Weltweiter Organhandel In Mexiko geht es im Operationssaal um Leben oder Tod

Von Willi Germund 

Ein paar Monate später stehe ich vor einer Klinik im Norden von Mexiko. Wenn alles gutgeht, habe ich gerade meine letzte Dialyse hinter mich gebracht. Morgen soll eine Niere aus Raymonds Körper in meine Leiste transplantiert werden. Ich kann es kaum erwarten, auch wenn es letzten Endes um Leben und Tod geht. Eine mehrstündige Operation ist keine Nebensache.

Die Leiterin des Dialysezentrums hat mich vor anderen Patienten verabschiedet: „Wünscht Willi viel Glück. Er soll eine neue Niere erhalten.“ Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte den Mund gehalten. Ich habe nur einen ausgesucht kleinen Kreis von Freunden und Bekannten in meine Pläne eingeweiht. Manche der Panikattacken, die mich regelmäßig überfallen, kreisen um eine einzige Befürchtung: Behörden könnten Wind von der Sache bekommen und die Operation stoppen.

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Acht Uhr an einem Dienstagmorgen: es klopft. „Bereit?“, fragt die Krankenschwester. Sie wartet nicht auf meine Antwort. Bevor ich mich versehe, rolle ich den Flur entlang in Richtung OP. Die letzten Sekunden meines bisherigen Lebens sind angebrochen. Durch eine Kanüle am linken Handrücken wird ein Betäubungsmittel in meinen Kreislauf geleitet. Raymond liegt längst auf dem Operationstisch.

Der afrikanische Spender erhält 30.000 US-Dollar

Rund 30.000 US-Dollar hat der 28-jährige Raymond von dem Geld erhalten, das ich einem Agenten überwiesen habe. Als wir vor der Operation einmal gemeinsam in der Abenddämmerung bei einem Glas Sprudelwasser am Rande des Hotelpools ausspannen, sagt er stolz: „Bei mir kannst du sicher sein, dass du eine richtig gute Niere bekommst.“ Später sehe ich auf einem Foto, dass Raymonds rosarote Niere nicht einmal einen ganzen Handteller füllt.

Nach ein paar Stunden wache ich am frühen Nachmittag in meinem Krankenhausbett unter einer ganzen Batterie von Infusionsflaschen auf. Der Arzt hebt einen Beutel, in dem sich tiefgelber Urin sammelt. Raymonds Niere arbeitet. Ich bin erschöpft, raffe mich zu einer einzigen Frage auf: „Wieso ist der Verband rechts?“ Vor der Transplantation hatte der Chirurg immer auf meine linke Leiste als vorgesehenem Platz für die fremde Niere gezeigt. „Ich habe sie rechts eingepflanzt“, sagt er. Nun bin ich überraschenderweise also ein Nierenrechtsträger. Aber die Körperseite spielt nun wirklich keine große Rolle – und ändern lässt sich das eh nicht mehr.

Ein paar Tage später schenkt der Arzt mir Dutzende von Fotos, die seine Assistentin während der Transplantation aufgenommen hat. Nach zwei Tagen schlurfe ich schon wieder den Flur entlang. „Er läuft schon“, notiert die Krankenschwester im Patientenbuch. Zwei Tage nach der Transplantation steht Raymond, wegen der Infektionsgefahr vom Scheitel bis zur Sohle vermummt, in der Tür. „Wie funktioniert meine Niere?“ fragt er. „Gut“, antworte ich vom Bett aus, „danke.“