Weihnachts-Buchtipps von Esslinger Lese-Fans Lesefreuden unterm Christbaum

Nach der Hektik der Vorweihnachtszeit freuen sich viele auf geruhsame Stunden, die genügend Zeit und Muße für eine entspannte Lektüre bieten. Foto: imago images/Shotshop/Iordache Magdalena

Es kann so viel Freude machen, an Weihnachten ein schönes Buch zu lesen oder andere mit einer besonderen Lektüre zu beglücken – vorausgesetzt, man hat das richtige Buch zur Hand. Kenner und Liebhaber der Literatur verraten ihren persönlichen Favoriten.

Reporter: Alexander Maier (adi)

Weihnachten rückt immer näher, und so langsam kommt der eine oder die andere ins Grübeln, weil noch ein paar zündende Geschenkideen fehlen – ganz egal, ob man Familie und Freunde oder sich selbst beschenken möchte. Ein gutes Buch kann Freude machen. Doch die Auswahl ist groß, und wer ob der prall gefüllten Regale in den Buchhandlungen den Überblick behalten möchte, muss sich schon ziemlich gut auskennen. Unsere Zeitung hat Fachleute und bekennende Buch-Enthusiasten nach ihren ganz persönlichen Lese- und Geschenkideen für frohe und unterhaltsame Festtage gefragt. Neben aktuellen Titeln geben sie auch Titeln eine Chance, die ein Wiederlesen in weihnachtlicher Ruhe verdient haben.

 

Marion Jeiter, Schauspielerin und Autorin: Was für ein wunderbares Buch lag da im vergangenen Jahr unter unserem Weihnachtsbaum. Unser geschätzter Freund Oliver Moumouris hat es dorthin gelegt. Der Norweger Tarjei Vesaas hat „Die Vögel“ (Guggolz Verlag, 23 Euro) vor über 60 Jahren geschrieben. Schon auf dem Cover verspricht Karl Ove Knausgard, dass dies der beste norwegische Roman sei, der je geschrieben wurde. Nun kenne ich nicht alle norwegischen Romane, aber dass dies ein ganz außergewöhnliches Buch ist, merkt man sogleich: Mattis lebt mit seiner Schwester Hege in einer einsamen Hütte am See. Für die Schwester ist dieses Leben schwierig. Mit Strickarbeiten kann sie sich und Mattis über Wasser halten, aber sie ist unglücklich. Mattis ist ein Außenseiter. Die Leute im Dorf nennen ihn Dussel. Doch als eine Waldschnepfe ihren Balzflug über das Zuhause der Geschwister beginnt, da fühlt sich in Mattis plötzlich alles ganz lebendig an. Doch dann ändert sich alles: Die Schnepfe wird erschossen, und ein Mann verliebt sich in Hege …

Petra Helmcke, Förderverein der Esslinger Stadtbücherei: Manchmal könnte man in diesen Zeiten fast vergessen, dass es viel Schönes und Gutes in der Welt gibt. Gabriele von Arnim erinnert uns mit ihrem Buch „Der Trost der Schönheit“ (Rowohlt Verlag, 22 Euro) daran, genauer hinzuschauen und in all dem Positiven, das man entdecken kann, Zuversicht zu finden. „Ich brauche Schönheit“, sagt die Autorin. „Denn wenn ich Schönheit sehe, höre, lese, spüre, dann glaube ich an Möglichkeiten. An Wege, Räume, Purzelbäume.“ Gabriele von Arnim hat in jungen Jahren nicht nur Gutes erlebt, doch wenn sie zurückblickt, fällt ihr vieles ein, was ihr die Kraft gegeben hat, positiv auf die Welt und in die Zukunft zu blicken. Das beschreibt sie in einer wunderschönen Sprache, die einen berührt und immer weiterlesen lässt, weil die Autorin damit auch anderen Mut macht. Auf mich wirkt „Der Trost der Schönheit“ so herzerwärmend wie eine dampfende Tasse Kakao an einem eiskalten Wintertag.

