Wie aus der Schule auf dem Goldberg die Adolf-Hitler-Schule wurde Ein lehrreiches Stück Lokalgeschichte zur Gleichschaltung

Im Bild festgehalten: Die „Adolf-Hitler-Schule 1933“, gemalt von Fritz Steisslinger. Aufgezogen wurde die schwarz-weiß-rote Flagge des Kaiserreichs, dahinter weht die Flagge mit Hakenkreuz. Foto: Städtische Galerie Böblingen/Sammlung Steisslinger

Heute vor 90 Jahren, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933, benennt der NSDAP-Kreisleiter die Goldberg-Schule kurzerhand und eigenmächtig um: Auf diese Weise entstand in Sindelfingen die erste „Adolf-Hitler-Schule“ in ganz Württemberg – womöglich sogar Deutschlands.

Auf den Tag genau 90 Jahre ist es her. Da wurde aus der höheren Bezirksschule im Kreis Böblingen auf dem Goldberg die „Adolf-Hitler-Schule“. Es war die erste Schule in ganz Württemberg, die auf diesen Namen hörte – ein schnelles Zeugnis der Machtergreifung und die Ankündigung des heraufziehenden Unheils.

 

Als lehrendes Vorbild für viele Schülergenerationen kam Robert Kieser 1931 an die Schule, die 1929 als Zusammenschluss der Realschulen von Böblingen und Sindelfingen gegründet worden war – und heute das Goldberg-Gymnasium ist. An den 21. April 1933 konnte sich die Lehrerlegende auch Jahrzehnte später noch genau erinnern. An diesem Tag soll ein Anbau eingeweiht werden, eigentlich keine große Sache. Was dann tatsächlich passiert, wird eine bittere Premiere in Württemberg.

In seiner Ansprache versichert Schulleiter Dr. Hermann Kissling den Zuhörern, „dass Anstaltsleitung und Lehrerschaft ihr Äußerstes tun werden, die ihr anvertraute Jugend im Sinne des Wollens der nationalen Regierung zu erziehen“, anschließend stimmen die Anwesenden die erste Strophe des Deutschlandliedes und das „Horst-Wessel-Lied“ an. Bis dahin verläuft Kiesers Aufzeichnungen zufolge alles nach Standard.

An Führers Geburtstag ist schulfrei – daher folgt die Umbenennung einen Tag später

Aber dann ergreift zur allgemeinen Überraschung Studienrat und NSDAP-Kreisleiter Max Luib das Wort und verkündet, dass die Schule ab jetzt „Adolf-Hitler-Schule“ heißt – als erste in Württemberg, vermutlich in ganz Deutschland. Eigentlich hätte er die Umbenennung am 20. April, „Führers Geburtstag“, für geeigneter gehalten. Aber da hatte es zu Ehren Hitlers schulfrei gegeben.

Der Landrat knickt ein – die Namensbestätigung ist nur noch Formsache

Träger der Schule und damit legitimer Namensgeber ist eigentlich der Bezirk (heute Landkreis) Böblingen, der liberale Landrat Karl Heinrich Rüdiger ist der Intimfeind des Kreisleiters. Am 2. Juni fordert Luib, eher Demütigung als Antrag, vom Landrat die formelle Anerkennung des neuen Schulnamens. Rüdiger fragt, fast unterwürfig, zurück: „Ich meine gelesen zu haben, dass der Herr Reichskanzler von den Parteigenossen verlangt, vorher seine Zustimmung für eine derartige Ehrung einzuholen. Soll ich eine solche Zustimmung einholen oder hält die Parteileitung eine solche nicht für nötig?“ Der Landrat erhält keine Antwort, und auch die zweite zuständige Behörde knickt ein: Theodor Bracher, liberal-konservativer Chef der Ministerialabteilung im württembergischen Kultministerium, bestätigt am 10. Juli formell und offensichtlich nicht begeistert, was faktisch längst entschieden ist: Das Rektorat benutzt den neuen Namen schließlich schon seit dem 21. April.

Aus der taumelnden Republik wird eine brutale Diktatur

Der Vorgang zeigt, wer inzwischen das alleinige Sagen hat. Anfang März ist die demokratisch gewählte Regierung in Stuttgart durch Hitlers Gefolgsleute abgelöst worden, am 23. März hat der Reichstag der Naziregierung mit dem Ermächtigungsgesetz einen Blankoscheck ausgestellt, die demokratischen Parteien sind in Auflösung begriffen, die Hitlergegner in der Region sind eingeschüchtert oder auf Anweisung von Luib ins KZ Heuberg verschleppt worden. In nicht einmal drei Monaten ist aus der taumelnden Republik eine brutale Diktatur geworden. Unter den neuen Machtverhältnissen kann der Provinzdiktator eine staatliche Schule eigenhändig umbenennen, ohne die zuständigen Stellen um Rat oder gar Genehmigung zu fragen.

