Wien - Wenn sie über Flohmärkte spaziert, muss sie sich übergeben. Sie gerät in Panik, wenn es modrig riecht wie in einem Erdkeller. Ausgeliefert und hilflos fühlt sie sich heute noch, mit 49 Jahren, bei Ärzten. Wie ein langer Schatten ziehen sich dunkle Erinnerungen durch ihr Leben, die nicht ihre sind, aber ihr Leben zeichnen. Durch die Wohnung zieht an diesem Tag der Duft von Räucherstäbchen. Sie lehnt an der Spüle in der Küche und schenkt Tee ein. Hier in der österreichischen Provinz, in der Nähe von Linz, lebt sie seit zweieinhalb Jahren gemeinsam mit ihrem Mann. Sie heißt sie, weil ihr Schicksal für viele steht und sie im Artikel lieber anonym bleiben möchte.
Auf der langen Suche nach ihrer Identität und zur Aufarbeitung des Traumas ist sie Psychotherapeutin geworden. Sie wollte bis ins Letzte verstehen, was all die Ängste und all die Ohnmacht in ihrem Leben zu bedeuten haben. Sie leidet an einem generationsübergreifenden Trauma. Nicht sie hat schlimme Erfahrungen gemacht, sondern ihre Mutter. Ängste, die eigentlich nicht ihre sind, begleiten sie schon ein ganzes Leben. Wie viele Menschen an einer solchen vererbten Wunde leiden, sei der Forschung noch unbekannt, sagen Trauma-Experten. Man wisse, dass solch eine Weitergabe besonders die zweite Generation von Holocaust-Überlebenden treffe.
Ihre Mutter schwieg lange über diese Zeit
Ihre Mutter kam während des Zweiten Weltkriegs als damals Zweijährige mit ihrer Familie nach Lackenbach – dem sogenannten Anhaltelager für Sinti und Roma im österreichischen Burgenland. Etwa die Hälfte der 1938 in Österreich lebenden Sinti und Roma wurde von den Nazis bis Kriegsende ermordet. Auch der größte Teil von ihrer Verwandtschaft überlebte diese Zeit nicht. Ihre Mutter und deren Eltern hatten Glück.
Ihre Mutter aber schwieg lange über diese Zeit und erzählte ihrer Tochter erst, als diese schon erwachsen war, dass zu genau der Zeit ihrer Inhaftierung viele Kinder in Lackenbach waren. Kinder, die nur knapp mit dem Leben davonkamen. Sie überlebten, weil sie für weitere Dienstleistungen eingespannt wurden. So konnten sie nicht in weitere Lager abtransportiert werden, wo sie sterben sollten. Was genau aber dort passierte und um welche Dienstleistungen es sich handelte, darüber weiß die Tochter nichts Konkretes. Immer wieder stellte sie zwar Fragen zu der Inhaftierung, wollte mit ihrer Mutter über die Gefangenschaft sprechen, diese blockte aber nur ab. Vor knapp zwei Jahren starb ihre Mutter, und mit ihrem Tod enden alle lebhaften Erinnerungen, die noch nicht erzählt sind.
Spät erfährt sie, was der Grund für die dunklen Gefühle ist
„Mir ist es psychisch immer schlechter gegangen. Ich habe mich nie verstanden gefühlt. Wenn ich meine Ängste und Gefühle äußerte, hörte ich oft von anderen, dass ich mir das nur einbilde und jeder mal so fühlt. Aber ich war schon so eingeschränkt in meinem Handeln, in meinem Leben“, erzählt sie rückblickend.
Erst in ihren späten Dreißigern erfährt die heutige Psychotherapeutin, was der Grund für all die dunklen Gefühle ist: Eine „transgenerationale Weitergabe eines Traumas“, so nennen Psychologen das Phänomen. Einer dieser Experten für dieses Thema ist Professor Klaus Mihacek, der ärztliche Leiter der Ambulanz „Esra“ – ein Zentrum für traumatisierte Menschen in Wien. Mihacek und sein Team aus Fachärzten, Psychologen, Therapeuten und Krankenpflegern wollen Menschen wie ihr dabei helfen, über ihre seelischen Wunden zu sprechen, die sie von ihrer Familie geerbt haben. Vor allem Verfolgten des Nationalsozialismus und deren Angehörigen bietet die Einrichtung Beistand.
Trauma können bis in die zweite oder dritte Generation weitervererbt werden
Wie kann sich eine solche Trauma-Weitergabe entwickelt haben? „Wenn ein Mensch ein traumatisches Ereignis erlebt, das seine Bewältigungsstrategien übersteigt, kann er das Erlebte nicht verarbeiten“, erklärt Mihacek. Er werde dann im Laufe der Jahre eine Traumafolgestörung entwickeln, die bis in die zweite oder dritte Generation weitervererbt werden könne. „Und zwar deswegen, weil Menschen psychisch so belastet sind durch die Traumafolgestörung, dass diese als Eltern dann oft nicht in der Lage sind, ihre Elternrolle adäquat auszufüllen“, sagt er. Mutter und Vater seien entweder emotional nicht erreichbar für die Kinder oder die Eltern seien so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie zu wenig Zeit haben und ihren Kindern nicht genug Fürsorge geben können. Auch sie erinnert sich, dass ihre Mutter oft geistig abwesend war. „Manchmal ist sie nachts schweißgebadet aufgewacht. Sie hat sich dann in das dunkle Bad gestellt, ohne das Licht anzumachen.“
Nach Klaus Mihaceks Erfahrung reagieren Menschen nach traumatischen Ereignissen in der Familie sehr unterschiedlich. Die einen schweigen weiter. Andere wiederum wollen über das Vergangene sprechen, lesen Bücher zum Thema, finden sich in Berufen wieder, die etwas damit zu tun haben, und versuchen so, die Vergangenheit für sich aufzuarbeiten. Leid im Krieg mit ansehen. Krieg überhaupt überleben. Eltern haben, die solch schwere Erfahrungen durchleben und damit klarkommen mussten. Das kann ein Mensch nur schwer verkraften. „Die zweite Generation wurde nicht entlassen, ihr eigenes Leben zu führen. Kinder glauben, dass sie nicht glücklicher sein dürfen als ihre Vorfahren“, erklärt die Psychotherapeutin Cristina Budroni, die unter anderem auch im Zentrum Esra arbeitet.
Die Angst begleitet sie Schritt für Schritt
Die Angst begleitet die zweite Generation durchs ganze Leben, Schritt für Schritt. „Darf ich das tun? Darf ich glücklich sein?“, fragten sich die Kinder der zweiten und teilweise dritten Generation, je nachdem, ob die zweite das Erlebte verarbeitet habe oder eben nicht. Scham und Schuld kleben an ihnen. „Scham, weil es sie gibt. Schuld, weil die Kinder es besser haben als ihre Eltern“, erklärt die Psychotherapeutin. Kinder bekämen alle Gefühle der Eltern mit – egal, ob darüber gesprochen wird oder nicht. Man spricht von „Epigenetik“, wobei sich die Wissenschaftler dabei noch uneinig sind. Heilung passiert, wenn man es zulässt. Auch wenn sie ihr Leben nicht ändern kann und eine Wunde vererbt bekam, hat sie jetzt zumindest eine Erklärung für ihre Gefühle gefunden. Ihre Mutter sprach kaum über das Erlebte und konnte ihr Leben nicht leben. Ihrer Familie soll es künftig anders gehen.