Wie Comics unser Belgien-Bild prägten Land der Knubbelnasen

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Der Belgier Hergé hat 1929 mit der Erfindung von „Tim und Struppi“ Comic-Geschichte geschrieben. Seine Heimat Belgien wollten sich viele seiner Fans als glückliches kleines Land vorstellen. Am Dienstag hat dies Vorstellung Risse bekommen.

Belgien weine um seine Kinder, verkünden hier auch Tim und Struppi einer Welt, die diese Helden bislang heiterer kannte. Foto: Twitter
Belgien weine um seine Kinder, verkünden hier auch Tim und Struppi einer Welt, die diese Helden bislang heiterer kannte. Foto: Twitter

Stuttgart - Wie genau Werke der Kultur unsere Vorstellungen von den Orten und Verhältnissen ihrer Entstehung prägen, wird man nie in verlässlichen Formeln ausdrücken können. Aber dass das Gedräue, Gewüte und Gehabe der Nibelungen weltweite Vorstellungen vom deutschen Gemüt mitgeprägt haben, wird kaum jemand bestreiten. Belgiens Fluch und Glück ist es, dass die Nachbarn in Europa bei belgischer Kultur an etwas Freundliches, Erheiterndes, Geborgenheit Spendendes denken: an Comics, deren Charme Altersschranken überwindet, an die frankobelgische Schule, an grafische Literatur, die einen wieder locker macht, wenn man zu verhärten droht.

Belgien, das ist „Tim und Struppi“: diesen Satz könnte man so stehen lassen, ohne sich entschuldigen zu müssen. Im Städtchen Louvain-la-Neuve haben sie dem Erfinder der „Aventures de Tintin“, Georges Prosper Remi, der sich Hergé nannte, und dessen Kunst, dem Comic, ein Museum errichtet, das „Musée Hergé“. Sie wissen, was sie an ihm haben, denn mit dem bahnbrechenden „Tim und Struppi“ beginnt die so genannte Ligne claire, deren klarer Strich, aufgeräumte Bildkompositionen und zugängliche Geschichten für viele Comicmacher auf lange Zeit Ideale wurden.

Global auf Achse

Belgien, ein Land lustiger kleiner Knubbelnasenmännchen, dieses Bild überlagerte alle Nachrichten von ethnischen Konflikten, Sprachenstreit und seltsamen Vorgängen in den Justizbehörden, wenn es etwa um die Ermittlung in Sachen organisierten Kindesmissbrauchs ging. Belgien war ein Land, in dem wir uns Terroranschläge, Islamistenzellen und den Krieg im Frieden nicht vorstellen mochten: als würden wir sonst eines letzten Sicherheitsversprechens aus Kindheitstagen beraubt.

Natürlich konnte man „Tim und Struppi“ immer schon auch anders lesen. War nicht irgendwie verdächtig, dass die Heimat der Helden kaum vorkommt, dass sie beständig global auf Achse sind, als sei das Zuhause der Inbegriff des nicht Auszuhaltenden? Waren nicht die „Tim und Struppi“-Alben verknüpft in viele politischen Umwälzungen, Schrecken und Ungerechtigkeiten?

Verknüpft mit der Welt

Das erste lange Abenteuer der Reihe von 1929 heißt „Tim im Lande der Sowjets“ und war so polemisch „antibolschewistisch“, wie das damals hieß, dass Hergé sich später dafür schämte. Das zweite Abenteuer, „Tim im Kongo“, mixte in der Urfassung Possierliches mit blankem Kolonialismus und Rassismus. Auch nach kleinen Bereinigungen in späteren Auflagen sind die noch immer unübersehbar.

Auch vermeintlich niedliche Comics, auch „Tim und Struppi“ sind eben so verknüpft mit der unheilen Welt wie andere, weniger omnipräsente Werke der belgischen Literatur, wie Charles de Costers Klassiker „Ulenspiegel“, Louis Paul Boons Klassenkomödie „Eine Straße in Ter-Muren“ oder Jef Geeraerts bissige Krimis. In „Tim und Struppi“ tritt man dauernd heraus aus dem eigenen Kleinen mitten hinein ins große Andere. Das verstehen wir heute als Drohung.