Weiers Weinlese Ziemlich orangener Wein

Von Michael Weier 

Unser Weinkolumnist Michael Weier hat es sich gut gehen lassen – und auf seiner Dachterrasse eine Blindprobe mit Chardonnays organisiert. Überraschungen: Die Weine von Huber und Wittmann waren zu holzig, Südaustraliens Henschke machte es da besser.

Die aufgedeckte Blindprobe: Der vorletzte Wein überzeugte am meisten Foto: Weier
Die aufgedeckte Blindprobe: Der vorletzte Wein überzeugte am meisten Foto: Weier

Stuttgart - Sag mir noch einer, in der Urlaubszeit ist nichts los. Schlaue Wengerter haben längst erkannt, dass in den Ferien zwar viele Menschen wegfahren, aber viele auch nicht. Und die brauchen dringend Beschäftigung. Vor einer Woche bei der ­Weinmeile in Rotenberg drängte sich die Kundschaft, das Hoffest im Weingut Zaiß lief in den Ferien, die Steillagentage sind im Sommer terminiert, die Weingüter Zimmerle, Knauß und Haller schenkten am Wochenende bei ihrer Jahrgangs­präsentation im Bix aus – und letztlich füllt ja auch das Weindorf die ruhigeren Wochen ganz geschickt.

Weil mir die paar Veranstaltungen noch nicht genug waren, habe ich darüber hinaus noch ein ­bisschen probiert. Dieser Tage habe ich noch eine kleine Weinprobe auf ­meiner Terrasse mit dem Weinhändler Timo Möck auf die Beine gestellt. Pech, dass der Großteil der Runde, die der Chef von der Firma ­Rebenreich da ­regelmäßig zusammentrommelt, gefehlt hat. Na ja, Pech für die Fehlenden vor allem, denn die Verkostung hat riesig Spaß gemacht. Ich habe ein paar Lokalmatadoren ins ­Rennen geworfen, Jungwinzer Philipp Notz zwei Klassiker, Österreichexperte Timo Möck brachte internationales Flair aus seinem Sortiment in die Gläser – und zum guten Schluss gab’s dann Herrn­ ­Weiers Chardonnay aus dem Jahre 2010.

Meine Frau fand ihn auch im fünften Jahr ganz schrecklich, mein Ex-Kollege ­Eichmüller hätte ihn vermutlich erneut ausgespuckt, aber ich bin immer überzeugter! Klasse, wie sich dieser ­Tropfen, den ich mit Hilfe von Christel Currle gemacht habe, entwickelt. Die Säure noch voll präsent, das Holz inzwischen besser eingebunden, der oxidative Ausbau (viiieeel Luft!) fällt beim Alter nicht mehr so auf. Timo Möck meinte nur: Wenn er den Wein bestimmten Sommerliers auftischen würde, die würden ihn als trendigen Orange Wine auf ihre Karte setzen

Beim orangenen Wein handelt es sich um eine Modeerscheinung, da werden die Weißweine wie Rotweine behandelt und mit der Schale vergoren. Und mit Luft. Manche dieser Weine sind sehr schräg, weshalb mein Chardonnay durchaus in diese Ecke des Weingeschmacks passt, das muss ich zugeben.

Darüber hinaus: Der ganz einfache Chardonnay vom Collegium Wirtemberg (ohne Holz und Luft) schnitt bei der Blindverkostung super ab. Der Lidl-Wein für 2,49 Euro erstaunte, weil er trinkbar war. Die Weine so renommierter Weingüter wie Huber und Wittmann erhielten ob ihrer Holzigkeit dagegen Prügel. Überragend kam ein Wein aus Südaustralien weg, der Chardonnay vom Weingut Henschke war klarer Sieger. Allerdings brachte Timo Möck da einen Tropfen für 35 Euro mit nach Stuttgart auf die Dachterrasse. Die Flasche war als einzige leer am Ende. Und ich um die Erkenntnis reicher: Man muss in den Ferien nicht aus der Stadt raus, wenn man Spaß haben will.