Ihre Ehe begann in Kapstadt und erlebte ihre Feuertaufe auf der 18 000-Kilometer-Tour durch ganz Afrika heim nach Stuttgart im VW-Käfer: Wolfgang Martin und Lilli Emma Häfelin (beide Jahrgang 1932), die von Fernweh und fernen Ländern erzählen.
Herr Häfelin, haben Sie Karl May gelesen?
Wolfgang Häfelin: Ja, natürlich.
Lilli Häfelin: Wir besitzen alle 90 Bände.
Was ist der Lieblingstitel?
Wolfgang Häfelin: Die Sklavenkarawane. Ich habe aber auch viel Sven Hedin gelesen, seine Reiseberichte haben mich fasziniert.
Ist da Ihr Fernweh geweckt worden, haben Sie sich schon damals vorgenommen, dass Sie auch die Welt sehen wollen?
Wolfgang Häfelin: Nein, so weit hat man nach dem Krieg nicht gedacht. Der Vater war nicht da und ich musste mich um die Versorgung meiner Mutter und meiner Schwestern kümmern. Zum Glück konnten wir in unserem Garten im Dachswald alles anbauen und ernten.
Wie haben Sie beide sich kennengelernt?
Lilli Häfelin: Schon 1943 in Crailsheim in der Oberschule. Weil das Fanny-Leicht-Gymnasium wie alle Stuttgarter Schulen 1943 geschlossen wurde und wir Schüler evakuiert waren. 1945 sind wir wieder nach Stuttgart zurückgekommen und haben uns erst mal aus den Augen verloren. 1950 haben wir uns beim Skifahren am Kniebis wieder getroffen.
Und dann sind Sie ein Paar geworden?
Wolfgang Häfelin: Nein, überhaupt noch nicht. Ich wollte raus aus der Enge dieser Nachkriegszeit und habe einen Arbeitsvertrag als Lithograf in Kapstadt in Südafrika angenommen. Aber ich habe mich bei ihr verabschiedet. Und sie ist zum Abschied auf den Bahnhof gekommen, als ich am 13. März 1953 abends um 23 Uhr in den Zug nach Ostende gestiegen bin. Da habe ich mir dann schon was gedacht. (Er schmunzelt).
Lilli Häfelin: Und dann sind Briefe gekommen. Viele Briefe, schöne Briefe. (Sie lächelt).
Wolfgang Häfelin: „Bis sie gekommen ist.
Mit einem Heiratsantrag?
Lilli Häfelin: Nein. Ich wollte einfach et-was von der Welt sehen. Stuttgart war ja trostlos und in Trümmern.
Und was haben die Eltern dazu gesagt?
Lilli Häfelin: Ich solle es ruhig versuchen. Meine Mutter hat mich immer dazu ermuntert und mein Vater, ein Architekt, war sehr großzügig. Ich habe meinen Motorroller, eine Lambretta, verkauft und im Reisebüro Rominger das Ticket für die Passage mit dem Frachter nach Kapstadt gekauft. Im Oktober 1954 ging ich in Hamburg an Bord der Troya aus Norwegen, und am 1. November bin ich angekommen. Ich war überwältigt: Der Tafelberg, das Meer! Und am 4. März 1955 haben wir geheiratet.
Wie war die Zeit in Kapstadt?
Lilli Häfelin: Wunderbar. Ich habe schon nach vier Wochen eine Stelle als Sekretärin bekommen und dafür noch englische Kurzschrift gelernt.
Dann zog es Sie doch zurück nach Stuttgart, 1959 haben sie die Heimreise angetreten: Im VW-Käfer durch ganz Afrika, insgesamt 18 000 Kilometer.
Wolfgang Häfelin: Es war ein roter Käfer, Baujahr 58. Ich habe in einer VW-Werkstatt gelernt, wie man damit umgeht und vom größten Schraubenschlüssel bis zu Ketten fürs Fahren im Sand alles eingepackt. Die hinteren Sitze haben wir nach Hause geschickt, um Platz für zwei Gepäckkisten und zum Schlafen zu haben. Die Luftmatratzen wurden auf den Gepäckkisten ausgebreitet, das Lenkrad habe ich jeden Abend mit einem 30er Schlüssel abmontiert. Gekocht haben wir im Freien.
Wie hat man in Zeiten ohne Internet eine solche Route geplant und wie verlief sie?
Wolfgang Häfelin: Das Buch Transafrican Highways war unsere Bibel. Wir sind über Johannesburg und die Viktoriafälle nach Daressalam, Mombasa, Nairobi (er zeichnet mit dem Finger die Route auf der Afrika-Karte nach) und Uganda gefahren. Im Sudan wurde einer der drei Schweizer, die mit uns unterwegs waren, krank und musste ins Hospital. Alle waren so hilfsbereit und gastfreundlich, wir wohnten in einer Villa. Nach einer Woche war der Schweizer wieder gesund. Zum Dank haben wir dem Direktor des Krankenhauses eine Kuckucksuhr geschickt und er hat geschrieben, dass die Kinder aus dem Dorf zu jeder vollen Stunde kommen, um den Kuckuck zu sehen und zu hören.
Hat es nie eine gefährliche Situation gegeben, haben Sie sich nie bedroht gefühlt? Es war die Zeit der nationalen Befreiungsbewegungen mit Unruhen.
Nein, nie, es war alles ruhig.
Sie haben sicher interessante Menschen kennengelernt?
Wolfgang Häfelin: In Ägypten haben wir zwei englische Tau-cher kennengelernt, die versunkene Schiffe im Suez-Kanal gehoben haben. Bei den Tempeln und Pyramiden waren wir ganz allein, keine Touristen weit und breit. Eigentlich wollten wir über Algier und Marokko nach Spanien, aber in Algerien war Krieg gegen die Kolonialmacht Frankreich. So sind wir über Tripolis nach Tunis und von dort nach Sizilien. In Tobruk (Libyen) hatte gerade die Witwe von Erwin Rommel eine Gedenkstätte für den „Wüstenfuchs“ eingeweiht. Einen Tag, bevor wir dort waren.
Wie lange dauerte die Heimreise?
Wolfgang Häfelin: Wir sind am 12. September 1959 in Kapstadt gestartet und am 18. Dezember in Stuttgart angekommen. Wie ich gesagt habe: Weihnachten sind wir zuhause.
Ihre junge Ehe hat das Abenteuer offenbar gut überstanden. Sie haben gerade Eiserne Hochzeit gefeiert. Hat es in kritischen Situationen nie Streit gegeben?
Lilli Häfelin: Nie! Es war immer harmonisch. Wir leben unter einem glücklichen Stern.
Waren Sie seither wieder in Afrika?
Wolfgang Häfelin: „Wir fahren jedes Jahr nach Ägypten, aber wir haben auch fast die ganze Welt gesehen: Nordamerika, Südamerika, Australien, Neuseeland, China, Russland, den Nahen Osten und Indien: Eine andere Welt! Fantastisch! Fehlt nur Japan.“
Haben Sie alle Ihre Träume wahr gemacht?
Beide: Unser Leben hätte nicht besser, bunter und glücklicher sein können.