Werkstatt für Menschen mit Behinderung Mitarbeiter von Geze und Bauer Gear Motor packen an

Gianfranco Constantino (links), ein Beschäftigter der Werkstatt, erklärt Michael Seubert von Geze seine Arbeit. Foto: Jürgen Bach

Schichtwechsel bei Atrio Leonberg: Im Zuge eines bundesweiten Aktionstags arbeiten Beschäftigte zweier Unternehmen einen Tag in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Digital Desk: Annika Mayer (may)

Es ist ein etwas anderer Arbeitstag für Michael Seubert: Er drückt auf einen grünen Knopf und beobachtet dann durch eine Glasscheibe, wie sich Bohrer in ein längliches Metallstück drehen. Die Maschine, die er bedient, steht in der Atrio-Werkstatt Leonberg-Ramtel für Menschen mit Behinderung. Profile für Gleitschienen an Türen werden an diesem Gerät gefertigt, erklärt Gianfranco Constantino, ein Beschäftigter der Werkstatt. Er schaut Michael Seubert genau über die Schulter.

 

Normalerweise arbeitet dieser bei Geze und leitet dort den Einkauf. Im Zuge der Aktion „Schichtwechsel“ packt Seubert allerdings einen Vormittag in der Werkstatt von Atrio an. Die soziale Einrichtung setzt sich für die Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung ein.

So funktioniert der Schichtwechsel

Bei dem Schichtwechsel handelt es sich um einen bundesweiten Aktionstag. Das Konzept: Menschen mit und ohne Behinderung tauschen einen Tag den Arbeitsplatz. Das soll neue Perspektiven auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben eröffnen und einen Einblick in die Werkstätten bieten – frei von Vorurteilen.

Bei Atrio findet die Aktion in diesem Jahr zum ersten Mal statt. Der Schichtwechsel ist dabei erst einmal nur einseitig: Beschäftigte von Bauer Gear Motor aus Esslingen und Geze aus Leonberg sind zu Gast, beide Firmen sind Kunden der Werkstätten.

Ein Mitarbeiter von Atrio arbeitet jeweils mit einem Besucher zusammen. „Die Beschäftigen zeigen den Gästen, was sie tagtäglich machen. Und dann kommt es zum Schichtwechsel, also dass Mitarbeiter der Unternehmen ins Arbeiten kommen“, erklärt Lisa Heizmann. Sie ist bei Atrio zuständig für den Bereich berufliche Integration. Gemeinsam mit den Mitarbeitern der Werkstatt verpacken die Unternehmensgäste Eckwinkel, bearbeiten Schienen und stellen Taschen für die Bordwerkzeuge für Autos von Porsche zusammen.

Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen

Die Aktion ermöglicht es, dass sich beide Seiten näher kommen, erklärt Lisa Heizmann. „Der Austausch ist extrem wichtig, dass die Beschäftigten auch mit den Kunden in Kontakt kommen.“

Aber der Aktionstag hat noch eine andere Dimension: „Er soll sichtbar machen, wie wichtig es ist, dass Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes mit Werkstätten kooperieren und ihnen Möglichkeiten bieten, Arbeiten zu übernehmen“, erklärt Heizmann. Die Werkstätten seien wichtig für Personen, die es nicht auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schaffen. Um das Angebot zu finanzieren, braucht es Aufträge von Betrieben, sagt Heizmann. Gleichzeitig sind Kooperationen mit Unternehmen von Bedeutung, um den Beschäftigten vielfältige Möglichkeiten anbieten zu können und ihnen eine selbstbestimmte Berufswahl zu ermöglichen.

Atrio kooperiert mit Geze

Geze ist seit Jahrzehnten Kunde der Atrio-Werkstätten: Dort werden Tür- und Fensterbeschläge für die Firma gefertigt. Atrio gehöre zu einem ihrer größten Lieferanten, erklärt Michael Seubert. „Es war an der Zeit, sie mal zu besuchen“, sagt er. „Atrio macht große Umfänge für uns.“ Die Arbeit in die Hände der Organisation zu geben, sei auch ein wichtiger Aspekt mit Blick auf das soziale Engagement des Unternehmens.

Zusammen mit Gianfranco Constantino hat Michael Seubert schon gut 200 Profile bearbeitet. Dass der Kunde der Werkstatt mal über die Schulter der Beschäftigten schaut, findet Constantino super. Der Geze-Mitarbeiter stelle sich auch gut an, erzählt er. „Wir hatten aber schon einen Maschinenstillstand“, sagt Seubert mit einem Lachen.

Aber nicht nur Unternehmen sind für den Aktionstag in die Werkstatt gekommen. Rosemarie Ilg, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Leonberg-Nord, arbeitet ebenfalls mit. Gemeinsam mit Dilek, einer Beschäftigten von Atrio, packt sie Taschen für die Porsche-Bordwerkzeuge. „Sie macht das alles richtig“, lobt Dilek die Pfarrerin. Auch ihr gefällt der Schichtwechsel. „Es macht Spaß, zusammen zu arbeiten.“

Wo kann die Kirche einen Beitrag leisten?

Atrio gehört zu Rosemarie Ilgs Gemeindegebiet, zwischen Kirche und der sozialen Organisation bestehen viele Kontakte, erzählt sie. Der Arbeitstag in der Werkstatt ist für sie eine Horizonterweiterung. „Es ist eine neue Erfahrung, was es für Arbeitsmöglichkeiten mit Blick auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung gibt.“ Von diesem Tag in der Werkstatt nehme sie Ideen und Fragen mit. Wo können Menschen mit Behinderung eingesetzt werden? Und wo können Kirchen Beiträge leisten? „Ich hoffe, dass das etwas bewegt und ich das in der Kirche einbringen kann“, meint Ilg.

Lisa Heizmann zeigt sich mit dem Schichtwechsel in der Werkstatt sehr zufrieden: „Es ist toll, wenn zwei Welten, die eigentlich nicht zwei Welten sein sollten, zusammen kommen.“ Und bei Geze sollen diese Welten auch noch einmal aufeinander treffen. „Wir werden einen Gegenbesuch anregen“, sagt Michael Seubert.

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