Weiers Weinlese Das Fiasko

Von Michael Weier 

Rituale sind wichtig! Besondern gilt das natürlich für Kinder, und besonders gilt das an Weihnachten. Deshalb wollte unser Weinkolumnist ein ganz spezielles Ritual einführen: Die Kalbszunge an Heiligabend. Damit ist er grandios gescheitert! Immerhin gab’s zum Fiasko einen guten Wein!

Eine Alternative? Der Toast Hawaii Foto: Bernd Jürgens / Fotolia
Eine Alternative? Der Toast Hawaii Foto: Bernd Jürgens / Fotolia

Stuttgart - Ich kenne ein paar Leute, die sich über diese Nachricht diebisch freuen. Endlich kriegt dieses Großmaul einen Dämpfer verpasst! Es geht um mein Weihnachten, um den kulinarischen Aspekt am Heiligen Abend. Meine glorreiche Idee, ein nettes Ritual mit der Kalbszunge zu installieren, ist nämlich grandios gescheitert. Die ­Zunge selbst, vorgekocht gekauft: ein Gedicht. Spätzle selbst geschabt: mit die besten auf dieser Welt. Die Soße: Zwiebel und wenig Mehl und dann mit Marsala abgelöscht, bis die Masse zähe Fäden zieht (ein Tipp von Starkoch Vincent Klink), dann mit Brühe aufgegossen. In der Summe ein ­ziemlich gutes Essen. Mein vierjähriger Sohn allerdings sah das anders. Das ­magere und zarte Fleisch der Zunge nannte er „zu fettig und igitt“. Und die Soße schmeckte ihm zu sehr nach Wein. „Ist die Kuh dazu schon tot?“, fragte er ängstlich besorgt beim Essen.

Ich falle nicht leicht um, zuweilen muss man bei Kindern auch ein gewisses Durchhaltevermögen an den Tag legen, an Weihnachten habe ich darauf aber keine Lust. Wir überlegen uns jetzt ein neues Ritual. Bei einem Freund gab’s an Heiligabend immer Toast Hawaii, seine Frau gestattet ihm nicht, dieses Ritual nun bei der jungen Familie einzuführen. Rein von der Genussseite her liegt sie völlig richtig. Andererseits: Toast Hawaii? Einmal im Jahr? Warum nicht? Das erinnert selbst mich an meine Kindheit! Ich überleg’s mir und gebe dann im kommenden Jahr ­Bescheid, welches Gericht gewonnen hat. Wenn jemand Vorschläge hat: Gerne! Her damit! Gute Rituale sind wichtig!

Ansonsten kann ich nur berichten, dass auch sonst an Weihnachten wenig nach Plan gelaufen ist. Habe im Keller nach dem angekündigten Wein von Ernie Els aus Südafrika gesucht – und bin nicht fündig geworden. Den habe ich wohl schon im vergangenen Jahr getrunken. Dafür gab’s einen 2002er Kanonkop Paul Sauer, der deutlich mehr war als ein ­Lückenfüller – ein großartiger Wein.

Weil ich schon dabei bin: Am großen ersten Familienfeiertag litten wir ebenfalls keinen Mangel. Die schiere Größe der Familie ermöglicht nämlich, eine gewisse Bandbreite zu verkosten. Unter anderem gab’s den Syrah von Sven Ellwanger, mit dem er den deutschen Rotweinpreis ­gewonnen hat. Habe mir zwei Flaschen davon gekauft – und freue mich nun wie ein Kind auf die zweite. Die wird jedoch nicht mehr im großen Kreis geöffnet! Und es gab noch den Sieger des deutschen Trollingerpreises aus Fellbach, den hat mein Vater auf den Tisch gestellt. ­Allerdings wollte er einen Spätburgunder kaufen, vermutlich haben sie ihm in der Kelter automatisch einen Denkfehler unterstellt und Trollinger eingepackt. Gut für uns: Denn der Trollinger P ist schon eine Wucht. Schlecht allerdings für ­meinen Vater, der diese Machart seines Lieblingsgetränks gar nicht mag, er steht auf die feinherben Klassiker! Und so trank mein Vater zur Gans in diesem Jahr einfach ein Bier. Das sollte wiederum wirklich nicht zum Ritual werden.

Tipp der Woche

Den Syrah-Experten Sven Ellwanger will ich nicht ärgern, sein Syrah ist natürlich ausverkauft. Zum Start ins Jahre dafür von seinem Weingut etwas ohne Alkohol, starten wir gesund ins neue Jahr!

Weingut Bernhard Ellwanger, Perlende Quitte, 5,90 Euro.