Für jemanden, der nicht gerne im Rampenlicht steht, entlädt sich gerade jede Menge Blitzlichtgewitter über Timo Claß. Der 19-jährige Böblinger lässt den Rummel um seine Person selig lächelnd über sich ergehen. Schließlich hat der Abiturient am Max-Planck-Gymnasium ihn selbst heraufbeschworen – indem er im Rahmen einer Abschlussarbeit eine Filmdoku über das Zusammenspiel von Architektur und Kunst im Sindelfinger Schauwerk gedreht hat. Die Präsentation fand im Rahmen einer Gala-Filmpremiere mit rotem Teppich vor 120 Gästen in der Aula am Murkenbach statt.
Angst kann ein mächtiger Motivator sein. Im Falle von Timo Claß war es wohl nicht unbedingt Angst, aber doch ein gewisses Unbehagen beim Gedanken daran, für eine GFS (die Abkürzung steht für Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen) eine Powerpointpräsentation vor dem gesamten Kunstleistungskurs halten zu müssen. „Also habe ich meine Lehrerin gefragt, ob ich stattdessen einen Film machen könnte“, erzählt er.
Von Kindesbeinen an vom Schauwerk fasziniert
Tanja Chmielnicki-Ritter, die am Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium den Koop-Kurs Kunst leitet, sei sofort auf den Vorschlag eingegangen und habe ihm dabei völlig freie Hand gelassen. „Das war der Fehler“, grinst der junge Mann, der daraufhin ein Projekt startete, das nicht nur im schulischen Rahmen sämtliche Dimensionen sprengt.
Das Thema war schnell gefunden: „Ich interessiere mich sehr für Architektur“, sagt Claß. Die Faszination für die Planung und Gestaltung von Bauwerken hat er praktisch mit der Muttermilch aufgesogen, denn seine Mutter Birgit Claß ist Architektin. Bei ihrem früheren Arbeitgeber, dem Stuttgarter Planungsbüro BFK-Architekten, war sie eng in die Planung des Sindelfinger Schauwerks eingebunden. „Ich bin während der Bauzeit auf die Welt gekommen“, sagt der 19-Jährige. Für das Schauwerk-Projekt wurde das BFK-Büro 2011 mit dem „Hugo-Häring-Preis“ ausgezeichnet.
Über die Arbeit seiner Mutter entwickelte der kunstbegeisterte Timo Claß schon als Kleinkind eine enge Bindung zum Schauwerk. Als Zehnjähriger legte er Museumsleiterin Barbara Bergmann eine Mappe mit seinen Arbeiten vor. „Ich wollte erreichen, dass das Schauwerk eine Ausstellung mit Kunst von Kindern zeigt“, erzählt er. Tatsächlich zeigte die Direktorin sich schwer beeindruckt vom Talent des Grundschülers.
Durchsetzen konnte der Junge sich mit seinem Vorhaben zwar nicht, aber die Anekdote zeigt, in welchen Dimensionen er schon damals gedacht hat und welche Ziele er sich selbst setzt. Ein Beispiel dafür war ein Mittelalterprojekt im vergangenen Schuljahr am MPG, für das er mit Hilfe seiner Mutter ein vier auf vier Meter großes Burgtor baute.
Für die Doku ging er in die Vollen
Da verwundert es auch nicht, wenn sich eine GFS zu einem siebenmonatigen Filmprojekt mit vierstelligen Produktionskosten auswächst. Seine Fähigkeiten als Filmemacher hat sich Timo Claß schon im Kindesalter angeeignet: Angefangen mit kleineren Filmchen im Stop-Motion-Verfahren bis hin zu vollwertige Filmen, die er für Freunde als Geburtstagsgeschenk drehte. „Da lernt man, wie man mit der Technik umgeht“, erzählt er.
