Weidachtal in Fellbach Es tröpfelt nur im Plätscherparadies

Das vermeintliche Feuchtbiotop – mit Kunstbachbett, aber furztrocken Foto: /Gottfried Stoppel

Seit 1992 rauscht der Verkehr durch den B-14-Tunnel am Kappelberg. Bereits 1986 sind die Ausgleichsmaßnahmen festgelegt worden. Im unteren Weidachtal bei Oeffingen fließt aber noch heute kein Tropfen Wasser.

Ein plätscherndes, munter mäanderndes Bächlein mit drei kleinen, natürlich anmutenden Teichen, dazu Unterwasserpflanzen im Feuchtbiotop und ein Paradies für Insekten und Amphibien – so in etwa hat noch vor vier Jahren das Versprechen für das untere Weidachtal gelautet. Dort, wo bei Oeffingen unterhalb der alten Kläranlage der Rems-Murr-Kreis an den Neckar stößt.

 

Das Tal endet beim Landungssteg am Neckarufer

Das Kunstwerk am Neckarufer. Foto: Gottfried S/toppel

Vorbei an moosbewachsenen aber weitgehend wasserlosen Betonrinnen führt heute der Weg gen Landungssteg unterhalb der alten Tropfkörper der aufgegebenen Kläranlage tatsächlich zu einer eher trostlosen Art von Trockenbiotop. Ein steiniges und mit einigen Haufen Altholz verziertes künstliches Bachbett mäandert ohne ein Tröpfchen Wasser durchs eher de-, denn renaturierte Tälchen. Das vermeintliche Feuchtbiotop ist furztrocken. Willkommen im „kleinen Naturparadies“, das ökologischen Ausgleich schaffen soll für den vor gut drei Jahrzehnten vollendeten B-14-Tunnel am Kappellberg.

In den 80er Jahren wurden, so rekapituliert Fellbachs Pressesprecherin Sabine Laartz, beim Bau des Kappelbergtunnels verschiedene Ausgleichsmaßnahmen für den Neubau der Bundesstraße vereinbart. Im Zuge der Flächenprüfungen sei unter anderem auch das Gebiet unterhalb der ehemaligen Kläranlage als Ausgleichsfläche ausgewiesen worden. Die Maßnahme und die Umsetzung, so betont sie, „lag und liegt beim Regierungspräsidium“. Mit dem Projekt sollte das Gebiet aufgewertet und zum Neckar hin abgeschlossen werden.

Verbindung zwischen Tropfkörpern und Neckar

Auch die Tropfkörper stehen eher einsam in der Landschaft. Foto: Gottfried / Stoppel

Die Planungen und Konzeption sei damals mit der Unteren Naturschutzbehörde sowie der Stadt Fellbach abgesprochen worden. „Ziel war, die Tropfkörper der Kläranlage, sowie die Naturschutzgebiete mit dem Neckar zu verbinden, das Gebiet zu revitalisieren, die Artenvielfalt zu stärken und trotzdem in der Nutzung zurückhaltend zu sein.“ Mit der Umsetzung des Projekts wurde im Januar 2020 begonnen.

Die Pläne hätten, sagt Laartz, zunächst großen Anklang gefunden, allerdings sei bereits damals darauf hingewiesen worden, dass die Gewinnung des Wassers für die Umsetzung des Feuchtbiotops an der unteren Weidach sehr schwierig sein könnte. „Diese Einschätzung hat sich bisher leider als zutreffend erwiesen.“ Woran es liegt, dass der Wasserzufluss nicht ausreichend erfolgt, sei seitens der Stadt bisher nicht bekannt. Laartz: „Die Stadt Fellbach mahnt beim Regierungspräsidium seit Jahren eine sach- und fachgerechte Umsetzung des Projektes sowie eine Bestandsaufnahme des derzeitigen Sachstandes und eine Fehlersuche an.“

Stadt übernimmt erst, wenn auch Wasser fließt

Der derzeitige Stand entspricht nach Auffassung der Stadt Fellbach „weder der versprochenen Umsetzung, noch wertet er das Gebiet entsprechend auf“. Momentan warte man auf weitere Informationen zum Sachstand und zum weiteren Vorgehen des Regierungspräsidiums. Die ursprünglich verabredete Pflege des Biotops durch die Stadt werde von Fellbach erst übernommen, „wenn das Projekt entsprechend der ursprünglichen Planung abgeschlossen ist – also das Feuchtbiotop auch wirklich dauerhaft Wasser führt“.

