Wie die Stuttgarter Zeitung mit Hassbriefen umgeht Mit Mut und Fakten gegen Wut und Lügen

Hass im Netz, Hass in Leserbriefen, Hass, der sogar zum Aufruf zur Gewalt werden kann? StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs hat im StZ-Stadtbüro über Hassmails, Netznetiquette und heikle Fragen gesprochen.

Muntere Debatte: Michael Kienzle (links) und Joachim Dorfs Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Muntere Debatte: Michael Kienzle (links) und Joachim Dorfs Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Ist der Verfasser dieses Artikels hirnamputiert? Wenn ja, geht die Sache in Ordnung. [. . .] Langsam wird es wirklich notwendig, dieses Lügenpresse-Blatt abzubestellen.“ Diesen und andere Leserbriefe an die Stuttgarter Zeitung hatte Joachim Dorfs am Montag zum Gespräch mit Michael Kienzle ins Stadtbüro der StZ gebracht. Rund 30 Zuhörer folgten dem munteren mitunter launigen Austausch des Chefredakteurs mit dem Vorstand der Stiftung Geißstraße zum Thema „Wucht der Worte“.

Hass im Netz, Hass in Leserbriefen, Hass, der sogar zum Aufruf zur Gewalt werden kann? Michael Kienzle, aber auch etliche Zuhörer, fragten Joachim Dorfs, woher der viele Hass denn komme. „Ich glaube, dass das Internet zu einer Enthemmung beigetragen hat“, berichtet Joachim Dorfs aus der täglichen Praxis. Möglicherweise, so Dorfs weiter, sei der Ton in Stuttgart auch durch die Auseinandersetzungen über S 21 rauer als anderswo. Aber eines sei auch festzustellen: die Menge der sehr zugespitzten Zuschriften sei nach Höhepunkten zu S 21 und der Flüchtlingswelle nicht weiter gestiegen, sondern ebbe eher wieder ab. Rund 200 Mails und Briefe sowie mehrere 1000 Kommentare und Posts online bekomme die Redaktion pro Woche.

Viele Leser unterschützen Wucht der Worte

Ganz konkret gibt es bei der StZ seit einiger Zeit nicht mehr unter jedem online erschienenen Text eine Kommentarfunktion, das habe auch Kapazitätsgründe. Denn jeder Kommentar müsse von der Redaktion freigeschaltet werden. Dort wie auch bei Facebook, das der Chefredakteur wie viele Journalisten auch zur Information nutze, toleriere die Redaktion Meinungsäußerungen bis an „die Grenzen dessen, was gesagt werden kann“. Selten werde ein Kommentator gesperrt, eher greife man dazu, auf die Netznetiquette hinzuweisen – also rate, auf Wortwahl und Ton zu achten.

Als „heikel“ bezeichnete Joachim Dorfs die Frage, wann eine Redaktion die Nationalität eines Verdächtigen nennt. Der deutsche Presserat hat dazu jüngst Leitlinien verfasst, „die wir bei der StZ ernst nehmen, aber auch für uns interpretieren“, erklärte Dorfs. Darin heißt es, dass die Herkunft in der Regel nicht erwähnt werden soll, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse oder ein inhaltlicher Zusammenhang zur Tat. „Wir müssen immer den Einzelfall bewerten, aber auch darauf achten, dass wir uns nicht unglaubwürdig machen, wenn bestimmte Nachrichten in der Welt sind“, so Dorfs weiter. „Wir müssen einfach immer wieder sorgfältig recherchieren und die Fakten prüfen“, sagte der Chefredakteur.

Viele Leser unterschätzten ganz sicher die Wucht der Worte, glaubt Dorfs. Wenn man aufgebrachte Leser anrufe, zeige sich das oft. „Denn beim Reden gibt es Raum für Zwischentöne.“




Unsere Empfehlung für Sie