NSDAP-Kreisleiter kann Lehrer eigenmächtig ins KZ schicken oder mit Berufsverbot belegen

Luib verwüstet die Schule auch innerlich. Der Großteil der Lehrer ist inzwischen Mitglied im NS-Lehrerbund und/oder der SA; Robert Kieser hat noch lange im Ohr gehabt, wie Max Luib im Lehrerzimmer tönte: „I sorg‘ dafür, dass die junge Kollege, die bisher gfaulenz hent, alle in d’ SA neikommet!“ Das ist keine ganz hohle Drohung, schließlich kann Luib in seiner zusätzlichen Funktion als Sonderkommissar für Böblingen und Leonberg freihändig über die Verschleppung ins KZ verfügen; und zusätzlich droht das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April all denen mit Entlassung, die „nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten“. Das wirkt, im Kollegium gibt es allenfalls vorsichtige Distanz zum NS-Regime, und das auch nur von Wenigen.

Die Saat des Nationalstolzes wird zur Zeit Kaiser Wilhelm II gelegt

Völlig von ungefähr kommt diese Entwicklung nicht. Die höheren Schulen hatten schon in der Weimarer Republik dem Kaiserreich nachgetrauert, zum Beispiel hatte der (eigentlich liberale) Sindelfinger Schulleiter Dr. Mögling bei einer Schulveranstaltung im Jahr 1924 seinen Schülern dies erzählt: „Es war eine Glanzzeit, diese Zeit vor 1914. Man konnte stolz sein auf sein Vaterland, auf sein Deutschsein. Dann kam die Revolution von 1918. Was hoch und heilig gegolten, wurde für nichts erachtet und weggeworfen.“ Und dennoch, andere Stimmen waren damals an den Schulen zwar in der Minderheit, aber nicht verboten. Jetzt haben Max Luib und seine „Parteigenossen“ sie zum Schweigen gebracht. Gegenwind bekommt Luib bezeichnenderweise nur aus den eigenen Reihen.

Am 1. September erklärt Reichsinnenminister Wilhelm Frick (NSDAP), dass für eine Benennung in „Adolf-Hitler-Schule“ die ausdrückliche Zustimmung Hitlers erforderlich ist, überhaupt sei in dieser Frage „größte Zurückhaltung am Platze“. Theodor Bracher im Kultministerium wittert Morgenluft und möchte wissen, ob (und wenn ja: warum) „die Umbenennung aufrechterhalten werden soll“. Max Luib sitzt ein bisschen in der Klemme, befreit sich aber durch die Flucht nach vorn: „Warum soll die Bezeichnung nicht aufrechterhalten werden, wenn die Schule den Namen des Lehrers der Deutschen trägt“? Und so behält die Schule den Namen genau zwölf Jahre lang – bis zum Einmarsch der Franzosen am 21. April 1945.

Bloß nicht politisieren: Die Zeit des Schlussstrich-Ziehens beginnt im Zeichen der neuen Namensfindung

Heute heißt die Lehranstalt „Goldberg-Gymnasium Sindelfingen“. Sie hätte auch „Geschwister-Scholl-Gymnasium“ heißen können. Im August 1949 hatte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes diesen Namen vorgeschlagen, das Kollegium hatte ihn in einer Mischung aus Selbstkritik und Selbstbemitleidung abgelehnt: Die frühere Benennung habe „bei der Bevölkerung des Kreises zu Missverständnissen über die politische Haltung der Lehrerschaft“ geführt, weshalb es einen neutralen Namen bevorzugen wollte: Die Zeit des „Schlussstrichs“ hatte begonnen.

Unser Autor Michael Kuckenburg war von 1974 bis 2012 Lehrer am Goldberg-Gymnasium Sindelfingen und Leiter der dortigen Geschichtswerkstatt. An diesem Montag um 18 Uhr hält er zum Thema einen Vortrag in der Goldberg-Seniorenakademie Sindelfingen, Goldbergstraße 24.

Geschichtsvergessenheit wird als Direktive ausgegeben

Unter den Teppich gekehrt
Der frühere Name wird fast vier Jahrzehnte lang peinlich unter der Decke gehalten. Bei der großen 50-Jahr-Feier im Juli 1979 wird, wenn es um die Zeit 1933 bis 1945 geht, etwas nebulös von der „Schule auf dem Goldberg“ gesprochen; der Hauptredner hatte vorher von einem Verantwortlichen den Hinweis bekommen: „Problematisches aus der Zeit des Dritten Reiches sollte nicht angesprochen werden.“

Aufarbeitung
Die Geschichtswerkstatt des Goldberg-Gymnasiums macht 1983 den früheren Schulnamen publik, das wird nicht überall gern gesehen. Seit 2004 bekennt sich die Schule auf einer Stele neben dem Haupteingang öffentlich und ganz offen zu ihrem früheren Namen.

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