Rot wie die Liebe, warm wie der Sommer, duftend wie frisches Weihnachtsgebäck, süß wie Urlaubserinnerungen: Glühwein ist für viele mehr als nur ein Mittel zum Vorglühen. Glühwein gilt als flüssig gewordener Traum vom Winter, als ein geschmackliches Sehnsuchtserlebnis, als ein geliebter Gaumenschmeichler. Ist das wirklich so? Sind Besucher des Esslinger Weihnachtsmarktes tatsächlich so heiß auf das Heißgetränk, oder ist der Zuspruch abgekühlt? Eine Umfrage unter Anbietern in der stimmungsvollen Budenstadt in der Altstadt bringt ein eindeutiges Stimmungsbild.
Wenn Busse mit Besuchern kämen, berichtet ein Standmitarbeiter, würden gerne mal 20 Glühweine bestellt. Also insgesamt für die ganze Gruppe, nicht für jeden einzelnen, stellt er gleich darauf klar: „Es wird genossen, nicht gebechert.“
Glühwein mit PS-Power
Das ist auch der Eindruck von Susanne Mast, die das Glühwein-Geschmackserlebnis durch eine zusätzliche Geschmacksnote verstärken möchte: Ihren Apfelglühwein gibt es auch mit Calvados. Das sei ein veredelter französischer Apfelmost aus der Normandie: „Er ist lecker, leicht und macht Spaß. Mit Calvados wird Apfelglühwein zum Porsche.“ Aber auch ohne diesen besonderen Zusatz sei das Getränk nicht zu verachten: „Ohne Calvados ist Glühwein ein schnittiger Mercedes.“ Viele Männer aber würden sich lieber für die Porsche-Variante entscheiden.
Trotz solch gastronomischer Expeditionen in neue kulinarische Erlebniswelten – Gewohnheit ist Gewohnheit. Abseits von Vergleichen mit Mercedes oder Porsche würden die Marktbesucher nach wie vor auf die klassische rote Glühweinvariante „abfahren“, sagt Julius Kritz vom Stand gegenüber. Mancher wolle sich so ein Stück Wärme in die kalte Jahreszeit hinüberretten: „Sie trinken Rotwein im Sommer und Glühwein im Winter.“ Konsumiert werde er allerdings in Maßen. Ein Ballermann-Gefühl gebe es nicht: „Glühwein ist immer noch ein Genussartikel.“
Alkoholfreie Variante
Am Stand von Franziska Köthe ist alles anders. Hier wird auf alkoholfrei gesetzt. Zum ersten Mal ist sie mit ihren Angeboten auf dem Esslinger Weihnachtsmarkt, um Alterativen zu bieten: null Prozent Alkohol, aber 100 Prozent Geschmack, so das Konzept. Denn den Punsch gibt es in verschiedenen Varianten mit Zimt, Ingwer, Honig, Orange oder Zitrone. Als Weihnachtsmarkt-Neulinge seien sie noch nicht so bekannt, sagt sie. Doch wer einmal die alkoholfreien Alternativen probiert habe, komme immer wieder. Die aufgereihten kleinen Fläschchen mit Gin oder Whiskey seien kein Bruch mit dem Geschäftsmodell: „Wir schenken den Inhalt nicht aus.“ Besucher könnten die kleinen Flaschen zusätzlich erwerben. Die ursprüngliche Idee dahinter war, dass Gäste sie als Geschenke mit nach Hause nehmen können. Doch die meisten Käufer würden den Inhalt sogleich mit dem Punsch vermischen. Allerdings sei die Zahl solcher Genießer mit etwa zwei Prozent verschwindend gering. Trotz dieser alkoholfreien Alternativen wird der Glühwein immer noch heiß geliebt. Das ist zumindest die Erfahrung von Anastasia Sajzen an ihrem Stand. Den Kühlschrank mit Bier, Wasser, Zitronenlimonade oder Cola muss sie nur sehr selten öffnen: „Der bleibt meistens zu.“ Der Winter sei kalt genug, da wollten die Besucher nicht auch noch kalte Getränke. Das sei ein Grund, so berichtet einer ihrer Kollegen, der seinen Namen nicht nennen will, warum der „Heiße Venezianer“ so gut beim Publikum ankomme – Aperol mit heißem Glühwein. Der italienische Name mit der mediterranen Facette gehe darauf zurück, dass der Aperol in Venedig erfunden wurde.
Rot bleibt der Klassiker
Venedig ist am Stand von Joachim Kritz weit weg. Glühwein, sagt ein Mitarbeiter, sei ein Traditionsgetränk, das viele automatisch mit einem Weihnachtsmarktbesuch verbinden und auf das sie sich das ganze Jahr über freuen würden. Rot sei nach wie vor der Klassiker, doch auch die liebliche Rosé-Variante werde immer stärker nachgefragt. Was gar nicht gehe, sei Bier. Dafür munde manchen Besucherinnen und Besuchern der Eierpunsch mit Schlagsahne.
Das Motto „Aber bitte mit Sahne“ gilt einige Schritte weiter am Stand vor dem Neuen Rathaus nicht. Hier wird veganer Bioglühwein ausgeschenkt. Weihnachtsmarktbesucher würden sich seit einigen Jahren bewusster mit der Zusammensetzung der konsumierten Speisen und Getränke auseinandersetzen, sagt Mitarbeiterin Janina Bunz. Viele Gäste der Esslinger Budenstadt würden gezielt nach veganen Angeboten suchen und danach fragen. Manche Anbieter von Wein würden bei der Herstellung ihres Rebensaftes Gelatine verwenden, das sei bei der biologisch-veganen Variante ausgeschlossen. Passend dazu wird an ihrem Stand auch Glühwein mit Heidelbeeren kombiniert. Einige würden das besonders mögen: „Aber das ist Geschmackssache.“
Veranstaltung
Der Esslinger Mittelalter- und Weihnachtsmarkt hat bis Donnerstag, 21. Dezember, täglich von 11 bis 20.30 Uhr sowie freitags und samstags bis 21.30 Uhr geöffnet. Mit dabei sind laut der Esslinger Stadtmarketing etwa 180 Stände, und geboten werden während der ganzen Veranstaltungszeit etwa 500 kulturelle Programmpunkte.
Stadtinformation
Die Esslinger Stadtinformation am Marktplatz 16 hat während der Dauer des Weihnachtsmarktes veränderte Öffnungszeiten. Sie kann in dieser Zeit montags bis samstags von 11 bis 18 Uhr besucht werden. Sonntags bleibt sie aber geschlossen. In dem Geschäft können etwa Stadtführungen gebucht werden.
Veranstaltungsort
Der Weihnachtsmarkt findet in der Altstadt rund um den Markt- und Rathausplatz statt. Stände wurden auch beim Neuen Rathaus, am Hafenmarkt und am Fischbrunnenplatz aufgebaut.