Stuttgart - Das Schulabschlusszeugnis war gar nicht schlecht, doch danach war bei Tom die Puste raus. „Und jetzt?“ Auf diese Frage zuckte Tom mit den Schultern. „Mal sehen“, hieß es – oder „Irgendwas mit Medien“. Für die Eltern war das schwer auszuhalten.
Netflixen. Faulenzen
„Chillen nach dem Schulabschluss ist bereits seit vielen Jahren zu einem Massenphänomen geworden“, berichtet Ulrike Bartholomäus, Autorin des Buches „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?“ (Berlin Verlag). Das heißt: ausschlafen, Serien bei Netflix gucken, faulenzen.
Spätestens dann, wenn Gleichaltrige schon Informatik in Hamburg oder Jura in Berlin studieren, wächst bei Eltern die Panik, das eigene Kind könne seinen Weg nicht finden. „Der Leidensdruck dieser Eltern ist immens hoch“, berichtet Bartholomäus.
Abiturienten haben es heute schwerer
Doch so entspannt, wie sie tun, sind die Jugendlichen gar nicht. Olga Rogler (19) kennt die Verzweiflung: „Die meisten von uns, die nach dem Abi bewusst keinem Plan folgen wollten, merkten irgendwann, dass sie doch einen Plan haben wollten“, schreibt sie in ihrem Buch „Jetzt chill ich erst mal und dann mach ich nichts“ (Kösel Verlag). Doch einen solchen Plan zu schmieden, ist eben gar nicht so einfach. „Das alles schlug mir so sehr auf die Stimmung, dass ich eine noch engere Beziehung mit Netflix eingegangen bin.“
Warum sind viele so planlos nach der Schule? Abiturienten haben es heute schwerer, weil sie aufgrund von nur zwölf Schuljahren jünger als früher sind. Bei Jungen fällt außerdem der Wehr- oder Zivildienst weg, der die Entscheidung über den Berufsweg aufschob.
Falsches Bild vom Arbeitsmarkt
Ulrike Bartholomäus nennt einen weiteren Grund: „Die Jugendlichen haben zu viele Möglichkeiten. Viele verschiedene Ausbildungsberufe und 19000 Studiengänge – das können selbst Experten nicht überblicken.“ Dazu kommen extrem hohe Erwartungen. „Ein großer Teil der Eltern leidet unter einer Fehleinschätzung des Arbeitsmarktes und berät die Kinder dementsprechend falsch“, berichtet die Expertin. So hörten Jugendliche oft, dass sie unbedingt Abi machen und am besten studieren sollen.
Ulrike Bartholomäus: „Doch es kann genauso gut oder sogar besser sein, erst mal im Rahmen einer Ausbildung in eine Struktur zu kommen.“ Schließlich suchen Betriebe händeringend Auszubildende, während Studenten ihre Vorlesung wegen überfüllter Hörsäle draußen auf dem Monitor verfolgen müssen.
Keinen Zwang ausüben
Bartholomäus rät allerdings von zu großem Druck ab. „Auf keinen Fall sollten Eltern Zwang ausüben auf die Richtung, die das Kind einschlagen soll. „Es ist wichtig, dem Kind die Wahl zu überlassen.“ Doch sie ist sich auch sicher: „Drei Monate Nichtstun, Party und Snapchat seien von mir aus Jugendlichen gegönnt. Doch dann brauchen sie Input, bevor sie hinter abgedunkelten Gardinen beim starren Blick aufs Handy in ein Loch abrutschen.“ Deshalb können Eltern das Signal geben: „Das ist kein Problem. Du kannst dir eine Auszeit nehmen, aber du musst sie sinnvoll füllen.“
Ein paar Stern abschrauben
Sinnvoll – das heißt für Ulrike Bartholomäus zum Beispiel jobben, selbst finanziert reisen oder ein Praktikum machen. Und wenn sich das Kind nun immer noch nicht bewegt? „Dann können Eltern sich kritisch hinterfragen, ob sie eine Familie oder ein Hotel sind.“ Sprich: ein paar Sterne abschrauben, damit es nicht mehr so bequem ist, zu Hause abzuhängen. Wer im Haushalt Aufgaben übernehmen und Serien und Smartphone selbst finanzieren muss, kommt leichter in die Gänge, sich eine Alternative zu suchen.