Heiß ist es. Selbst auf dem malerischsten Pfad freut man sich da über schattige Abschnitte. Also geht man – ein hübsches, leicht ansteigendes Waldstück auskostend – fast automatisch gemächlicher. Es ist friedlich, bis auf Vogelgezwitscher und Insektengebrumm ist es still. Verkehrsgeräusche? Fehlanzeige.
„Ich mag diese Tour außerordentlich“, erklärt Werner Sippel zu seinem Routenvorschlag vom Weiler Jettenbach – zu Beilstein gehörend – nach Klingen hinauf, nach Maad und zurück, durch die pure Landschaftsidylle. Eine richtige Perle sei diese Strecke, sagt der Benninger. Er kann das beurteilen: Der agile Ruheständler beschreibt Wandertouren. Mehrere Bücher sind von ihm schon erschienen, unter anderem im Kompass-Verlag; zudem schreibt er Wandertipps für diese Zeitung. Den Kreis Ludwigsburg, den Großraum Stuttgart, den Schwäbisch-Fränkischen Wald: Sippel kennt sie besser als die meisten. Rund 130 Touren hat er schon so appetitlich aufbereitet, dass andere es ihm mit Genuss nachtun können.
Warum Sippel empfohlen hat, für diese Wanderung ein bisschen in die Ferne zu schweifen, also die Kreisgrenze zu überschreiten? „Sie ist einfach unglaublich reizvoll und noch nicht so bekannt“, begründet er. Und sie bietet genau das, womit eine interessante Runde aus Sicht eines Routenplaners aufwarten sollte: Abwechslung in der Landschaft und Aussichtsreichtum. „Dass man in die Ferne sehen kann, dass sich der Blick weitet: Das ist eine Wohltat“, findet er. „Das ist es ja zum Beispiel auch, was das Gebirge faszinierend macht. Wenn sich die Bergwelt unter und vor einem auftut.“ Für seine Touren sucht er deshalb Strecken aus, die sich nicht zu viel im Wald abspielen.
Sippel, der früher Marketingverantwortlicher in einem Möglinger Unternehmen war, wurde eher aus Zufall zum Routen-Poeten. „Als wir in den 70er Jahren unser erstes Auto hatten und Tagesausflüge in die Gegend unternommen haben, haben wir uns Wanderführer zugelegt“, erinnert er sich. Die seien teils recht old fashioned gewesen – aus der Zeit gefallen, die Texte nüchtern, wenig süffig aufbereitet. „Aber zu beschreiben, was man sieht, das macht doch eine Wanderung aus“, findet er. Sippel startete also ein Gegenprogramm: Er arbeitete Touren aus und stieß damit auf Interesse, zunächst beim Kompass-Verlag. „Warum gehen wir einen Weg? Was liegt oder steht am Wegesrand? Was ist interessant? Das sollte eine Tourenbeschreibung doch vermitteln!“, findet er. „Reizvoll soll eine Tour sein und attraktiv. Da muss man in der Beschreibung einfangen.“ Die Texte müssten aber auch so eindeutig wie möglich sein. „Nichts ist schlimmer als wenn der Wanderer sich fragt: Stimmt das jetzt, wie ich gelaufen bin?“
Seit mehr als einem Jahrzehnt ist er deshalb auf Schusters Rappen in der Gegend unterwegs, notiert sich Strecken, Abzweigungen, Denkwürdiges und Wissenswertes, fotografiert, packt all das in unterhaltsame Kurztexte und garniert es mit Hinweisen auf Grill- oder Spielplätze und Einkehr-Tipps.
In der Gastronomie hat sich innerhalb weniger Jahre allerdings vieles verändert. Das merkt Sippel, wenn er für neue Auflagen seiner Bücher nochmal die Gegebenheiten checkt oder die Wege erneut abwandert. Da sind immer wieder Pächterwechsel, aber auch immer mehr endgültige Schließungen. „Das sind oft ältere Wirtschaften mit älteren Eigentümern oder Pächtern, für die sich keine Nachfolge mehr findet“, sagt Sippel beim Gehen nachdenklich, während nur das Klopfen eines Spechts die Stille zerteilt. „Es waren teils wunderschöne alte Gaststätten, die jetzt für immer zu sind.“ Auch der Flächenfraß geht nicht unbemerkt an ihm vorbei.
Wasserbüffel, Milane, Insektengebrumm – die pure Idylle
Bei der heutigen Wanderung, die an der alten Kelter am Fuße von Jettenbach beginnt und nach etwa zweieinhalb Stunden dort auch wieder endet, ist viel zu sehen. Es ist eine leichte Tour, knapp sieben Kilometer lang, die sich fast nur auf befestigten Wegen und mit Höhenunterschieden von überschaubaren 200 Metern abspielt. Nach dem ersten längeren Anstieg, an einem Bänklein angekommen, an dem erst mal reichlich dem mitgebrachten Wasser zugesprochen wird, gibt’s zum Beispiel schon mal einen fantastischen Blick übers Schmidbachtal auf den Forstberg bei Oberstenfeld, der mit seinem charakteristischen Schopf in die Höhe ragt.
Etwas weiter geht es dann das Klingenbachtal entlang, durch den kleinen Weiler Klingen, wo man grasende Wasserbüffel bestaunen kann. Nach einem weiteren Anstieg macht der Weg im Wald eine Kehre. Wiesen, Blühstreifen, gestapeltes Holz am Wegesrand, zwei kreisende Milane – und dann eröffnet sich eine neue wunderbare Aussicht: Am Horizont lassen sich Heilbronn, Neckarsulm und der Katzenbuckel erspähen, die mit 626 Metern höchste Erhebung im Odenwald.
Wenn Sippel unterwegs ist – mit seiner Frau oder Freunden – hat er meist eine Karte dabei. Er steht nicht so auf Handy-Navigation und kann lustige Begegnungen mit Menschen schildern, die mit Smartphone umherirren und ihn fragen, wo sie eigentlich gerade sind. „Eine Karte braucht kein Netz“, meint er, „und ich möchte auch etwas mehr sehen als den Ausschnitt der Tour.“ Auch auf der Karte hat er gern den Blick fürs Ganze.
Dass Corona der Wiederentdeckung der heimischen Umgebung einen Schub gegeben hat, das freut Werner Sippel. „Beim Wandern sehen wir einen Teil unseres Lebensraumes“, sagt er am Ende der Tour, als man verschwitzt wieder an der Kelter steht. „Und den kann man nicht genug wertschätzen.“