Weihnachten für jede Stimmung

Gerhard Polacek, Schauspieler: Dafür, dass ich eine leichte Weihnachtsallergie habe, gibt es bei mir im Regal beachtlich viele Weihnachtsbücher – der Pegel liegt zurzeit bei 160 Zentimetern. Da ist alles zu finden, was das jeweilige Weihnachtsherz begehrt: von romantisch über sentimental, satirisch und lustig bis zu extrem bösartig. Mein Lieblingsbuch ist Tomi Ungerers „Achtung Weihnachten – Hinterhältige Geschichten und Gedichte von gestern und heute“ (Diogenes Verlag, 29,90 Euro) mit vielen Zeichnungen des Meisters: Manche sind frech und frivol, andere romantisch. Das ist ein Buch für jeden Weihnachtstypus. Und es bietet die Möglichkeit, auch mal über den Tellerrand in andere Universen zu spicken. Da findet man Heine, Storm, Thoma, Andersen genauso wie Tucholsky, Brecht, Kästner, Heidenreich, Ungerer und noch viele andere. Ein vielschichtiger Lesespaß für literarische Feinschmecker.

Gudrun Fuchs, frühere Leiterin der Esslinger Stadtbücherei: Arno Geigers Roman „Das glückliche Geheimnis“ (Hanser Verlag, 25 Euro) hat mich in diesem Jahr am meisten berührt. Er ist biografisch und erzählt im Rückblick aus der Sicht eines über 50-jährigen etablierten Autors, wie ein junger Mann zum Schriftsteller wird. Er studiert in Wien, lebt am Existenzminimum und hält sich mit „Fundstücken“ aus Altpapiertonnen über Wasser, die er auf Flohmärkten verkauft. Immer wieder findet er in Briefen und Tagebucheinträgen Ideen für sein literarisches Schaffen. Wir erfahren, wie der junge Arno Geiger mit seinem Dasein als Schriftsteller ringt und wie er sich das Geld fürs Studium bei den Bregenzer Festspielen verdient. Geigers Lebensweg wird beschrieben, die Sorge um die Eltern, seine Ehe, das Leben auf Lesereisen. Auch als etablierter Schriftsteller gibt er das Sammeln von Altpapier nicht auf, denn darin findet er Ruhe. Ein wunderbares Buch, das unsere Welt ein wenig schöner und uns Menschen ein wenig glücklicher macht.

Ein Klassiker wiederentdeckt

Harald Vogel, Professor für Literatur: Die Urfassung von Erich Kästners berühmtem Roman „Fabian“ gibt es unzensiert erst nach Freigabe aus dem Nachlass – „Der Gang vor die Hunde“ ist im Atrium Verlag für zwölf Euro erschienen. Dieses Buch ist aktuell, spannend, entlarvend und lebensnah. Kästner spiegelt sich in dem jungen Journalisten und Werbefachmann Fabian in seinem Konflikt, in der faschistischen Umbruchzeit zwischen privaten und gesellschaftlichen Ansprüchen zu überleben. Rechtsradikale und faschistische Bedrohung werden durch Vergnügungssucht und Liebesabenteuer zu verdrängen versucht. Der Konflikt trifft unsere Gegenwart. Erich Kästner schreibt filmisch, authentisch, sensibel und erlebnisnah. Seine zeitkritische Urfassung unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“ musste auf Anweisung der Nazis zensiert und mit Kästners Einverständnis unter dem Titel „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ publiziert werden. Kästner hat dies nie preisgegeben. Sein verschwiegener Kompromiss belastete ihn psychisch bis zu seinem Tod.

Susanne Lüdtke, Literaturwissenschaftlerin und Literaturvermittlerin: Als Abdulrazak Gurnah 2021 den Literaturnobelpreis erhielt, war der Name dieses bedeutenden aus Tansania stammenden und seit dem 20. Lebensjahr in Großbritannien lebenden Autors in Deutschland unbekannt. In dem Roman „Das verlorene Paradies“ (Penguin Verlag, 25 Euro) erzählt Gurnah von einem Jungen, der von einem wohlhabenden Kaufmann seiner Familie weggenommen wird, weil sein Vater die Schulden nicht zahlen kann. Sechs Jahre lang begleitet er den Kaufmann auf Handelsreisen in einer Karawane, lernt Land und Leute in all ihren Widersprüchlichkeiten kennen und schließt sich am Ende einer von Deutschen geführten Söldnertruppe an. In geradezu orientalisch anmutendem Erzählfluss breitet Gurnah das Bild einer multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft aus Indern, Arabern, Afrikanern und Europäern vor uns aus. Ohne moralische Wertung und Verurteilung einzelner Gruppen oder Personen erzählt er in farbigen Bildern und mäandernden Haupt- und Nebensträngen von der Schönheit und Härte der Natur und der Menschen. Überall gibt es Geheimnisse, hinter jeder Geschichte steckt eine weitere.

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