. Einer, der fast 30 Jahre lang in vielerlei Hinsicht zur Belebung beigetragen hat, geht jetzt in den Ruhestand: Eberhard Schwarz, Pfarrer der Hospitalkirche, wird am Ostermontag verabschiedet.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Es gibt einen großen Unterschied zwischen sich wichtig machen und wichtig  sein. Eberhard  Schwarz,  der  am Ostermontag verabschiedet wird, hat sich in seinen 27 Jahren als Pfarrer in der Hospitalkirche niemals wichtig gemacht. Er war’s einfach. Auch weit über die Gemeinde hinaus. Wer auf sein Wirken zurückblickt und sich mit Wegbegleitern unterhält, findet dafür reichlich Bestätigung. Er selbst würde das nicht von sich sagen, bescheiden und zurückhaltend, wie er ist. Vielleicht würde er es gerade noch durchgehen lassen zu sagen, dass seine Stimme Gewicht hat – hier und da zumindest.

 

Engagement in breitem Sinne

Dieses Hier und Da ist in Wahrheit ein ziemlich breites Feld. Beginnend mit der Hospitalkirche und der Hospitalgemeinde, einer der drei evangelischen Citykirchen (neben Stiftskirche und Leonhardskirche). Schwarz hat sie in den vergangenen fast drei Jahrzehnten geprägt. Die Mitgliederzahl ist mit rund 800 stabil, ihre Verbindung mit dem von Monika Renninger geleiteten Hospitalhof engstens. Hospitalkirche und das evangelische Bildungszentrum grenzen nicht nur aneinander an, sie sind miteinander verwoben – auch aufgrund der zusammenführenden Architektur des im vergangenen Jahr verstorbenen Architekten Arno Lederer; von ihm stammt der Entwurf für den vor zehn Jahren eingeweihten neuen Hospitalhof. Schwarz half maßgeblich mit, das Ensemble mit Leben zu füllen – mit kirchlichem Leben und mit Leben überhaupt.

Gleichzeitig war er für die Leonhardskirche zuständig, die sich in einem schwierigen Umfeld als ein zentraler Ort der Diakonie profilierte. Daneben war er – und ist er zum Teil noch – Ansprechpartner für die großen Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums und die kleinen der Johannes-Brenz-Grundschule. Dazu kommen sein Einsatz in der psychologische Beratungsstelle, wo er Paarberatung anbietet. Außerdem sein kulturelles und internationales Engagement sowie sein ausgeprägtes kommunalpolitisches Mitdenken im Forum Hospitalhofviertel und darüber hinaus.

Schwarz warnt: Kirche darf keine Nischenveranstaltung sein

Das alles ist ihm wichtig. Deshalb legt er großen Wert darauf, den jetzt anstehenden Übergang bestmöglich zu gestalten. Im Fall der Hospitalkirche ist das bereits geglückt. Schwarz’ Pfarrstelle wird nicht gestrichen, sondern neu besetzt – ungeachtet des massiven Sparkurses, den die württembergische Landeskirche fährt. Gleichwohl fällt ihm der Abschied, der am Ostermontag durch Stadtdekan Søren Schwesig vollzogen wird „schon etwas schwer“, wie er sagt.

In der Hospitalkirche ist schon alles vorbereitet für den Festgottesdienst um 11 Uhr. Hunderte Male stand er hier auf der Kanzel und sprach über Gott und die Welt, die er immer zusammendenkt, weil Kirche ansonsten Gefahr laufe, „eine Nischenveranstaltung zu sein“. Für Eberhard Schwarz heißt Kirche, in stetem Austausch stehen mit dem eigenen Quartier, den Kultur- und Bildungseinrichtungen und den Menschen in der Stadt – unabhängig von Konfessionen. Nicht zuletzt durch ihn ist das zu einem Markenzeichen der Hospitalkirche geworden, die er einen „starken Ort für Stuttgart“ nennt.

Sein schwierigster Moment: ein Gespräch über den Schwarzen Donnerstag

Dabei konnte er mit der im Krieg zerstörten und später teilweise wieder aufgebauten Kirche zunächst wenig anfangen. Das Gemäuer machte auf ihn einen düsteren Eindruck. Überhaupt würde Stuttgart nach seinen Stationen in Montpellier und Bielefeld vermutlich nur eine weitere Station sein. So dachte er. Doch bald dachte er um. Die Kirche (die seit dem 2017 abgeschlossenen Umbau viel heller ist), und auch die Menschen und die Stadt wuchsen dem gebürtigen Backnanger ans Herz. Heute sagt Schwarz: „Ich bin gern Stuttgarter.“

Ohnehin ist er tief eingetaucht in die Stadtgeschichte und in die der Hospitalkirche, die ursprünglich eine Klosterkirche war. Das brachte es mit sich, dass Schwarz, einem Hinweis folgend, vor einigen Jahren den Taufstein wiederfand, der nach der Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg bei Sindelfingen entsorgt worden war. Ein Highlight.

Schwarz denkt aber auch an schwierige Momente zurück. Der Schwierigste: eine aus dem Ruder gelaufene Gesprächsrunde mit dem damaligen Polizeipräsidenten Siegfried Stumpf kurz nach dem sogenannten Schwarzen Donnerstag 2010, bei dem zahlreiche S-21-Gegner im Stadtgarten verletzt wurden. Damals hat er gemerkt, „wie schnell es gehen kann, dass alle Dämme brechen“.

Die Zukunft der Kirche sieht er optimistisch: „Wir sind gefragt“

Schwarz ist bemüht, diese Dämme zu stabilisieren und die Gesprächskultur zu pflegen. Auch im Ruhestand will der 66-Jährige das tun, was er in einer Stadt für unverzichtbar hält: Gemeinsinn stiften. Aktuell besorgt ihn der Leerstand in der Innenstadt. Er wünscht sich mehr zivilgesellschaftliche Impulse im Leonhardsviertel und einen „langen Atem“ bei den Bemühungen um soziale Teilhabe und Integration. „Unser aller Beteiligung ist wichtig“, lautet sein Credo.

Apropos wichtig. Von der Wichtigkeit der Kirche ist Schwarz überzeugt. Auch davon, dass sie trotz aller krisenhaften Entwicklungen „weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird“. „Kirche ist gefragt!“, sagt Schwarz – als Sinnstifterin ebenso wie als „Akteurin in der demokratischen Zivilgesellschaft, die klar Stellung bezieht, wenn es um Menschenwürde, Schutz der Schwachen, Beteiligung und Demokratie“ geht. In Schwarz hatte sie – und hat sie – diese wichtige Stimme.

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