Wer sind die 735 Abgeordneten? So divers ist der neue Bundestag

Einige Minderheiten werden in der kommenden Legislaturperiode erstmals im Deutschen Bundestag vertreten sein. Foto: dpa/Michael Kappeler

Weiblicher, jünger, diverser: In den neuen Bundestag kommt eine Menge frischer Wind, für den vor allem SPD und Grüne sorgen. Ein Abbild der deutschen Gesellschaft ist das Parlament allerdings noch immer nicht.

Sport: David Scheu (dsc)

Berlin - Die kommende Regierungskoalition steht noch lange nicht fest, die Zusammensetzung des neuen Bundestags dagegen schon. Ein Blick auf die personellen Veränderungen zeigt: Das Parlament ist um einiges bunter als noch in der vergangenen Legislaturperiode.

 

Wie hoch ist der Frauenanteil?

Es konnte eigentlich nur aufwärtsgehen, nachdem 2017 lediglich 31 Prozent der gewählten Abgeordneten weiblich gewesen waren – so wenige wie nie in den vergangenen beiden Jahrzehnten. Jetzt zeigt die Kurve mit knapp 35 Prozent wieder nach oben, obwohl sich die Frauenanteile innerhalb der Fraktionen kaum verändert haben. Grund für den Anstieg ist der Zugewinn an Sitzen für Grüne und SPD, die schon in den vergangenen Legislaturperioden den Schnitt im Bundestag oft nach oben gezogen haben. Bei den Grünen sind zum Beispiel paritätisch besetzte Landeslisten seit Langem vorgeschrieben, auch dieses Mal nimmt die Partei mit einem Frauenanteil von 58 Prozent wieder den Spitzenplatz ein. Schlusslicht ist die AfD mit 13 Prozent.

Hat sich die Altersstruktur verändert?

Im Durchschnitt sind die Abgeordneten 47,5 Jahre alt – und damit zwei Jahre jünger als noch zu Beginn der vergangenen Legislaturperiode. Der Politiknachwuchs prägt vor allem die Fraktionen von Sozialdemokraten und Grünen, die sich jeweils um vier Jahre verjüngt haben. Bei der SPD stellt die parteieigene Jugendorganisation fast ein Viertel aller Abgeordneten: Insgesamt 49 Mitglieder der Jusos gehören der Fraktion an, die zudem zur Hälfte aus Neueinsteigern besteht. Das jüngste Bundestagsmitglied kommt aber von den Grünen: Die Umweltpolitikerin Emilia Fester wurde im April 1998 geboren und zog über die Hamburger Landesliste ins Parlament ein. Ältester Abgeordneter ist der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland, der im Februar 80 Jahre alt wurde.

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Wer hat ausländische Wurzeln?

83 Abgeordnete haben nach Angaben des Mediendienstes Integration einen Migrationshintergrund. Das heißt, entweder das Bundestagsmitglied selbst oder mindestens ein Elternteil wurde nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren. Damit kommt diese Gruppe auf einen Anteil von gut elf Prozent, was einen Anstieg um drei Prozent bedeutet. 31 Abgeordnete haben einen Bezug zu Ländern der Europäischen Union, 18 sind türkischstämmig. Mehrere SPD-Mandatsträger wurden zudem in Afrika geboren: Karamba Diaby (Senegal) hat das Direktmandat in Halle verteidigt, Armand Zorn (Kamerun) und Sanae Abdi (Marokko) haben es in Frankfurt respektive Köln erstmals gewonnen. Den höchsten Migrationsanteil hat die Fraktion der Linken (28 Prozent), den niedrigsten die der Union, die nur auf knapp fünf Prozent kommt.

Welche Minderheiten sind vertreten?

Mehrere gesellschaftliche Gruppen sind zum ersten Mal überhaupt im Bundestag vertreten. Mit Stephanie Aeffner (Grüne) zieht erstmals eine Frau ins Parlament ein, die einen Rollstuhl nutzt. Sie war zuvor Landesbehindertenbeauftragte in Baden-Württemberg. Eine weitere Premiere stellt die Wahl zweier transgeschlechtlicher Frauen ins Parlament dar: Die Grünen-Politikerinnen Tessa Ganserer aus Nürnberg und Nyke Slawik aus Leverkusen sind zugleich die ersten offen transsexuell lebenden Abgeordneten überhaupt – Christian Schenk (Grüne, später PDS) hatte sich erst nach seiner Zeit im Bundestag als Transmann geoutet.

Nach sechs Jahrzehnten erstmals wieder vertreten ist auch die dänische und friesische Minderheit: Stefan Seidler schaffte den Sprung ins Parlament als Einzelabgeordneter des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW), der von der Fünfprozenthürde ausgenommen ist. Der SSW ist bis heute die einzige anerkannte Minderheitenpartei, die je in den Bundestag eingezogen ist.

Wo besteht noch Nachholbedarf?

Trotz der steigenden Diversität sind weiße Männer im Bundestag im Vergleich zu anderen Gruppen noch immer überrepräsentiert: Die Hälfte der Deutschen ist weiblich, aber nur gut ein Drittel der Abgeordneten. Mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber nur elf Prozent der Parlamentarier. Auch die Berufsgruppen sind nicht gleichermaßen vertreten: Während dem Statistischen Bundesamt zufolge fast 30 Prozent der Deutschen einen Hauptschul- oder Volksschulabschluss haben, wird das Plenum von Akademikern dominiert. Laut Daten des Bundeswahlleiters fallen alleine 532 der 735 Abgeordneten in die Berufsgruppen „Unternehmensführung und -organisation“ sowie „Recht und Verwaltung“.

Handwerksberufe sind dagegen kaum vertreten. Der Abwassermeister Muhanad Al-Halak (32) aus dem niederbayrischen Grafenau, der für die FDP in den Bundestag eingezogen ist, stellt eine der wenigen Ausnahmen dar. Obwohl das Parlament also insgesamt bunter geworden ist, bildet es die deutsche Gesellschaft noch immer nicht in ihrer ganzen Vielfalt ab.

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