Weissach Und plötzlich geht es um Leben und Tod

Von Elisa Wedekind 

Die zweijährige Elsie aus London und der gebürtige Weissacher Walter Herrmann haben Blutkrebs. Der 62-Jährige hat neue Stammzellen bekommen, auch Elsie hat einen Spender. Am 19. September findet dennoch eine Typisierungsaktion statt.

Elsie hat ihr ganzes   Leben noch vor sich. Ihre Eltern Helen und Arun Kumar Foto: privat
Elsie hat ihr ganzes Leben noch vor sich. Ihre Eltern Helen und Arun Kumar Foto: privat

Weissach - Es gibt Geschichten, die gehen einem ganz tief unter die Haut. So wie die von Walter und Elsie. Walter Herrmann (62) hat drei Kinder, die beiden jüngsten sind noch nicht einmal Teenager. Auch Arun und Helen Kumar aus London haben eine kleine Tochter, Elsie ist gerade zwei Jahre alt geworden. Den Familienvater aus der Nähe von Reutlingen und das kleine Mädchen aus England verbindet ein schlimmes Schicksal: Beide sind an Blutkrebs erkrankt, ohne einen passenden Stammzellenspender können sie nicht überleben. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Walter Herrmann hat die erste Hürde schon geschafft, er hat seinen „genetischen Zwilling“ glücklicherweise gefunden. Der 62-Jährige liegt in der Klinik auf der Isolierstation, vor wenigen Wochen wurden ihm die gesunden Stammzellen transplantiert. Nun heißt es warten und hoffen, dass sein Körper die neuen Stammzellen annimmt. Walter Herrmann wurde in Weissach geboren, wuchs im Ditzinger Ortsteil Schöckingen auf. Sein Vater war dort Bürgermeister.

Vielen Weissachern ist seine Familie bekannt, er hat Verwandtschaft in der Strudelbachgemeinde. Ruth Kilpper-Hettinger ist eine Cousine zweiten Grades. Die Ärztin aus Weissach erinnert sich noch gut an den Anruf Ende Juli. „Walter hat mir von seiner Krankheit erzählt und, dass er sehr schnell einen Knochenmarkspender braucht.“ Die Internistin fackelt nicht lange, sie weiß, dass die Zeit drängt. Sie bringt das Thema bei der Evangelischen Kirchengemeinde auf den Tisch, nimmt Kontakt mit der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) auf. Freunde, Verwandte und viele freiwillige Helfer werden zusammen getrommelt, gemeinsam wollen sie eine Typisierungsaktion auf die Beine stellen. Der Termin im September steht schnell fest.

Sie rühren kräftig die Werbetrommel, verteilen Flyer und setzen alles daran, die Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Wie es das Schicksal so will, trifft die Ärztin dabei auf Katalin Laszlo aus Flacht. Auch sie ist dringend auf der Suche nach potenziellen Stammzellenspendern – für ihre kleine Patentochter Elsie aus London.

Die Zweijährige ist mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen. Recht bald stellen die Ärzte fest, dass sie auch noch Leukämie hat. Im Oktober 2014, Elsie ist gerade einmal ein Jahr alt, bekommt das kleine Mädchen die erste Chemotherapie. „Ihre Eltern sind zu ihr ins Krankenhaus gezogen, um immer bei ihr zu sein“, erzählt Katalin Laszlo. Die Therapie scheint anzuschlagen, Ende April sind die Testergebnisse so gut, dass Familie Kumar nach Hause kann. „Wir waren sehr erleichtert“, erzählt die Patentante aus Flacht.

Im Mai dann die Schreckensdiagnose: der Krebs ist zurück. Elsie bekommt die zweite Runde Chemo, zehnfach so hoch wie die erste Therapie. Die Kleine hat so starke Schmerzen, dass sie Morphium bekommt. „Die Ärzte haben im Mai gesagt, dass Elsie nur noch zwei Monate zu leben hat“, sagt Katalin Laszlo. Elsies einzige Rettung ist der „genetische Zwilling“, der ihr Stammzellen spenden kann. Die Suche ist aber sehr schwierig, denn Elsie ist Halb-Inderin. „Nicht jede ethnische Gruppe hat die gleichen Überlebenschancen“, erklärt Katalin Laszlo. Gewebemerkmale werden vererbt, sind regional unterschiedlich. Die Chance, einen Gen-Zwilling zu finden, ist in der eigenen Ethnie am größten. Bei Elsie wäre dies ein Spender indischer Abstammung.

Für die Eltern beginnt der Wettlauf gegen die Zeit. Sie geben ihre Jobs auf, starten in englischen Zeitungen und Radiosendern Spendenaufrufe. Die Resonanz ist groß. Gleiches versucht Elsies Patentante von Flacht aus. Aus der Typisierungsaktion für Walter Herrmann wird schließlich die gemeinsame Aktion „Walter und Elsie brauchen unsere Unterstützung“. Ruth Kilpper-Hettinger gelingt es, den Böblinger Landrat Roland Bernhard als Schirmherr zu gewinnen. Auch die anderen Ärzte aus der Strudelbachgemeinde sind mit im Boot. „Es ist wichtig, dass die Aktion bekannt wird“, sagt sie. „Und zwar über die Landkreisgrenzen hinaus.“

Denn es kommt nur selten vor, dass zwei Menschen nahezu identische Gewebemerkmale haben. Der DKMS zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit im günstigsten Fall bei 1:20 000. Deswegen ist es umso wichtiger, so die Weissacher Ärztin, dass sich so viele Menschen wie möglich als potenzielle Spender in die Datei aufnehmen lassen. Je größer der Pool, desto besser.

Vor wenigen Tagen kam die Nachricht, dass auch für Elsie ein Spender gefunden wurde. „Sie ist erkältet, aber sobald es ihr besser geht, werden die Vorbereitungen für die Transplantation getroffen“, erklärt Maria Schmidt von der DKMS. Allerdings sei es nicht der optimale Spender. „Wir hoffen, dass vielleicht doch noch ein Match gelingt und der genetische Zwilling gefunden wird.“ Walter Herrmann ist bei der Suche nach einem Spender fast die Zeit davon gelaufen, erzählt Ruth Kilpper-Hettinger. Und deshalb setzt die Initiativgruppe aus Weissach jetzt alles daran, dass die Typisierungsaktion ein Erfolg wird. „Wir brauchen jeden Spender – für Jung und Alt.“

Die Aktion findet am Samstag, 19. September, von 13 bis 17 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus in Weissach (Raiffeisenstraße 7) statt. Mitmachen kann grundsätzlich jeder gesunde Mensch zwischen 17 und 55 Jahren.