Stuttgart - Mit Mao Tse-tung zu sprechen ist aus historischer Warte nicht zu empfehlen. In Sachen Klimaschutz wäre es trotzdem eine gute Idee, sich an die berühmte Losung des früheren chinesischen Staatsführers zu erinnern: Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern!
Wo immer man hinhört dieser Tage – sei es bei wissenschaftlichen Kongressen, bei Bilanzpressekonferenzen der Industrieunternehmen oder im politischen Diskurs –, überall vernimmt man deutlich: Es gibt kein Patentrezept für den dringend nötigen Versuch, den Wohlstand der hoch technisierten Gesellschaften auf Fundamente zu heben, die nicht auf fossilen Rohstoffen gründen.
„Ein Puzzle besteht aus vielen Teilen“, so formuliert es der IneratecGeschäftsführer Tim Böltken, der mit seinem Start-up daran arbeitet, klimaneutrale Kraftstoffe zu erzeugen. Dabei hat Böltken durchaus Unterstützer: in der Landespolitik, die seine Geschäftsideen in Pilotprojekten fördert; bei vielen Bundestagsabgeordneten, die für Technologieoffenheit eintreten; in der Industrie, die auf alternative Verfahren hofft – und auch bei der EU, Stichwort New Green Deal. Trotzdem liegt Grundsätzliches im Argen.
Hat Europa noch die Kraft zum großen Wurf?
Der Politik gelingt es bisher nicht einmal, Rahmenbedingungen zu etablieren, die den Konkurrenzkampf um die besten Lösungen entfesseln. Im Hinblick auf alternative Kraftstoffe fehlen auf Bundes- und EU-Ebene trotz jahrelanger Diskussion entsprechende Regularien wie beispielsweise eine verlässliche Beimischungsquote. Im großen Rahmen aber sieht das Bild noch betrüblicher aus.
Die deutsche Wirtschaft hat die Kompetenz, Marktführer in Sachen Clean Tech zu werden. Das geht aber nur in internationaler Zusammenarbeit, denn die sinnvollen Standorte für Wind- und Sonnenstrom-basierte Technik befinden sich nicht hier, sondern in Nordafrika, Südamerika oder im Mittleren Osten. Was wäre alles möglich, wenn viel mehr politische Energie in ein Konzept flösse, das Klimaschutz, Entwicklungshilfe und Industrieförderung konsistent in sich vereinte? In viele transnationale Projekte und Visionen? Ob die EU, die über Jahre hinweg nicht in der Lage war, eine gemeinsame Flüchtlingspolitik zu formulieren und sich ewig und drei Tage mit neuen Regeln für Post-Brexit-Britain beschäftigen wird, dazu noch die Kraft hat? Es ist wie der Traum von einer Blumenwiese. Gerade im Winter darf man ihn nicht aufgeben.