Stuttgart - Der Aufzugstestturm ist ein Besuchermagnet. Alle wollen rauf auf die 232 Meter hohe Plattform, um im württembergischen Hügelland den Berliner Fernsehturm zu übertrumpfen, dessen Besucherebene 29 Meter niedriger ist: In Rottweil kann die Provinz der Hauptstadt auf den Kopf spucken. Gerne zeigen sich die bislang 230 000 Besucher, weit mehr als erwartet, mit dem Riesen im Netz – der Turm ist ein Instagram-Liebling.
Die 246 Meter hohe Nadel ist eine Landmarke, von der man bei guter Sicht bis zu den Alpen blicken kann, und ein Wunderwerk der Ingenieurbaukunst. Der Stuttgarter Architekt und Ingenieur Werner Sobek hat um den Betonkern, in dem Thyssen Krupp die vertikale Mobilität mit einer neuen Aufzugtechnik in die Zukunft führt, eine textile Membran geschlungen – wie ein Tuch aus Tüll, das der als mächtiger Fremdkörper aus der Landschaft aufragenden Trägerin Charakter und Eleganz verleiht. Diese um eine spiralförmige Wendel gespannte, nach oben hin transparenter werdende Glasfaser-Fassade, von Sobek selbst gern als „Negligé“ tituliert, ist kein Tamtam, sondern pure ingenieurtechnische Funktion: Sie zerlegt die Windkräfte, dämpft so sturmbedingte Schwingungen und schützt den Turm vor zuviel Sonne. Zudem kann ein 200 Tonnen schweres Pendel das Bauwerk zu Testzwecken aktiv in Schwingung versetzen.
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Der Rottweil-Tower ist innovative Ingenieurbaukunst zum Anfassen – genau deshalb hat der Ingenieur Sobek, der das Projekt zudem auch als Architekt, gemeinsam mit Helmut Jahn, verantwortet, am Dienstagabend in der Staatsgalerie den Deutschen Ingenieurbaupreis 2018 verliehen bekommen. Der Staatspreis, der vom Bundesbauministerium und der Bundesingenieurkammer vergeben wird, ist die bedeutendste Auszeichnung für Bauingenieure im Land.
Botschafter für herausragende Ingenieurbaukunst
Die Jury unter dem Vorsitz von Annette Bögle von der Hafen City Universität Hamburg hat den Gewinner unter zwanzig eingereichten Arbeiten einstimmig gewählt. Hans-Ullrich Kammeyer, Präsident der Bundesingenieurkammer, machte beim Festakt in der Staatsgalerie keinen Hehl daraus, dass man sich in Zukunft gerne mehr Bewerbungen für den noch jungen Preis wünsche. Die Auszeichnung wurde erst vor zwei Jahren aus der Taufe gehoben, um die Ingenieurleistungen des Landes stärker in die Öffentlichkeit zu tragen; sie soll das Image der Ingenieure aufpeppen, die sich von den gern als Entwurfsgenies wahrgenommenen Architekten allzu oft in den Schatten gestellt sehen.
Erst wenn sich Schönheit mit Funktion verbinde, entstehe Baukultur, machte Stephan Engelsmann, Präsident der Ingenieurkammer Baden-Württemberg, in seinem Festvortrag deutlich; eben diese Paarung von „Gestalt und Konstruktion“ weise der Turm in vollendeter Weise auf, so die Juryvorsitzende Bögle.
Für diese Sorte Baukultur ist Werner Sobek der ideale Botschafter. Man kann ihn getrost einen Weltstar des Bauwesens nennen. Beim Rottweiler Turm wie auch bei seinen übrigen unzähligen Projekten, darunter etwa der Flughafen von Bangkok, das Sony Center in Berlin oder das Mercedes-Museum, verbindet er High-Tech, Design, Architektur und Ökologie. Der gebürtige Aalener ist ein Pionier, der bei Materialien, Tragwerken, Fassaden in bislang unentdeckte Regionen vordringt, ein Revoluzzer, der auf das Bestehende pfeift und es anders macht – damit es besser wird. Und besser heißt für ihn: verträglich für den Planeten. Sobek berechnet und konstruiert Bauten, die Energie sparen oder am besten selber welche produzieren, keinen Müll erzeugen und das Klima schützen.
Dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet
Mit seinem eigenen Wohnhaus R 128 hat er ein energetisch autarkes, emissionsfreies und komplett recycelbares Familienheim geschaffen; in die Weißenhofsiedlung setzte er mit dem B 10 das erste Aktivhaus der Welt, das doppelt so viel Energie produziert, als es verbraucht; ein Konzept in Modularbauweise, das er in Winnenden zur Wohnsiedlung ausweitete. Dass er sein Wissen und seine Erfahrung als Lehrender an die nachfolgenden Generationen weitergibt, ist im Sinne des von ihm zum Berufscredo erhobenen Prinzips der Nachhaltigkeit nur konsequent.
Der Name Sobek, den der Baustaatssekretär Gunter Adler aus dem Altägyptischen mit der Bedeutung „Schöpfergott“ herleitete und damit den Saal zum Schmunzeln brachte, ist sicher eines der bekanntesten Synonyme für herausragende Ingenieurskunst made in Germany – er ist freilich nicht der einzige. Das ist auch an den sechs weiteren prämierten Projekten ablesbar. Jeweils eine Auszeichnung ging an Schlaich Bergermann Partner, ebenfalls aus Stuttgart, für die feine Autobahnbrücke „Rotes Steigle“, die zwischen dem Kreuz Stuttgart und Leonberg-Ost die A8 quert, sowie an das Köngener Büro Furche Geiger Zimmermann für die Geislinger Salzlagerhalle, welche die Baustoffe Holz und Stahlbeton so form- wie zweckvollendet kombiniert. Hinzu kommen vier Anerkennungen.
„Die beste Zeit der Ingenieure kommt erst noch“, sagte der Festredner Stephan Engelsmann. Die Herausforderungen, die sich durch Klimaschutz und Ressourcenschonung an die Ingenieure ergeben, könnten sie auf die ersehnte Augenhöhe mit den Architekten bringen – und sie vielleicht sogar noch darüber hinaus erheben.