Bauland ist Mangelware in Baden-Württemberg. Wer ein Neubaugebiet erschließen will, muss dafür an anderer Stelle einen Ausgleich schaffen. Auf der landschaftlich und ökologisch wertvollen Schönbuchlichtung gilt dies ganz besonders, weswegen Weil im Schönbuch jetzt kräftig investieren will, um für das im Nordwesten der Gemeinde geplante 16-Hektar-Neubaugebiet Bäumlesweg Punkte fürs Ökokonto zu sammeln. Für mindestens 1,3 Millionen Euro soll die Schaich, die am Südrand der Gemeinde fließt, auf einer Länge von rund 100 Metern renaturiert werden. Im Gemeinderat stieß die Maßnahme auf breite Zustimmung, es gab aber auch deutliche Kritik.
Die geplante Renaturierung des Bachbetts beginnt kurz vor der Brücke Schulsteige/Tübinger Straße. Dort fließt die Schaich durch eine enge Röhre. Mit der Maßnahme will die Gemeinde mehrere Probleme beheben. Vor allem soll durch die Verbreiterung des Bachlaufs unter der Brücke die Hochwassergefahr verringert werden. Zudem stellt das Bauwerk laut Hauptamtsleiter Martin Feitscher ein Hindernis für die Tierwelt dar.
Für Hochwasserschutz und Artenvielfalt
„Die lange glatte Röhre verhindert, dass es hier zu einem Austausch zwischen den Lebewesen im oberen und unteren Bachlauf kommt“, erklärt der Amtschef, der am Dienstagabend seine letzte Gemeinderatssitzung mitgestaltete, bevor er in der kommenden Woche seinen Ruhestand antritt. Kann das Wasser hier wieder langsamer und weiträumiger fließen, dürfte dies nach Ansicht der Planer des Büros Geitz und Partner die Artenvielfalt steigern.
Ein weiteres Problem, das mit der Maßnahme angepackt würde, ist die Sanierung der maroden Brückensubstanz und des Belags der Kreisstraße, die über das Bauwerk führt. „Das wird den Verkehr stark beeinträchtigen“, verweist Hauptamtsleiter Feitscher darauf, dass die Straße, die den Ortskern mit der Siedlung im Süden verbindet, für einige Zeit nicht befahrbar sein wird.
900 000 Euro fürs Ökokonto
Die Finanzierung der Brückensanierung darf die Gemeinde nach Abstimmung mit dem Landratsamt zwar nicht auf ihr Ökokonto verbuchen, dafür hat sich aber die dortige Straßenbaubehörde bereit erklärt, den Brückenneubau und weitere Materialkosten zu übernehmen.
Unterm Strich kann sich Weil im Schönbuch rund 900 000 Euro als Ökopunkte anrechnen lassen. Die Renaturierung der Schaich wird der Gemeinde nach dem Baugesetzbuch also mit vier Ökopunkten gutgeschrieben. „Damit gehen wir in Vorleistung für das Neubaugebiet Bäumlesweg“, verweist Hauptamtsleiter Feitscher auf das für rund 1000 Menschen angedachte Bauland, das in den nächsten Jahren auf der grünen Wiese entstehe soll. Sobald hier die Bagger anrollen, fließt das investierte Geld in die Gemeindekasse zurück.
SPD-Rat Robert Löffler hat erhebliche Zweifel
Für die überwiegende Mehrheit des Gemeinderats klang dies alles überzeugend genug, um den Landschaftsplanern mit nur zwei Gegenstimmen grünes Licht für die Ausführung zu geben. „Das war eine sehr ergiebige, argumentenreiche und voll informierende Befassung dieses Themas“, befand Grünen-Rat Konrad Heydenreich. „Da kann keiner sagen, wir hätten die Vorlage einfach durchgewunken.“ Zwar sei er grundsätzlich immer eher gegen die Erschließung von Neubaugebieten und stattdessen für Nachverdichtung. Aber die Argumentation, dass man hier für Bauland Ökopunkte erwirtschaften könne, habe ihn überzeugt.
Ganz anders sieht das Robert Löffler. „Ich habe mir angewöhnt, die Sachen immer lieber selbst vor Ort anzuschauen und nicht zu glauben, was auf dem Planungspapier steht“, sagt der einzige SPD-Rat im Gremium. „Es hat an der Kreativität gefehlt“, sagt der Imkermeister. Er hätte anstelle der Bachumgestaltung andere Maßnahmen sinnvoller gefunden – zum Beispiel Baumpflanzungen oder die Zurückbildung von Brachflächen in Blühwiesen.
Wolfgang Brennenstuhl sieht finanzielle Nöte
Löffler äußert erhebliche Zweifel bei zwei zentralen Punkten: Weder sieht er die Notwendigkeit für einen verbesserten Hochwasserschutz, noch erkennt er einen großen Nutzen für die Tierwelt. „Was soll das? Ich wüßte nicht, dass es da je Hochwasserprobleme gegeben hätte“, sagt er. Sein Bruder Martin Löffler, der bei der Freiwilligen Feuerwehr Weil im Schönbuch aktiv ist, bestätige das. Und wer nicht glaube, dass die Fische sehr wohl durch das Rohr zwischen den Bachabschnitten hin- und herwechseln, müsse nur seinen Bruder Klaus Löffler fragen, der ist Gewässerwart beim örtlichen Fischereiverein.
Die zweite Gegenstimme zu diesem Tagesordnungspunkt kam von WAB-Fraktionschef Wolfgang Brennenstuhl. „Ich stehe grundsätzlich schon hinter dieser Maßnahme. Aber in unserer jetzigen Haushaltssituation können wir uns das nicht leisten“, hätte der stellvertretende Bürgermeister der Gemeinde sich lieber einen Aufschub dieser Investition gewünscht. Zumal die Kostenermittlung bereits auf das Vorjahr zurückgeht. „Mittlerweile wird das bestimmt deutlich teurer“, ist er überzeugt. Und trotz seiner Befürwortung für die ökologische Maßnahme zweifelt auch Brennenstuhl an dem Hochwasserschutz-Argument.
Ortsbauamtsleiter: Vorteil ist unstrittig
„Es gibt zahlreiche Gründe für die geplante Renaturierung der Schaich im Bereich Kreuzung Tübinger Straße“, sagt Weils Ortsbauamtleiter Tobias Ehmann auf Nachfrage. Demnach sei es durchaus sinnvoll, den Bachdurchlass zu vergrößern, damit die Tübinger Straße bei einem hundertjährigen Starkregen rechnerisch nicht mehr so hoch überflutet und Garagen der Anwohner nicht mehr eingestaut würden. „Dieser Vorteil ist unstrittig“, sagt Ehmann.
Nach der Ratsabstimmung kann das Büro Geitz und Partner jetzt mit der Ausführungsplanung beginnen. Sobald diese vorliegt, entscheidet der Rat darüber. „Das dauert aber noch einige Monate“, sagt Hauptamtsleiter Feitscher. Wenn es nach CDU-Fraktionschef Klaus Finger geht, wird es dann aber wirklich Zeit: „Wir machen da schon seit anderthalb Jahren daran herum. Irgendwann sollte man einfach mal machen.“