Weltraummaler Klaus Bürgle Huckepack zum Mars

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Seine Weltraumbilder kannte früher jeder technikverrückte Junge. Erst auf seine alten Tage wurde Klaus Bürgle aus Göppingen auch als Künstler anerkannt.

Bürgles Illustration  aus „Das Neue Universum“  von 1970:   Riesige Trägerraketen bringen         Passagiere in   Raumgleitern zum Roten Planeten. Daneben verkehren Raumfähren im Linienverkehr. Fotos:Klaus Bürgle/www.retro-futurismus.de Foto:  
Bürgles Illustration aus „Das Neue Universum“ von 1970: Riesige Trägerraketen bringen Passagiere in Raumgleitern zum Roten Planeten. Daneben verkehren Raumfähren im Linienverkehr. Fotos: Klaus Bürgle/www.retro-futurismus.de Foto:  

Göppingen - Von dem ganzen Forschungskram verstehe ich nichts. Ich mache nur meinen Job, fünf Tage die Woche. Ich habe Heimweh nach der Erde, nach meiner Frau. Es ist einsam hier im All. Und es ist noch lange hin bis zur Landung. Dann wird mir wieder klar werden: Ich bin nicht der, für den mich alle halten. Ich bin ein Raumfahrer. Ein Raketenmann, der ganz allein da draußen seinen Treibstoff abbrennt. (Aus „Rocket Man“ von Elton John, 1972)

Einige Werke ihres Mannes hat Ilse Bürgle unter dem Ehebett verstaut, in schweren Mappen, fest mit Packpapier umwickelt. Andere liegen, als seien sie eben fertig geworden, auf dem Teppichboden seines Arbeitszimmers. „Hier hat er oft bis in den Morgen gemalt“, sagt die 88-Jährige.

Klaus Bürgle
Das Atelier am Rand der Göppinger Nordstadt war jahrzehntelang die Abschussrampe für Klaus Bürgles Weltraumfantasien. Seine imaginären Ausflüge ins All fallen in eine Zeit, die elektrisiert ist von der Vorstellung, nie gesehene Welten zu entdecken. Beseelt vom Eifer, tiefer und tiefer in unendliches Neuland zu stoßen. Technische Träume, die sich keiner so richtig ausmalen kann – Klaus Bürgle, der Raketenmann, macht sie zu Bildern.

Mit feinem Pinselstrich oder Airbrush-Technik erschafft er Fähren, die zwischen Erde und Raumstationen pendeln. Trägerraketen mit Atomantrieb bugsieren Weltraumschiffe huckepack zum Mars. Eine Raumstation, 45 Meter im Durchmesser, wird zusammengeklappt an den Booster einer Saturn-Kapsel gedockt ins All geschossen. Auf dem Mond türmen sich Ringgebirge inmitten von Wüsten. Grell einfallendes Sonnenlicht setzt scharfe Konturen auf den blatternarbigen Boden. Mit mächtigen Maschinen, den Urtieren des technischen Zeitalters, rücken die Menschen an und wühlen sich auf der Suche nach Bodenschätzen in den unberührten Grund.

Riesige Radieschen

In einem Megakrater entsteht die erste Mondstadt. Eine gewaltige Kunststoffkuppel spannt sich vor den nachtschwarzen Himmel. Luftgebläse schaffen ein Erdenklima. Sonnenbatterien spenden Energie. Radieschenpflanzen wachsen wegen der geringen Schwerkraft so hoch wie Dattelpalmen. Raumfahrer starten in ferne Sternensysteme. Ein glutheißer Sonnenball übergießt schroffe Bergwelten mit leuchtendem Rot, das im Dunst giftgelber Gase verschwimmt. Aber auch hier gibt es Leben.

Die allermeisten (und die schönsten) von Bürgles Zeichnungen sind heute nicht mehr im Original auffindbar. Nach ihrer Veröffentlichung werden sie in die Archive der Zeitschriftenverlage eingelagert, verschwinden von der Bildfläche. Dann verliert sich ihre Spur. Vielleicht reißen sich heimliche Liebhaber die Werke unter den Nagel. Vielleicht landen sie irgendwann beim Großreinemachen einfach im Müll.

Erst spät wird Bürgle als Künstler und bedeutender Vertreter des Retro-Futurismus gewürdigt. Sein ganzes Arbeitsleben lang gilt er als Gebrauchsgrafiker – als begnadeter freilich, der einen exzellenten Ruf genießt und „tierisch viel Geld verdiente“, wie Werner Meyer, Leiter der Göppinger Kunsthalle, weiß. Er hat den Künstler Bürgle entdeckt. „Als in den 90er Jahren die Betrachtung zwischen angewandter und großer Kunst neu begann, wurde mir klar, dass Bürgle eine herausragende Figur war“, sagt er. „Auf seinem Niveau und in seiner Sparte gab es höchstens drei vergleichbare Maler – zwei von der Nasa und ein Russe.“