Das Gesamtprojekt der Renaturierung hat sich ohnehin ziemlich in die Länge gezogen. Der Part unterhalb der ehemaligen Kläranlage war vor fünf Jahren als letzter Schritt der seit Jahrzehnten andauernden Neugestaltung des gesamten Bereichs Langes Tal gefeiert worden, das vor allem vom Ruckgraben aus mit Wasser vom Schmidener Feld versorgt wird. Im unteren Bereich werde ein neues Biotop angelegt, so hieß es damals, damit „neuer Lebensraum für Insekten und Amphibien entsteht“. Dazu würden die Wiesenflächen aufgewertet und drei kleine Teiche als sogenannte Stillwasserbiotope geschaffen. Damit im Weidachtal dann wieder richtig Wasser plätschert, so das Versprechen fürs heutige trostlose Trockengebiet, müsse die Rohrleitung verändert und ein „kleiner, in Windungen natürlich anmutender Bachlauf geschaffen werden“.

Der Bachlauf samt mit schwarzer Gummiklappe abgedecktem Zulauf ist heute tatsächlich zu bewundern – vom plätschernden Wasser allerdings keine Spur. Dies obwohl die Renaturierer Mitte 2020 verkündet hatten, auf die Zielgeraden eingebogen zu sein. Nur noch ein Absperrband trenne aus Sicherheitsgründen und um ein ungehindertes Wachstum zu gewährleisten die Biotopfläche vom Weg hinab zum Neckar. Bei niedrigem Wasserstand würden nur die Unterwasserpflanzen gesetzt. Sei dies abgeschlossen, würden die Teiche fertig befüllt. Für den September 2020 sei dann die Pflanzung von Röhricht und Hochstauden vorgesehen, später diejenige von Büschen und Gehölzen rund um den kleinen Aussichtspunkt mit Sitzbank. Von da aus, so das Versprechen, könnten Naturliebhaber das „Naturleben“ im gesamten Biotop beobachten.

Die bis heute andauernden Verzögerungen bei der Renaturierung des unteren Talabschnittes sind im bereits Jahrzehnte andauernden Gesamtprojekt Langes Tal/Weidachtal beileibe nicht die ersten. Der Kappelbergtunnel selbst – als Anlass – ist bereits im Jahr 1992 für den Verkehr freigegeben worden. Die Ausgleichsmaßnahmen waren bereits im 1986 abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren festgeschrieben worden.

„Sie konnten freilich nur zum Teil umgesetzt werden“, erinnerte sich im Jahr 2012 Gundis Steinmetz, die damalige Umweltbeauftragte der Stadt Fellbach. In einigen Fällen habe der zur Umsetzung der anvisierten Maßnahmen erforderliche Grunderwerb nicht getätigt werden können – so hieß es damals. Zweifel des Regierungspräsidiums am ökologischen Gehalt des Projekts taten ein Übriges.

Zusammen mit dem rekultivierten Oeffinger Steinbruch sollte trotzdem nach und nach entsprechend der Pläne des Landschaftsarchitekten Hermann Eisele ein attraktives Erholungsgebiet, eine großflächige „Oase der Natur“,  geschaffen werden. „Klein- und Kleinstquellen sollen im Weidachtal erschlossen und mit einem Aufkommen von bis zu 15 Liter Wasser in der Sekunde wieder einen sichtbaren Bachlauf bilden“, so hieß es damals.

Tropfkörper dienten während der Gartenschau als Kulisse für Kultur

Kulturveranstaltung im Tropfkörper während der Remstalgartenschau Foto: N/icklas Santelli

Mitte der 1990er Jahre war im mittleren Bereich des Weidachtals das Klärwerk für die Abwässer aus Schmiden und Oeffingen in die Jahre gekommen. Mit dem anno 2000 vollendeten Bau eines Kanals unter dem Neckar hindurch zum Klärwerk Mühlhausen wurde es komplett obsolet. Zuletzt dienten dort die auffallend rot bemalten Überbleibsel als Kulisse für Kulturveranstaltungen während der Remstal-Gartenschau 2019.

Ganz oben im Weidachtal hatte die Renaturierung des intensiv genutzten Stücks Natur mit dem Areal des einstigen Steinbruchs begonnen. 12,5 Hektar groß ist dieses Gelände, für das 1997 die Firma Karl Epple die Genehmigung zum Auffüllen mit 210 000 Kubikmetern Bauschutt und Erde beantragt hatte. Nach den ebenfalls von Architekt Eisele stammenden Plänen wurden dort bis zu 100 Meter hoch Bauschutt und Erde aufgeschüttet. Dafür hat Oeffingen am Rande des Weidachtals einen kleinen Berg bekommen, von dem aus, so schwärmten damals die Landschaftsgestalter, „Besucher einen herrlichen Ausblick über das Neckartal und hinüber zum Kappelberg haben“.

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