Wenn das Kind noch nicht schreiben kann, muss Mutti ran Das Leid mit den Freundebüchern

Von Julia Marre 

Freundebücher sind das analoge Facebook für Kindergartenkinder. Für Mütter bedeuten sie nachmittägliche Hausaufgaben und eine Menge Macht: Wie sollen sie ihr Kind inszenieren?

Immerhin kann das Kind etwas in die Bücher kritzeln. Foto: Julia Marre
Immerhin kann das Kind etwas in die Bücher kritzeln. Foto: Julia Marre

Stuttgart - Es vergeht kaum eine Woche, in der aus dem Kindergartenfach nicht eines dieser Bücher grient: ein Freundschaftsalbum. Ein hungriges Steckbriefbuch, das am Nachmittag mindestens eine halbe Stunde Zeit mampft. Denn mit dem Beginn der Krippenzeit ist die Job­beschreibung für Mütter um eine – nicht unerhebliche – Aufgabe gewachsen: das Ausfüllen von Freundebüchern. Von Müttern. Für Mütter.

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Das Paradoxe an den glitzernden Alben, die kleine Kinder so lieben: Sie sind ein Abziehbild unserer Selbstdarsteller-Ära. Nur mit einem Manko: Hier, im Freundebuch der unter Sechsjährigen, sind es nicht die Darsteller selbst, die sich besonders witzig und klug inszenieren. Es sind die Mütter, die Fremdbilder ihrer analphabetischen Kinder in den schillerndsten Farben zeichnen. Oder zeichnen lassen: Denn das Ausfüllen eines Steckbriefalbums bedeutet immer unfreiwilliges Malen mit dem Kind für einen Kindergarten-Kameraden, der es – auch das noch! – nicht einmal selbst lesen kann.

Im Buch von „Die drei ??? Kids“ wird sogar nach dem Lieblingsdetektiv des Kindes gefragt.

Für Mütter, deren Mitstreiterinnen solche Alben zum Teil schon in der Krippe auslegen wie einen Köder, bedeutet das Ausfüllen Synapsen-Pingpong. Weil es gilt, sich möglichst coole Hobbys für den Nachwuchs auszudenken. Und wenn das Kind nach fünf Minuten mault: „Ich hab’ keine Lust mehr“, ist noch lange nicht Schluss. Denn es muss die krakelige Unterschrift originalgetreu gefälscht werden (klappt bei Rechtshändern übrigens am besten mit links). Dann bitte Kerzen ausmalen für die Lebensjahre – aber nicht zu ordentlich! Und sich humorige Antworten ausdenken. Etwa wenn im „Eiskönigin“-Freundebuch eingetragen werden soll, was man an Eis und Schnee mag. Ähm – gute Frage. Vielleicht Vanille mit bunten Streuseln? Schwieriger wird es im Pferde-Album: Was ist denn die liebste Pferderasse der Dreijährigen?! Im Buch von „Die drei ??? Kids“ wird sogar nach dem Lieblingsdetektiv des Kindes gefragt. Bei all den nichtigen Rubriken ist mitunter nicht mal Platz für das Geburtsdatum. Dann wieder fehlen Adresszeilen, was besonders ärgerlich ist, wenn man kurz vor dem Spieldate die Hausnummer vergessen hat. Dabei könnten die Alben bereits im Kindergartenalter als analoge Informationsträger so praktisch sein.

Sie lesen sich nicht nur wie ein Banalitäten-Kabinett, sondern sind eine Gender-Studie im Schnelldurchlauf

Weitaus entspannter als das Ausfüllen ist das gemeinsame Blättern in den Freundebüchern. Denn sie lesen sich nicht nur wie ein Banalitäten-Kabinett, sondern sind eine Gender-Studie im Schnelldurchlauf. Matilda steht total auf „Bibi und Tina“, Luis auf „Paw Patrol“. Hanna posiert auf dem Foto wie eines von Heidi Klums Möchtegern-Models. Luca mag Baggerfahrer werden. Elias rutscht gerne. Und Lea ist blond. Aha. Zum Glück retten skurril-unterhaltsame Einträge wie die von Viktoria die schleppende Lektüre: Ihre Mutter trägt tatsächlich in jedes Album ein, Viktoria würde gern Barkeeperin werden wollen. Mit vier Jahren! Tom möchte später Eis verkaufen, weil er dann den ganzen Winter freihat. Und Max wird „Ninjago“-Kämpfer. Heute mag der Buchstabensalat für fleischfressende Analphabeten wie Zeitverschwendung erscheinen. Was für ein Fundus die Kindergartenalben sein können, werden Matilda, Luis und Elias wohl erst in einigen Jahrzehnten entdecken. Dann schmunzeln sie über all die einstigen Vorlieben. Besonders über die, die ihre ambitionierten Mütter fabuliert und hinzugeschummelt haben.

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Die schönsten Freundschaftsbücher

„Meine Kindergartenfreunde – Kritzel-Kratzel-Eintragbuch“: Dieses Album bekommt das Prädikat „besonders kreativ“, denn hier können Kinder nicht nur vieles ankreuzen, sondern auch mit einem beiliegenden Stift aus schwarzen Feldern Zeichnungen mit überraschenden Farbeffekten kratzen – ähnlich wie es mit Wachsmalstiften möglich ist. Eine ganz besondere und auch besonders hübsch gestaltete Alternative. Gestaltet von Sara Brezzi, 50 Seiten, Coppenrath Verlag, 12 Euro.

„Mein Kinder Künstler Freundebuch“: Wer nicht die 08/15-Alben mag, sondern gern Scrapbooks gestaltet und Basteln liebt, für den ist dieses Freundebuch genau das Richtige. Kreative Fragen wie „Auf meinen Namen reimt sich“ oder Geständnisse wie „Davon habe ich mal gekotzt“ sowie eine Rubrik zum Durchstreichen machen dieses Album zum Punkkracher in der Schlagerparade anderer Bücher. Neben Seiten für Einzelporträts gibt es Mitmachseiten für alle 39 Freunde. Geeignet ab dem Vorschulalter. Gestaltet vom „Labor Ateliergemeinschaft“, 112 Seiten, Beltz & Gelberg, 9,95 Euro.

„Superfreunde – Das Freundebuch“: Wie viele Milchzähne hast Du schon verloren? Und: Würdest Du für mich eine Spinne fangen? Für Sechs- bis Achtjährige eignet sich dieses Freundebuch mit mehr als nur dem üblichen Frage-Antwort-Spiel. Es gibt etliche Antwortmöglichkeiten zum Ankreuzen und etwas Platz für eigene Zeichnungen. Gestaltet von Inka Vigh, 80 Seiten, EMF Verlag, 8,99 Euro.