Über das Gesicht von Inzamam Ujani, Spitzname Aquib, huscht ein schüchternes Lächeln. „Mir gefallen Arbeit und Leben hier gut“, erzählt der 30-jährige Maschinenbauingenieur mit der schwarzen Tolle und dem Vollbart. Er sitzt vor zwei Bildschirmen und ist gerade dabei, mithilfe eines CAD-Programms ein neues Metallprofil für ein Beleuchtungssystem zu konstruieren. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er bei Richter Lighting Technologies, einem Hersteller hochwertiger Beleuchtungssysteme mit Sitz in dem kleinen Städtchen Heubach mit rund 10 000 Einwohnern auf der Ostalb.
Für ihn ausschlaggebend: „In einer kleinen Firma kann man jeden Tag etwas Neues entwickeln“, erzählt er auf Deutsch. Das reize ihn mehr, als in einer Großfirma zu arbeiten. An Weihnachten fliegt er zurück in die indische IT-Millionenmetropole Bangalore, um auch seine Frau nachzuholen. Der junge Inder lernte Richter bei einem Besuch an der nahe gelegenen Hochschule in Aalen kennen. Dort hatte er einen Master gemacht, absolvierte ein Praktikum und ist geblieben. Bis heute fährt er nach Aalen, um sich mit indischen Freunden zu treffen. Was ihm an Heubach besser gefällt: „Weniger Menschen“, schießt es spontan aus ihm heraus. Die Menschen seien sehr freundlich, die Schulen gut. In Deutschland gefallen ihm generell Regeln und Verlässlichkeit.
Aber bei der Bürokratie sieht er noch Verbesserungsbedarf: So habe er etwa einen Einbürgerungstest gemacht, um eine Daueraufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Doch der ging in der Verwaltung verloren. Er muss ihn noch einmal machen. Zudem sei es schwierig gewesen, eine Wohnung zu finden. Rassismus habe er nur einmal erfahren müssen – und das nicht in Heubach.
Auf den Kopf gestellt
Die deutsche Provinz gilt für internationale Arbeitskräfte als hartes Pflaster: Anders als die Einheimischen haben sie dort keine familiären Bindungen, ein nur eingeschränktes Sozialleben, dazu eine weniger vielfältige, meist konservative Umgebung. Und obendrein auch schlechtere Karrierechancen.
Richter Lighting Technologies am nördlichen Stadtrand von Heubach stellt vieles davon auf den Kopf. „Wir versuchen bei jedem Mitarbeiter herauszufinden, was die persönliche Einstellung ist“, meint der Firmengründer Bernd Richter in der Mittagspause über einem Teller Spaghetti und Tomatensoße in der betriebseigenen Almhütte, die, ausgestattet mit Gasherd und chromblitzender Kaffeemaschine, für die Beschäftigten als Kantine und sozialer Mittelpunkt dient. Im Hintergrund spielt ein Teilzeit-Pianist entspannende Klassik. Er wolle „niemals etwas ausschließen“, sagt der 55-jährige Heubacher über seine Unternehmensphilosophie.
Er spricht schnell, so als ob er wenig Zeit verlieren will. Ein klassischer schwäbischer Macher, gelernter Industriemechaniker, mit einem Semester Betriebswirtschaftslehre. Mit großem, auch persönlichem Engagement bemühen er und seine Frau Marion sich darum, eine äußerst vielfältige Belegschaft zu rekrutieren. „Wir kümmern uns darum, dass unsere Beschäftigten Wohnungen finden und krankenversichert werden und gehen mit ihnen aufs Amt“, berichtet die 52-Jährige. Auch zu sich nach Hause laden die Richters neue Mitarbeiter ein. Deutsch sprechen zu können ist dabei aber durchaus kein Muss, es wird viel Englisch gesprochen. Für Inzamam Ujani ist „Deutsch aber okay“.
Persönlich engagiert
Das Unternehmen mit Wurzeln im Messebau wurde mit aufwendigen Beleuchtungssystemen auch international bekannt, hat Beleuchtungssysteme für Apple-Läden von Kalifornien über London und Dubai bis ins Sindelfinger Breuningerland gebaut. Von seinen 112 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besitzen 54 keinen deutschen Pass. Sie stammen aus 34 Ländern von A wie Argentinien bis U wie die Ukraine. Wegen dieser Offenheit erhält die Firma inzwischen Bewerbungen aus der ganzen Welt. Letztlich geht es darum, herauszufinden, „wer hier wirklich Erfüllung findet“, meint Bernd Richter.
