Wenn das Gas ausgeht Ohne Chemie steht die Industrie
Die Chemie-Verbände in Baden-Württemberg unterstreichen die Systemrelevanz ihrer Unternehmen für die deutsche Wirtschaft. Ihr Ziel: bei einer Gasnotlage bevorzugt berücksichtigt zu werden.
Die Chemie-Verbände in Baden-Württemberg unterstreichen die Systemrelevanz ihrer Unternehmen für die deutsche Wirtschaft. Ihr Ziel: bei einer Gasnotlage bevorzugt berücksichtigt zu werden.
Im Kampf gegen die mögliche Gasnotlage steht die chemische Industrie an vorderster Front. Allein auf den Riesen BASF entfallen vier Prozent des gesamten deutschen Erdgasverbrauchs – auf die ganze Branche 15 Prozent. Folglich macht sich diese Schlüsselindustrie verstärkt Gedanken darüber, wie eine Knappheit zu bewältigen wäre. Insofern wird auch die Debatte über eine sinnvolle Verteilung des Erdgases zwischen Verbraucher und Betrieben besonders intensiv geführt. Ein Überblick.
Wie relevant ist die Chemieindustrie? Die Chemieindustrie hat eine komplexe Produktionsstruktur. Produziert wird häufig in Verbundstandorten, auch technisch sind die Prozesse miteinander verknüpft. Produkte der Grundstoffchemie gehen als Vorprodukte in die Weiterverarbeitung der Branche ein – etwa in die Herstellung von Kunststoffen, PVC, Klebstoffen, Lacken, Waschmitteln, Pharmazeutika. Darüber hinaus sind fast alle Lieferketten in Deutschland von der Chemieindustrie abhängig: Bei weit mehr als 90 Prozent der Industriewaren werden chemische Erzeugnisse als Vorprodukte benötigt.
Bei einem Leerlaufen der Gasspeicher ohne eine weitere Verfügbarkeit von Erdgas in den deutschen Netzen oder im Falle der Abschaltung von Industrieunternehmen wären diese gezwungen, die Produktion zu stoppen. Ohne Gas als Rohstoff und zur Erzeugung der Prozesswärme müssten die Anlagen heruntergefahren werden. Dies hätte auch gravierende Auswirkungen auf die Weiterverarbeiter. Nachgelagerten Wertschöpfungsstufen wie Fein- und Spezialchemie, Düngemittel und Konsumchemikalien fehlen dann die Rohstoffe aus der Basischemie.
Wenn es zum Beispiel ein Pigment-Hersteller nicht schafft, seine Prozesswärme von Erdgas unabhängig zu machen und abgestellt wird, ist womöglich ein Druckfarbenhersteller als Kunde betroffen. Der wiederum kann Druckereien nicht mehr beliefern, die Medikamentenverpackungen oder Tabletten-Blister bedrucken. Denn diese Produkte unterliegen Zulassungsbedingungen, die auch die Verpackung betreffen. Also wäre in der Folge auch ein Pharmahersteller ein Opfer der gerissenen Lieferkette, weil er für seine Medikamente keine Verpackungen mehr bekommt.
Wie stark ist der Südwesten tangiert? Die Grundstoff-Chemie, die mit Erdgas oder Erdöl als Ausgangsrohstoff arbeitet, ist im Südwesten verglichen mit dem Gesamtanteil in Deutschland unterrepräsentiert. Allerdings nutzt zum Beispiel ein großer Standort wie Evonik in Rheinfelden den Rohstoff Erdgas, aus dem in erster Linie Wasserstoff und dann weitere Stoffe hergestellt werden.
Was bedeutet die Lage für das Personal? Die Verbände Chemie Baden-Württemberg vertreten 480 Unternehmen mit 108 000 Beschäftigten – vornehmlich aus dem Pharmabereich, sodann aus den Bereichen Farben/Lacke, Körperpflege und Waschmittel. „Die Unternehmen bereiten sich auf den schlimmsten Fall vor, das gilt besonders für den Einsatz ihrer Mitarbeitenden“, sagt der Hauptgeschäftsführer Björn Sucher. „Wir möchten Kurzarbeit oder gar Entlassungen vermeiden, aber bei der Abschaltung von Unternehmen von der Gasversorgung können solche Folgen nicht ausgeschlossen werden.“
Inwieweit werden alternative Quellen vorbereitet? Eine Substitution bei den Gasimporten ist bei den Rohstoffen aufgrund der weltweiten Lieferengpässe nur sehr eingeschränkt zu leisten. Die Unternehmen in Baden-Württemberg versuchten, Alternativen zu realisieren, wo es möglich sei, stellt der Verband fest. Um geeignete Anlagen kurzfristig auf einen anderen Energieträger wie Heizöl oder Kohle, im Einzelfall auch auf Flüssiggas, umzustellen, müssten jedoch aufwendige Genehmigungsverfahren teils unter Beteiligung der Öffentlichkeit durchgeführt werden. Dies dauere zu lange, wird der enorme Bürokratieaufwand kritisiert. Die Unternehmen müssten jetzt mit den Umstellungsarbeiten beginnen. „Wir brauchen daher eine deutliche Verkürzung der Verfahren“, sagt der Landesvorsitzende des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Martin Haag, unserer Zeitung. „Da ist der Bundesgesetzgeber gefordert“.
Wie könnte die Industrie bei der Gaszuteilung besser gestellt werden? VCI-Präsident Christian Kullmann hatte jüngst den Vorrang privater Gashaushalte in Frage gestellt. Haag argumentiert: „Wir haben derzeit keine Gasmangellage, und wir hoffen, dass wir diese mit Einsparungen und dem Umstieg auf andere Energiequellen vermeiden können.“ Im Ernstfall müsse der Gesetzgeber über die Verteilung entscheiden. „Natürlich hoffen wir, dass gerade unsere Branche weiterhin Erdgas erhalten kann; gerade weil wir am Anfang der Lieferketten stehen, sehen wir sehr viele unserer Betriebe als systemrelevant an – auch in Hinblick auf andere Branchen, etwa Lebensmittelproduktion oder Medizintechnik“, sagt der Werkleiter von Roche Diagnostics in Mannheim.
Der Chef der Chemiegewerkschaft (IG BCE), Michael Vassiliadis, schlägt als Alternative ein Preismodell vor: Erstens sollten den privaten Haushalten eine Grundversorgung und unterschiedliche Preisstufen angeboten werden – damit würde jedem Bürger eine bestimmte Menge Gas garantiert. Doch „diejenigen, die pro Kopf sehr viel mehr verbrauchen als der Durchschnitt, würden das Ganze über den Preis finanzieren“. Es gebe „eine Menge Menschen, die eine Menge Geld verdienen und eine Menge Energie verbrauchen“. Diese sollen sich stärker beteiligen.
Zweitens müsste den sogenannten systemrelevanten Industrien ein Kontingent zugewiesen werden, um ihnen „zumindest den Weiterbetrieb zu ermöglichen“, denn ein Betrieb müsse ja nicht auf Volllast laufen. Die Industrie müsste dann den vollen Preis oder sogar einen Teil mehr zahlen, damit sich das Ganze ausbalanciere, so Vassiliadis.
Die wichtigen Unternehmen zu identifizieren, sei zwar „ein bisschen schwierig“ und werde Streit auslösen. Doch „das müssen wir leisten, sonst greift das Modell, in dem die Industrie gar nicht auf irgendwelche Argumente zurückgreifen kann“, so Vassiliadis. Es brauche ein Verfahren, in dem Privathaushalte und Industrie beteiligt werden. Ein „entweder oder“ dürfe es nicht geben.