Wie barrierefrei ist Esslingen? Die Hürden beim Estival werden weniger

Christian Lira aus dem Inklusionsbeirat bei der Probe aufs Exempel. Prompt war ein Rollstuhlfahrer-Klo abgesperrt. Foto: /Caroline Holowiecki

Bei der Planung des Estivals ist speziell aufs Thema Inklusion geachtet worden. Ist also wirklich alles barrierefrei? Zwei Rollstuhlfahrer haben es getestet.

Abgesperrt! Das Vorhängeschloss, das die Tür zum Dixie-Klo verschließt, ist so klein, dass man es auf den ersten Blick nicht mal sieht, seinen Dienst tut es trotzdem. Wer jetzt mit einem dringenden Bedürfnis vor der blauen Tür steht, hat ein Problem, denn hier geht es nicht hinein. Dabei hat doch gerade diese mobile Toilette auf Höhe der Unterführung hinter dem Esslinger Rathaus eine ganz besondere Funktion. Sie wurde eigens für Rollstuhlfahrer angeschafft, die das Estival, das sommerliche Festival auf dem Marktplatz, besuchen. „Das ist ein dummer Zufall“, sagt Jörg Schall und wirkt etwas genervt. Er hat als Planer die Konzeption für die Veranstaltung erstellt, die in diesem Jahr zum zweiten Mal im Herzen der Altstadt steigt. „Wir haben schon bei der Premiere explizit auf die Barrierefreiheit geachtet“, erklärt er. Auch an zwei extra geräumige und rollstuhlgerechte Dixie-Klos wurde gedacht. Tatsächlich sind die beim Test am Freitagmittag beide zugesperrt. Zumindest in einem Fall ist rasch eine Reinigungskraft zur Stelle, um aufzumachen.

 

Die Veranstalter kontrollieren die Rettungswege täglich

Birgit Huber und Christian Lira sind an diesem Tag da, um das Estival auf die Probe zu stellen. Beide sind im Inklusionsbeirat der Stadt, und beide sind auf ihre Rollstühle angewiesen. Birgit Huber (59), die Vorsitzende, hat Multiple Sklerose, Christian Lira (39) ist von einer Querschnittlähmung betroffen. Um auf einem Straßenfest wie dem Estival durchzukommen, brauchen sie breite Wege. Die gibt es quasi überall, auch auf besonders gut befahrbare Kabelbrücken am Boden wurde Wert gelegt. „Wir haben keine Kosten gescheut“, sagt die Veranstaltungsleiterin Petra Pfeiffer, die Rettungswege etwa würden auch täglich kontrolliert.

Dennoch: Den Betroffenen fallen etliche Dinge auf, die man inklusiver gestalten könnte. Das fängt schon bei der Möblierung an. Viele Wirte setzen auf Bierbänke, dort allerdings sind Menschen mit Rollstühlen gezwungen, sich am Kopfende zu platzieren, gesellig mitten hinein geht es nicht. „Auch für Kinderwagen ist wichtig, dass da etwas Platz ist“, sagt Birgit Huber. Anderswo wurden hohe Stehtische aufgebaut, mitunter mit Barhockern. „Essen kann ich da nicht“, sagt sie und blickt zur Tischplatte, die sich bei ihr auf Augenhöhe befindet. Die Lauben, in denen Speisen und Getränke serviert werden, sind allesamt barrierefrei – mit einer Ausnahme. In der Hütte von „Currles Culinarium“ sind am Boden Hackschnitzel ausgestreut. „Hackschnitzel gehen nicht für Rollstuhlfahrer“, sagt Christian Lira. Die Wirtin Annette Currle räumt ein, dass beim Bodenbelag in erster Linie auf eine heimelige Atmosphäre geachtet worden sei. Allerdings: Es gibt etliche Plätze im Currle-Außenbereich, das heißt, dass Rollstuhlfahrer ausweichen können.

Es müssen noch dicke Bretter gebohrt werden

Grundsätzlich sehen Birgit Huber und Christian Lira, dass man sich in Esslingen Mühe gibt und sich auch beim Estival Gedanken gemacht hat. Das sei nicht überall so. „Zu 90 bis 95 Prozent funktioniert es nicht. Hier aber ist man gut aufgestellt“, findet Birgit Huber. So gibt es beispielsweise im Agneshof und auch anderswo in der Innenstadt spezielle Toiletten mit Liegen, Liften und mehr für Menschen mit Behinderungen. Auch sind rund um den Marktplatz Streifen im historischen Kopfsteinpflaster abgeschliffen, damit man mit Rollstühlen oder Rollatoren vorankommen. „Rollstuhlfahrer suchen sich Wege, die bequem und sicher sind“, stellt Christian Lira klar. Dass an diesem Tag eine Hochzeitsgesellschaft vor einem Restaurant einen solchen Durchgang versperrt, obwohl Jörg Schall den Bereich zuvor mit Farbe markiert hatte, ist keine böse Absicht, kommt aber im Alltag immer wieder vor. „Da müssen noch dicke Bretter gebohrt werden“, sagt Christian Lira.

„Hundertprozentig ist es noch nicht“, räumt auch Jörg Schall zum Thema Barrierefreiheit auf dem Estival ein. Doch es tut sich was. So betont Petra Pfeiffer, dass man sich bemüht habe, die wichtigsten Informationen online zu hinterlegen. „Man kann bei den Wirten reservieren. Wenn man sich anmeldet, kann man viel machen“, sagt sie. Rund um die Veranstaltung gebe es spezielle Parkplätze, etwa in der Marktplatz-Tiefgarage oder an der Abt-Fulrad-Straße. „Es wird immer besser“, findet auch Birgit Huber, die Stadt schaue, dass es vorangeht. So sei ein weiteres Spezial-WC an der Ritterstraße geplant.

Barrierefreiheit in Esslingen

Online-Tipps
 Die Stadt Esslingen hat auf ihrer Homepage Hinweise zusammengetragen, wie Menschen mit Einschränkungen barrierefrei vorankommen. So gibt es dort Tipps zu einer besonderen Stadtführung, eine Übersicht über öffentliche Toiletten oder Schwerbehindertenparkplätze. Zudem sind Freizeit- und Gastrotipps von unterschiedlichen Akteuren verlinkt. Der Inklusionsbeirat hat unter dem Titel „Feste feiern in Esslingen“ eine Fülle von Tipps für Veranstalter zusammengestellt. Auch diese Auflistung ist online abrufbar.

Veranstaltung
 Das zweite Estival, das die Nachfolgeveranstaltung des traditionellen Zwiebelfestes ist, findet noch bis zum Mittwoch, 16. August, auf dem Marktplatz in Esslingen statt. Das sommerliche Festival steigt täglich von 11.30 Uhr bis 23 Uhr, freitags und samstags bis Mitternacht. Der Eintritt ist kostenfrei.

Programm online unter:
www.estival-esslingen.de

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