Wie belastet ist das Filderkraut? Mit gutem Gewissen genießen

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Die Filderfelder liegen in direkter Nachbarschaft zu Autobahn und Flughafen. Wie belastet ist das beliebte Filderkraut deshalb?

Der Flughafen und die Filderkautfelder liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Mit Kontaminationen sei dennoch nicht zu rechnen, sagen Fachleute. Foto: Horst Rudel
Der Flughafen und die Filderkautfelder liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Mit Kontaminationen sei dennoch nicht zu rechnen, sagen Fachleute. Foto: Horst Rudel

Filder - Michael Gehrung erzählt gern einen Witz, wenn er auf Schadstoffe im Filderkraut angesprochen wird. „Ich sage dann, dass wir das Kraut eigentlich auf dem Mittelstreifen der Autobahn anbauen“, sagt der Bauer und landwirtschaftliche Obmann für Plieningen. Viele Kunden seien es aber nicht, die Bedenken äußern, weil die Plieninger Felder den Stuttgarter Flughafen und die Autobahn A 8 zum Nachbarn haben. Ab und zu käme das aber vor, sagt Gehrung. „Ich erinnere die Leute dann daran, dass der ganze Himmel voller Flugzeuge ist, nicht nur der über Plieningen“, sagt der landwirtschaftliche Obmann im Bezirk.

Recht gibt ihm die Dienststelle für Lebensmittelüberwachung beim Amt für öffentliche Ordnung. Das Spitzkraut von den Fildern könne bedenkenlos genossen werden, heißt es von Seiten der Stadt. Für die Stuttgarter Ortsgruppen der Umweltschutzorganisationen BUND und Naturschutzbund (Nabu) ist laut Aussage von Vertretern eine mögliche Belastung des Filderkrauts durch Flugzeugkerosin oder Abgase von der Autobahn gleichfalls kein Thema. Sogar die flughafenkritische Schutzgemeinschaft Filder bezweifelt, dass der Flugverkehr die Felder auf den Fildern kontaminiere. Steffen Siegel, dem Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Filder, fällt es nicht leicht, beim Flug- und Autoverkehr zumindest im Punkt Filderkraut Entwarnung zu geben. Er formuliert es so: „Ich hätte die gleichen Bedenken, Filderkraut zu essen wie bei irgend etwas anderem, dass in einer Großstadtregion angebaut wird.“

Flugzeuge stoßen Schadstoffe in großer Höhe aus

Dass es aber eine besondere Belastung des Filderkrauts etwa durch von Flugzeugen abgelassenes Kerosin gebe, sei Unsinn, stellt Siegel klar. „Die Flugzeuge lassen höchstens Kerosin ab, wenn sie eine Bruchlandung vornehmen müssen und einem Feuer vorbeugen wollen. Der Treibstoff ist viel zu teuer, als dass er einfach über die Felder gekippt wird.“

Anderslautende Gerüchte, die es vor allem vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, verweist Siegel ins Reich der Legenden. Die Schadstoffe, die von Flugzeugen in den Kondensstreifen ausgestoßen werden, würden außerdem in großer Höhe in die Atmosphäre gelangen. „Da wird dann der Schaden angerichtet, sagt Steffen Siegel.

Das Filderkraut selbst schütze Verbraucher aber davor, Substanzen zu konsumieren, die das Kraut auf den Feldern kontaminiert haben, sagt Siegel. „Umweltstoffe sammeln sich am obersten Blatt. Das wird aber bei der Verarbeitung entfernt und nicht mitgegessen. Der Krautkopf selbst bleibt sauber.“

Das Innere des Krautkopfs ist geschützt

Der Bodenkundler Andreas Lehmann hat sich an der Universität Hohenheim mit dem Filderkraut beschäftigt. Studien jüngeren Datums, die sich mit der Umweltbelastung des Filderkrauts beschäftigen, fallen dem Wissenschaftler spontan nicht ein.

Er verweist auf Erhebungen aus dem Jahr 1978. In ihnen sei es um Blei aus Auspuffrohren gegangen, sagt Lehmann. Damals sei die Untersuchung zu dem Ergebnis gekommen, dass mögliche Belastungen nicht in das Innere des Krautkopfs gelangen. „In Bezug auf Belastung durch Autoabgase halte ich die Studie auch heute noch für aussagekräftig. Blei ist schließlich ein Stoff, den auf den Fildern fast ausschließlich Kraftfahrzeuge ausgestoßen haben – bis es dann in den Achtzigern bekanntlich nur noch bleifreies Benzin gab“, sagt Lehmann. Wenn also das Blei nicht ins Kraut gelangen konnte, könne das auch kein anderer Schadstoff, so die Argumentation.

Die Bedenken, dass die Nachbarschaft zu A8 und Flughafen eine besondere Belastung der Felder etwa in Plieningen bedingen, teilt Andreas Lehmann auch aus einem anderen Grund nicht. Abgase seien kurz nach dem Ausstoß warm und würden deshalb in die Höhe steigen. Dort würden sie dann verwirbelt. „Oft sind letztlich Gegenden kontaminiert, die weit weg von der Quelle der Schadstoffe liegen. Der saure Regen hat zum Beispiel auch ländliche Gegenden betroffen, die weit weg von den städtischen Zentren lagen“, sagt Lehmann.

Das Fazit: Das Filderkraut lässt sich aus Sicht des Wissenschaftlers mit dem gleichen guten Gewissen genießen wie anderes Gemüse auch. Bedenken müssen die Verbraucher freilich, dass keine Glasglocke mit eigener Luftversorgung über den Spitzkrautfeldern der Filderebene liegt. Das Filderkraut gedeiht an derselben Luft, die auch die Menschen auf den Fildern atmen – und die ist in einer industrialisierten Welt nirgendwo frei von Kontamination.