Für seine Doku ging er dann wirklich in die Vollen: Er suchte nach Sponsoren, organisierte eine professionelle Kameraausrüstung über die Stadt Böblingen, rekrutierte in seinem Jahrgang eine 15-köpfige Filmcrew, fuchste sich – weil er Effekte wollte, „die dich vom Hocker hauen“ – in 3D-Filmsoftware ein und schuftete monatelang täglich bis spät abends und teils bis in die Morgenstunden daran, den Film fertig zubekommen.
Schließlich rückte die Notenabgabe in der Woche vor Pfingsten immer näher und anderthalb Monate vor der Frist war er erst zu 60 Prozent fertig. „Das war schon ein bisschen stressig“, blickt er auf diese Zeit zurück.
Am Ende schaffte Timo Claß die Punktlandung mit seiner Doku. Genauer gesagt wurde es eine 15-Punkte-Landung, denn die Lehrerin vergab – wenig überraschend – die Höchstnote. Dass diese mehr als verdient war, sahen dann am 26. Mai alle Premierengäste in der Aula am Murkenbach.
Im Anschluss an die handwerklich und inszenatorisch äußerst bemerkenswerte 45-minütige Doku zeigte ein witziges „Making of“-Video, wie viel Spaß die Filmcrew um Timo Claß und Moderatorin Marie Flügel offenbar beim Dreh hatte. Nach der Vorführung gab es Beifall und Lob von allen Seiten – insbesondere von Museumsdirektorin Barbara Bergmann, der er fürs Archiv eine Kopie des Films überreichte. Öffentlich gezeigt werden darf die Doku allerdings wegen Bild- und Musikrechten ansonsten nicht mehr.
Nach diesem Erfolgserlebnis ist Timo Claß zunächst wieder im tristen Schulalltag angekommen. Demnächst stehen die mündlichen Abi-Prüfungen an. Und danach? Da will der junge Böblinger sich weiter hohe Ziele stecken. „Put yourself in bigger shoes“ (seh’ dich selbst in größeren Schuhen“) – so formuliert er sein Lebensmotto.
Sein Traum: Szenenbild an der Filmakademie studieren
Wenn das ein bisschen wie der Amerikanische Traum klingt, ist das kein Zufall. Timos Vater ist US-Amerikaner. Er heißt Mike Pennington und lebt in Los Angeles. Ihn will er nach dem Abi besuchen und dort mindestens ein Jahr verbringen – mit dem Ziel über seine Schwester ein Praktikum bei einem Filmstudio zu ergattern. „Sie hat Freunde, die in der Branche arbeiten“, sagt er.
Außerdem will er in den USA an seiner Bewerbungsmappe für die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart arbeiten und über ein Diplomstudium dort die Aufnahme an der Filmakademie Ludwigsburg schaffen, wo er dann ein Aufbaustudium Szenenbild machen möchte.
„Das ist mein Traum“, sagt Timo Claß – und sieht sich schon ein Schloss für das Set des nächsten „Harry Potter“-Films bauen.
Das Kunstmuseum, das aus der Kälte kam
Bitzer
Das Schauwerk in der Eschenbrünnlestraße in Sindelfingen steht dort, wo die im Jahr 1934 gegründete Firma BiItzer SE einst Kühlmaschinen herstellte. Die Produktion vom Stammsitz hat Bitzer ab 2003 nach Rottenburg-Ergenzingen verlagert. Der Verwaltungssitz der Gruppe ist aber nach wie vor in Sindelfingen.
Kunstsammlung
Am 11. Juni 2010 feierte das Schauwerk Eröffnung. Der vor acht Jahren verstorbene Unternehmenschef Peter Schaufler und seine Frau Christiane Schaufler-Münch haben sich hier mit dem architektonisch neu gestalteten Teil der ausgelagerten Fertigungs- und Lagerhallen einen Traum erfüllt. Auf 6500 Quadratmetern Fläche gibt das Museum Einblicke in die Sammlung des kunstbegeisterten Ehepaars und bietet internationalen Künstlern eine außergewöhnliches Forum – aktuell ist dort Chiharu Shiots Präsentation „Silent World“ zu sehen. Träger des Museums ist die 2015 gegründete Schaufler Foundation.