Weltblutkrebstag „Leukämie ist eine medizinische Extremsituation“

Von Kathrin Brenner 

Alle 15 Minuten erhält ein Mensch in Deutschland die Diagnose Blutkrebs. Am Weltblutkrebstag zeigen Menschen weltweit ihre Solidarität mit den Patienten. Warum das wichtig ist, erklärt ein Experte im Interview.

Blutkrebs bedeutet für viele Patienten lange Krankenhausaufenthalte. Foto: dpa
Blutkrebs bedeutet für viele Patienten lange Krankenhausaufenthalte. Foto: dpa

Stuttgart - Die Diagnose Blutkrebs ändert das Leben eines Menschen völlig. Für viele Patienten beginnen damit monatelange Krankenhausaufenthalte mit intensiven Chemotherapien und unangenehmen Untersuchungen. Professor Jochen Greiner ist Chefarzt für Hämatologie, Onkologie, Stammzelltransplantation und Palliativmedizin am Diakonie-Klinikum Stuttgart. Er hat schon viele Blutkrebspatienten betreut und miterlebt, was die Krankheit für sie und ihre Angehörigen bedeutet. Für seine Forschungen zu Immuntherapien bei Leukämien ist Greiner 2010 mit dem José-Carreras-Career-Award ausgezeichnet worden. Im Interview erklärt er, warum es wichtig ist, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen.

Herr Greiner, was ist Blutkrebs?
Blutkrebs ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Aus so genannten Stammzellen und deren Vorläufern entwickeln sich normalerweise alle Bestandteile des Blutes und des Lymphsystems – zum Beispiel rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Blutkrebs entsteht dann, wenn die Entwicklung einer Zelle gestört ist – etwa durch eine Mutation. Die Zelle entartet, kann sich nicht mehr ausdifferenzieren und vermehrt sich. Das Blut kann daher seine lebensnotwendige Funktion nicht mehr erfüllen. Dieser Prozess verläuft bei akuten Leukämien recht schnell, bei chronischen Leukämien langsamer. Es gibt sehr viele verschiedene Unterformen von Leukämien, eben weil es so viele verschiedene Arten von Zellen gibt, die betroffen sein können. Je nach Form unterscheiden sich auch die Symptome. So können die Patienten müde und schlapp sein, an Infektionen oder einer Blutungsneigung leiden.
Wie häufig ist Blutkrebs?
Verglichen mit anderen Krebserkrankungen wie beispielsweise Prostata-, Brust- oder Darmkrebs ist Blutkrebs eher selten. Leukämien machen nur wenige Prozent aller Tumorerkrankungen in Deutschland aus.
Wie sieht die Prognose aus?
Sehr unterschiedlich, je nach Unterform der Erkrankung. Sehr gut zu behandeln ist beispielsweise die chronisch myeloische Leukämie (CML). Bei der CML gibt es eine typische genetische Veränderung, durch die ein fälschliches Protein entsteht, welches der Tumorzelle zum Wachstum verhilft. 1980 sind noch fast alle Patienten an dieser Erkrankung gestorben. Dank neuer Medikamente, die das Tumorprotein blockieren, so dass die Tumorzelle nicht mehr wachsen kann, hat sich die Langzeit-Überlebensrate inzwischen auf über 90 Prozent erhöht. Bei der akuten myeloischen Leukämie (AML) hingegen sehen die Prognosen ganz anders aus. Jüngere Patienten können in circa 50% der Fälle geheilt werden, wobei diese Zahl je nach Unterform sehr variiert. Bei den über älteren Patienten ist die Überlebensrate jedoch deutlich geringer. Bei der AML stehen als Therapie bislang nur eine starke Chemo oder eine Stammzelltransplantation zur Verfügung.
Stichwort Stammzelltransplantation – welche Rolle spielt sie bei der Behandlung von Blutkrebs?
Für viele Patienten ist die Stammzelltransplantation noch immer die einzige Chance – etwa bei der eben erwähnten AML. Grundsätzlich geht es bei Blutkrebs darum, alle bösartigen Zellen durch die Therapie zu eliminieren. Bleiben Zellen übrig, kann es einen Rückfall geben, der immer schwieriger zu behandeln ist. Die Chemotherapie greift also sämtliche Zellen des Körpers an, wobei die entarteten Zellen stärker auf die Gifte reagieren und sich schlechter erholen können als die gesunden. Doch das funktioniert nur bis zu einer bestimmten Dosis. Die Stammzelltransplantation hat demgegenüber Vorteile: Die Chemodosis kann erhöht werden und das neue transplantierte Immunsystem, das der Patient vom Spender erhält, greift die eventuell verbliebenen bösartigen Zellen an. Das heißt aber nicht, dass der Patient automatisch überlebt – auch nach einer Transplantation kann die Krankheit wieder kommen oder es kann tödliche Komplikationen geben. Trotzdem spielt die Stammzelltransplantation immer noch eine große Rolle in der Therapie. Derzeit ist in vielen Fällen keine Alternative dazu erkennbar.