Wie der Brexit Familie spaltet Das B-Wort ist tabu

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Der Riss zwischen Befürwortern und Gegnern des Brexit geht in Großbritannien oft durch Familien – auch durch die des Brexit-Vorkämpfers und früheren Außenministers Boris Johnson.

War einst für die EU, jetzt ist er dagegen: Großbritanniens Polit-Star Boris Johnson Foto: PRU
War einst für die EU, jetzt ist er dagegen: Großbritanniens Polit-Star Boris Johnson Foto: PRU

London - Auf verhängnisvolle Weise hat der Brexit die britische Gesellschaft gespalten – Alt und Jung, Nord und Süd, Stadt und Land, das ganze Königreich. Selbst Freundschaftsgruppen und Familien sind vielerorts zerstritten. Kuriose und tragische Geschichten hat man dazu in den letzten zweieinhalb Jahren gehört. Kuriose Geschichten, in denen zankende Ehepaare zur Erheiterung der Nation ihren Streit live vor der Kamera austrugen. Oder wo Kummerkasten-Tanten ihren Lesern und Leserinnen nachdrücklich rieten, das B-Wort bei Tisch lieber nicht zu benutzen – und zur Sicherheit vielleicht auch nicht im Bett.

Eher tragisch waren Fälle, bei denen junge Leute ihren Eltern nicht vergeben konnten, dass sie für den Austritt gestimmt hatten. „Die haben uns unsere Zukunft gestohlen“, klagten Pro-EU-Jungwähler nicht selten. Viele zogen verärgert von zu Hause aus. Aber auch Paare konnten oft nicht über die Kluft hinweg kommen, die sich mit einem Mal auftat in ihrer Mitte. Ein britischer Arzt berichtete, dass ihn prompt seine deutsche Frau verlassen habe, als er ihr offenbarte, wohin er sein Kreuz gesetzt hatte: „Seither habe ich sie nie wieder gesehen.“

Familienstreit im Hause Johnson

Von den meisten dieser Dramen hat man natürlich gar nie erfahren. Aber einige haben sich im vollen Licht der Öffentlichkeit abgespielt. Zum Beispiel das der Johnsons – einer englischen Familie, die eine gewisse notorische Berühmtheit erlangt hat im Brexit-Trubel, weit über die Inselgrenzen hinaus. Vater Stanley Johnson, vormals ein konservativer Europa-Abgeordneter mit ausgeprägt grünen Interessen, hatte sich ja zum Referendum an die Spitze der Gruppe „Umweltschützer für Europa“ gesetzt, zwecks Verbleib in der EU. Sein Sohn Boris dagegen führte das gesamte Anti-EU-Lager an im Lande – und half den Brexit am Ende „durchzudrücken“, wie der Rest der Familie staunend fand.

Dabei hatte sich Stanleys Filius, der Ex-Bürgermeister von London und spätere britische Außenminister, bis zum Beginn der Referendums-Kampagne noch alle Möglichkeiten offen gehalten. Noch 2013 hatte er britische Mitgliedschaft im EU-Binnenmarkt als geradezu unerlässlich bezeichnet. Dann aber kam er zum Schluss, dass er sich als Kopf einer bis dahin kopflosen Brexit-Bewegung besser profilieren könne, auf dem Weg in die Downing Street, im Ringen mit David Cameron. Von da an suchte Boris, angefeuert von der Parteirechten, sein Land mit allen Mitteln einem „harten“ Brexit zuzuführen. Zimperlich war er in seiner Rhetorik nie. Einmal warf er „Remainern“ vor, mit ihrer Affinität zu Europa den Brexit überhaupt erst provoziert zu haben: „Wenn ich all die vielen junge Leute sehe, die sich mit Lippenstift die zwölf Sterne ins Gesicht gemalt haben, macht mir der Gedanke große Sorgen, dass diese Leute ganz und gar zwiespältige Zugehörigkeits-Gefühle haben.“ Richtig britisch waren die Sternenkinder für ihn eben nicht.

Alle gegen Boris

Spötter konnten es sich nicht verkneifen, von einem Problem im Hause Johnson zu sprechen, das man „nur Freud“ erklären könne. Irgendwann einmal, hieß es im linksliberalen Londoner Guardian, werde sich erweisen, dass dieser ganze unheilvolle Abschnitt der britischen Geschichte nichts als ein „Johnsonianisches Psychodrama“ war. Tatsächlich sind an der Kontroverse nicht nur Vater und (ältester) Sohn beteiligt. Tochter Rachel, die in ihrem Leben „nie anders als konservativ gewählt“ hatte, ärgerte sich über die Brexiteers dermaßen, dass sie im Protest der pro-europäischsten aller Parteien, den Liberaldemokraten, beitrat. Ihren wuschelköpfigen Bruder forderte die Zeitungs-Kolumnistin Rachel auf, in seinem großen Eifer erst mal mit einer „brauchbaren“ Alternative zur Regierungslinie heraus zu rücken.

Ähnlich sah es der jüngere Bruder der beiden, „der kleine“ Jo. Für Jo Johnson ging es im Blick auf Brexit um „pragmatische Realität“, nicht um „schöpferische Zerstörung“ nach Art der Brexit-Hardliner. „Wir haben schon einige Zeit lang aneinander vorbei geredet“, seufzte Jo, was den Kontakt zu Bruder Boris anging. „Es ist wie überall im Lande. Aber jetzt rege ich mich nicht mehr auf über ihn.“ Wie Boris Johnson ist auch Jo Johnson Unterhaus-Abgeordneter für die Tories. Unter Cameron war er erst Chef der politischen Abteilung der Regierung und dann Universitäts-Staatssekretär. Ein stillerer und etwas nachdenklicherer Zeitgenosse als der ältere Bruder, stand Jo 2016 wie Rachel und Stanley Johnson auf der „Remainer“-Seite. Jüngst ist er aus der Regierung ausgetreten, weil er befürchtet, dass Theresa Mays mit „ihrem“ Brexit „die schlimmste Krise seit Suez“ verursacht hat. Genau wie Schwester Rachel ruft auch Jo jetzt nach einem neuen Referendum – in der Hoffnung, dass der Brexit in letzter Minute noch abgeblasen wird.

Brüderliche Ablehnung

Jo selbst ist übrigens nicht nur mit einer prominenten, pro-europäischen Journalistin des Guardian verheiratet. Beider Kinder sind auch schon im Herbst bei der Londoner „Peoples Vote“-Kundgebung der 700 000 (für einen neuen Volksentscheid) mitmarschiert. Boris Johnson, der bereits im Sommer zurück getreten war, weil er weder Mays Kurs noch einen Verbleib in der EU für akzeptabel hielt, hat seinem Bruder für dessen Rücktritt jedenfalls „grenzenlose Bewunderung“ gezollt. So macht man das bei den Johnsons. Rachel versicherte, sie sei „enorm stolz“ auf ihren „prinzipientreuen“ Bruder – eine offenkundige Spitze gegen Boris, der auf der anderen Seite steht. Jo selbst suchte das Positive zu unterstreichen: Dass er und Boris, und sei´s aus total gegensätzlichen Gründen, nun in „brüderlicher Ablehnung“ der Regierungspolitik vereint seien. Wie weit diese Einigkeit trägt, mag allerdings niemand zu sagen. Vielleicht wird auch bei Familienfesten der Johnsons im neuen Jahr das B-Wort besser nicht erwähnt.