Der spätromantische Komponist Richard Strauss war auch als Orchesterdirigent eine Koryphäe. Über die Blechbläser sagte er: „Wenn man sie nur anschaut, sind sie schon zu laut.“ Beim glänzend besuchten Konzert in der spätgotischen St. Veit Kirche in Gärtringen konnte davon keine Rede sein. Das baden-württembergische Blechbläserquintett bot eine fantastische Musizier-Kultur. Die zwei Trompeten, Posaune, Horn und Tuba produzierten Wohlklang der allerfeinsten Art. Die Melodielinien waren butterweich, die Forte-Akzente ohne Schärfe, und das Verständnis untereinander war von traumhafter Sicherheit.
Technische und musikalische Brillanz
Einen originellen Akzent erhielt dieses so festliche Konzert auch dadurch, dass auf dem Programmzettel nur die Titel genannt wurden und der erste Trompeter Jörg Günther vor jeder Komposition einige Erläuterungen zu Komponisten und Entstehung gab. Naturgemäß waren das italienische, englische und deutsche Barock prominent vertreten. Antonio Vivaldis Concerto C-Dur für zwei Trompeten und Bass continuo gab den beiden Solotrompetern die Möglichkeit, ihre technische und musikalische Brillanz zu zeigen.
Vivaldi spielte, so wie es in der Barockzeit gerne getan wurde, mit einem sehr lebhaften Echoeffekt zwischen den beiden Soloinstrumenten. Ganz andere Töne erklangen dann in der Bach’schen Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. In dieser Komposition ist von klugen und törichten Jungfrauen die Rede, die auf den Bräutigam warten. Bach benutzte ein Kirchenlied von Philipp Nicolai von 1599, veröffentlicht im Anhang seines Buches „Freudenspiegel des ewigen Lebens“. Es handelt sich natürlich um ein Gleichnis. Es verwundert, dass hier noch kein Protest aus unseren Tagen geäußert wurde. Royalen Glanz vom englischen Königshof verbreiteten die fünf Virtuosen dann bei Henry Purcells Sonate. Bachs vier Sätze aus seiner großen Chor- und Orchesterkomposition Magnificat bildeten dann den Abschluss der barocken Akzente; besonders sanft klangen die Blechbläser bei dem Lied „Suscepit Israel“, weil die ohnehin schon kultiviert blasenden Interpreten noch Dämpfer aufsetzten, was zu einem fast streicherähnlichen Klang führte.
Die Alphornmesse: ein klanglich fast exotisches Ereignis
Bei uns weitgehend unbekannt ist der dänische Komponist Thorvald Hansen, dessen Brass Quintett eine geschickte Mischung aus deutscher Romantik mit skandinavischen Folkloreelementen darstellt. Launig war dazu auch die Erläuterung, denn statt der Trompete erklang nun das Cornet, das sowohl als Verwandter der Trompete als auch des Flügelhorns angesehen wird. Ein kleines Cornet ist ein Cornetto, was die populäre Eismarke erklärt, die auch in einem Hörnchen aus Teig kredenzt wird.
Spektakulär war im Anschluss der Instrumentalwechsel auf Alphörner. Das Gloria aus der Alphornmesse des Vorarlbergers Herbert Bitschnau war ein klanglich fast schon exotisches Ereignis. Die Zuhörer durften raten, wie lang das Instrument ist. Lösung: rund 3,50 Meter. Die akustische Reichweite beträgt übrigens zehn Kilometer.
Flotter Swingakzent
Nach zwei Weihnachtsliedern aus Österreich und Südtirol stimmte das Quintett als Schlussnummern zwei Spirituals an. Richard Roblees „Deep River“ und Chris Woods „He’s got the whole World“ brachten einen flotten Swingakzent am Schluss des Konzertes – das damit aber noch nicht zu Ende war. Denn als Zugabe gab es Johann Sebastian Bachs Choral „Jesu meine Freude“, ein beliebtes „Encore“ auch für Pianisten. Begeisterten Applaus gab es als Dank und Beweis, dass die Musiker am zweiten Weihnachtsfeiertag in jeder Beziehung den richtigen Ton getroffen hatten.