Selbstbewusstsein hatte der Filmregisseur Werner Herzog schon immer. „Meine Stimme ist begehrt!“, sagt er. Vor allem in den USA. Jenes schwere, ein wenig theatralische, vor allem aber von bayrischen Obertönen durchbrochene Amerikanisch, das Herzog spricht, ist eine Marke in den Vereinigten Staaten.
Der Filmemacher ist eine Kultfigur als Synchronsprecher, lieh dreimal einer Figur der Serie „The Simpsons“ die Stimme, ist auch in der Animationsserie „Ricky and Morty“ zu hören. Und er hat seinen Auftritt in „The Mandalorian“, einer Serie aus dem „Star Wars“-Universum. Dort spielt er den mysteriösen Auftraggeber eines Kopfgeldjägers auf der Suche nach dem „Baby Yoda“ Grogu. Er sitzt in einem stählernen Bunker, umringt von bewaffneten Soldaten, und sagt in scharfem Ton: „Don’t you agree?“ Das muss ein Bösewicht sein, unbedingt.
Derselbe Mann sitzt am Mittwochabend auf dem Podium im großen Saal des Literaturarchivs Marbach, gesteht: „Ich habe noch nie einen ‚Star Wars‘-Film zu Ende gesehen.“ Herzog zitiert lieber Hölderlin. Der Dichter, der die Hälfte seines Lebens wahnsinnig im Tübinger Turm verbrachte, gehört neben Heinrich von Kleist und Georg Büchner zu Werner Herzogs Heiligen der deutschen Literatur.
Herzog, 81, ist nach Marbach gekommen, um seine Memoiren vorzustellen, im Gespräch mit Sandra Richter, der Leiterin des Deutschen Literaturarchivs. „Jeder für sich und Gott gegen alle“ hat er diese Erinnerungen genannt – ganz wie den Film, den er 1974 über das Leben von Kaspar Hauser drehte.
Notizen von einem Fußmarsch nach Paris
Seine Schriften besitzen für Werner Herzog heute größeres Gewicht als seine Filme, daran lässt er keinen Zweifel. Er liest aus seinen Memoiren, aus seinem 2021 erschienenen Roman „Das Dämmern der Welt“, der von Onoda Hirō erzählt, einem japanischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, der bis 1974 auf einer pazifischen Insel ausharrte und an das Ende des Kriegs nicht glauben wollte.
Herzog liest auch aus „Die Eroberung des Nutzlosen“, seinem Tagebuch der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ und aus „Vom Gehen im Eis“, den Notizen, die er anfertigte, während er 1974 zu Fuß von München nach Paris ging, um dort die sterbende Filmhistorikern Lotte Eisner zu besuchen.
Er ergreift Partei für Außenseiter
„Vom Gehen im Eis“ ist für Sandra Richter „eine Art eigene Literatur und begründet eine Literatur, die aus dem Wandern stammt“. Werner Herzog selbst sieht sich dabei in der Tradition von Hölderlin, Robert Walser und dem Barockdichter Quirinus Kuhlmann, der durch ganz Europa zog, um seine private Religion zu verbreiten: „Seine Sprache war völlig wahnsinnig und ekstatisch.“
Wie in seinen Filmen ergreift Herzog auch als Autor die Partei der Außenseiter, der Vergessenen, Besessenen, die von seltsamen Energien angetrieben durch die Welt irren. Er selbst reiht sich vorzüglich ein in diese Gesellschaft. Er erzählt, wie er auf dem Weg nach Paris einmal ohne Unterbrechung mehr als 80 Kilometer ging, Tag und Nacht in Folge, wie er sich der Natur aussetzte, in regenumtosten Bushaltestellen seine Notizen kritzelte, in einen Rauschzustand geriet, losgelöst von allen Lebenswelten, und seine Sprache begann, sich aufzulösen, wie jene in Hölderlins späten Texten.
Hölderlin und Kuhlmann sind für Werner Herzog Dichter, die über die Grenzen der deutschen Sprache hinausgingen. Bei Hölderlin will er sich nicht wirklich entscheiden, zwischen den noch konsistent ausformulierten Gedichten und den späten Hymnen – „bei diesen unvollständigen Sachen“, sagt er, „gibt es immer diesen Stich ins Herz, weil ich weiß, hier ist er dem Wahnsinn nahe und hält ihn irgendwie noch auf“.
Werner Herzog lebt heute in den USA. Seine Frau Lena Herzog wuchs russischsprachig auf – „wir sprechen Englisch untereinander. Deshalb hat es in 29 Jahren unseres Zusammenlebens nie ein böses Wort gegeben.“ In einer fremden Sprache, sagt Herzog, drücke man sich vorsichtiger aus – „aber gleichzeitig geht auch etwas verloren“. Wiederentdeckt hat er die deutsche Sprache erst durch Elisabeth Edls Flaubert-Übersetzungen – „das so wunderbar übersetzt und ist ein so außergewöhnliches Deutsch“.
„Ein Strudel an Worten“
In Werner Herzogs Kopf kreist Sprache, jahrzehntelang. Wörter wie „Windsbraut“ verfolgen ihn: „Es ist ein Strudel an Worten, der mich nicht loslässt, ehe ich ihn niederschreibe.“ Zwei Bücher führt Herzog auf all seinen Reisen mit sich: Eine fotomechanische Reproduktion des biblischen Buchs Hiob in Luthers Übersetzung und „Der Zweite Punische Krieg“ von Titus Livius in einer Reclam-Ausgabe.
Und den Filmstudenten der Gegenwart ruft Werner Herzog leidenschaftlich zu: „Lest! – Ihr werdet vermutlich trotzdem Filmregisseure werden oder im Filmmetier arbeiten, aber ihr werdet im besten Fall mittelmäßige Sachen machen. Wenn ihr wirklich gute Sachen machen wollt, dann müsst ihr lesen.“