Westerndarsteller aus Nürtingen Der Wilde Westen vor der Haustür

Im vereinseigenen Saloon stoßen Steffen Alber (links) und Wilfried Glässing auf das Jubiläumsjahr an. Foto: Roberto Bulgrin

Seit 50 Jahren treffen sich Cowboys, Trapper und Indianer in Nürtingen. Herzstück des Vereinsgeländes der Frontiers ist der urige Saloon. Besucher fühlen sich dort wie im Westernfilm – nur scharf geschossen wird nicht.

Region: Corinna Meinke (com)

Manche Abenteuer beginnen direkt vor der Haustür. So wie bei den Nürtinger Frontiers zum Beispiel. Die 50 Mitglieder des Westernvereins mit dem sperrigen Namen „Interessengemeinschaft für europäisch-amerikanisch historische Darstellung“ gehen gemeinsam seit 50 Jahren auf Zeitreise, wenn sie sich als Trapper, Soldaten, Cowboys oder Siedler an der Steinach treffen.

 

Gäste aus der Schweiz und aus Frankreich

Der Wilde Westen muss dort auf einen Hektar Land passen. Platz genug für eine Ranch samt urigem Saloon, eine Schmiede und eine Wiese, auf der beim obligaten Sommercamp diesmal mehr als 50 Zelte und Tipis Westernflair ins Schwabenland getragen haben. Zum Vereinsjubiläum hatten sich auch Gäste aus dem ganzen Bundesgebiet, der Schweiz und aus Frankreich eingefunden, berichtet Vorstandsmitglied Steffen Alber, der gerne als Militärdarsteller auftritt. „Wir sind im positiven Sinn ein bisschen Kind geblieben“, beschreibt er das Hobby.

Alber kennt sich aus mit Uniformen, mal schlüpft er in den Galadress eines Offiziers um 1880, mal posiert er in der weißen Sommeruniform eines US Dragoners aus der Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts oder im typischen blauen Hemd der Troopers von 1883 mit den auffälligen, gelben Paspeln an Ärmel, Kragen und Brusttaschen. Die Liebe für den Wilden Westen ist bei dem Filderstädter, der als Geschäftsführer in einem Karosseriebaubetrieb arbeitet, in der Kindheit entbrannt. Gebannt habe er damals gemeinsam mit den Eltern die US-Serie „Fackeln im Sturm“, ein Drama zur Zeit des amerikanischen Sezessionskriegs (1861-1865), verfolgt.

Ein Leben ohne Uhr und Technik

Andere Mitglieder sind quasi in die Szene hineingeboren worden. Wie beispielsweise Sabrina Haberecht aus Augsburg, deren Familie schon seit Jahrzehnten vom Western-Virus befallen ist. Als sich ihr Augsburger Verein auflöste, hat sie sich mit Partner Sebastian Binde dem Nürtinger Patenverein angeschlossen. „Wir können hier zwei Wochen lang abschalten ohne Blick auf die Uhr und ohne Technik“, sind sich die beiden Maschinenbautechniker über den Reiz des einfachen Lebens einig. Sogar das Handy bleibe aus. Das seien die Vorteile eines Urlaubs nach dem Motto „Back to the roots“, der ein familiäres Gemeinschaftsgefühl biete.

„Die Kinder lernen hier das Feuermachen und wie man mit der Axt umgeht, dazu haben sie sonst heute kaum noch Gelegenheit,“ erklärt Sabrina und zeigt auf den Feuerrost am Boden, auf dem die gusseiserne Pfanne steht. Das Paar stellt bei den Treffen Lakotaindianer dar, die zur Stammesgruppe der Sioux zählen. Während der zurückliegenden Hitzeperiode war Partner Sebastian mit seinem Lendenschurz eindeutig im Vorteil, während Sabrina die Wahl zwischen einem Baumwoll- und einem Lederkleid hatte.

Und damit die Inszenierung stimmt, haben sich die beiden vor der Wahl der Kleidung schlau gemacht: „Man kann nicht irgendwelche Perlen auf die Kleidung sticken. Schwarze Perlen gab es damals zum Beispiel noch gar nicht“, erklärt die Teilzeitindianerin das komplexe Thema. Nähen gehört auch bei Wilfried Glässing zu den Grundfertigkeiten. Vor allem seine Hemden habe er sich mit Hilfe der Nähmaschine selbst geschneidert, erzählt der Nürtinger, der stolzer Darsteller eines Postens der Hudson’s Bay Company ist. Das 1670 in Kanada gegründete Unternehmen kontrollierte einige Jahrhunderte lang den Pelzhandel in Nordamerika und existiert bis zum heutigen Tag. Wie Glässing berichtet, war dieser Handel bereits global ausgerichtet: „Die Biberfelle gingen nach Russland. Dort wurden die Haare gezupft und danach in England gefilzt.“ Der besonders dichte und weiche Biberfilz gilt bis heute als wertvoller Rohstoff für die Herstellung besonders hochwertiger Hüte. Glässing, der im Brotberuf Wassermeister bei der Kommune Nürtingen ist, geht in seiner Rolle als englischer Gentleman auf. Gastfreundlich führt er sein Wohnzelt vor, in dem er morgens englisches Frühstück auf dem Holzherd zubereitet und die kostbaren Hüte in einem Netz über dem selbst gezimmerten Bett lagert.

Verblüffender Stacheldraht

Beim Rundgang durch das Westernlager wirbelt auch die neunjährige Lea herum. Weil sie Röcke ablehnt, hat sie sich die Rolle als Piratin ausgesucht, berichtet ihr Vater Steffen Alber, während sich der 14-jährige Sohn für das kleine familieneigene Militärcamp samt Sandsäcken und Kanone begeistert. Viele Lacher erntet die Stacheldrahtumzäunung, die gar nicht gefährlich ist, da aus weichem Gummiband gefertigt.

Als Fachmann beim Thema Waffen und Schwarzpulver erweist sich der Steinmetz Thomas Vogel aus Schorndorf, der sein Perkussionsgewehr im Schützenverein einsetzt. Zum Wilden Westen kam er über seinen Schwiegervater Thilo Jakobi. Dieser begeistert sich bereits seit 1988 für das Rollenspiel.

Früher wurden auch Bahnüberfälle gespielt

Frontiers
 Der Name des Vereins geht auf den Begriff „Frontier“ zurück, der bei der Besiedlung Nordamerikas die Grenze zwischen den ersten europäischen Siedlungen und der unberührten Natur beschreibt.

Mission Der Verein stellt typische Vertreter und deren Lebensbedingungen im 18. und 19. Jahrhundert dar. Schwerpunkt ist die Spanne von der Anfangszeit der Texasranger 1830 bis 1890, dem Ende der Indianerkriege inklusive des amerikanischen Sezessionskriegs. Im Fokus stehen die Einflüsse deutscher Auswanderer.

Aktivitäten
 Die Mitglieder treffen sich zu Ranch- und thematischen Stammtischabenden auf ihrem Gelände und besuchen Western- und Indianertreffen. Bis 1995 war der Verein bekannt für seine gespielten Überfälle auf die Dampfbahn, die auf der benachbarten Strecke der Tälesbahn verkehrte. An die provisorische Haltestelle erinnert heute ein Schild in der Ranch.

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