Hochschule als Magnet
In Ostwürttemberg nimmt dieses Unternehmen gewiss eine Vorreiterrolle ein. Die Region mit ihren rund 450 000 Einwohnern ist ländlich und zugleich aber industriell geprägt, mit Weltfirmen wie Zeiss, Voith oder Steiff, aber auch unzähligen Mittelständlern aus dem Werkzeug-, Maschinen- und Anlagenbau in Familienbesitz. „Die Hochschule Aalen zieht viele internationale Studenten an“, berichtet Markus Schmid, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Heidenheim zuständig für Standortpolitik. Ausländische Absolventen wie den Inder Ujani nach ihrem Abschluss in der Region zu halten, hält er vor allem für kleinere und mittelständische Firmen für eine der effektivsten Anwerbungsmethoden. Im Wettbewerb mit den international bekannten Großen hätten sie sonst kaum eine Chance.
„Aktuell können wir unseren Bedarf an Fachkräften decken“, teilt etwa Georg von Erffa, Leiter der Personalabteilung der Zeiss-Gruppe, mit. Mit Ausschreibungen auf Englisch in seinem globalen Netzwerk und mit „viralen Online-Kampagnen“ sucht der Optik-Konzern weltweit Softwareentwickler und Naturwissenschaftler für „internationale und diverse Teams“ auch am Sitz im 8000-Einwohner-Städtchen Oberkochen. Aus Zeiss-Sicht punktet die Ostalb mit „sehr familienfreundlicher Umgebung“, „spannender Natur“ und „Zentren wie Ulm, Stuttgart und München in Ausflugsnähe“.
Hemmnis Bürokratie
Aus der Sicht von IHK-Mann Markus Schmid sind in den vergangenen Jahren auch kleinere und mittelständische Firmen auf der Ostalb aufgeschlossener und damit attraktiver für ausländische Fachkräfte geworden. Auch wenn eine internationale Schule noch fehlt, unterstützt die Region die Entwicklung mit einem Welcome-Center, einem International Club Ostwuerttemberg oder der Zertifizierung „Attraktiver Wohnort für Fach- und Führungskräfte“, bei der Stadtverwaltungen auch mit Test-Mails vermeintlicher Neubürger auf Englisch geprüft werden. Haupthindernis bleibe die deutsche Sprache und die ausländerrechtliche Bürokratie: „Die Gesetze müssen deutlich einfacher werden“, sagt Schmid. Die schrumpfende Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland lässt keine andere Wahl. Aber: Bei Akademikern fehlten aktuell nur 20 Prozent an Fachkräften, bei denen ohne Studium sei der Mangel viel dramatischer.
Joy Alemazung, der Bürgermeister von Heubach, das auch unter dem Zuzug Geflüchteter ächzt, meint, damit sich Einwanderer akzeptiert fühlen, komme es darauf an, dass „Weltoffenheit auch wirklich gelebt wird“. Der 48-jährige Vater dreier Kinder weiß, wovon er spricht. Als junger Mann kam er aus Kamerun zum Studium nach Deutschland. Klar habe er auch Ausgrenzungserfahrungen machen müssen, aber „keine nennenswerten“ und kaum welche in Heubach.
Bürgermeister aus Kamerun
Vor zwei Jahren wurde der konservative CDU-Mann mit Zweidrittelmehrheit zum Bürgermeister gewählt. Gegenüber den Städten sieht er die Provinz sogar im Vorteil. Ein reges Vereinsleben kann die Akzeptanz von Zuwanderern fördern. „Kontakte helfen, Vorurteile abzubauen“, meint Alemazung und lächelt hinter seinem Schreibtisch. Ländliche Gegenden übten eine „Siebfunktion“ aus: „Wer kommt, weiß genau, was er will und auf was er sich einlässt“, meint der Entwicklungshilfe-Experte. Es gebe auch wenig Möglichkeiten, ins Migrantenmilieu abzutauchen. Heubach und Umgebung seien gut aufgestellt. „Ich würde mir nur wünschen, die Einheimischen wäre manchmal etwas weniger zurückhaltend.“